Achilles' Verse: Schon ganz ballaballa - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Schon ganz ballaballa

Achim Achilles kann sich kaum noch aufs Laufen konzentrieren. Die WM macht ihn völlig nervös, er ist total aus dem Rhythmus. Gott sei Dank ist jetzt erst einmal für die nächsten vier Wochen Pause. Sonst drohte gar Schlimmeres.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf meiner Stammstrecke ist nichts mehr so wie früher. Seit Wochen ist das Mommsenstadion geschlossen. Heerscharen bienenfleißiger osteuropäischer Bauarbeiter sind damit beschäftigt, die vertraute Slalomstrecke zwischen den Schlaglöchern mit teurem Granit voll zu pflastern. Keine Parkplätze weit und breit, alles Sperrgebiet, bis in den Grunewald. Lehnt man sich zum Stretchen gegen einen Baum, fällt ein GSG9-Mann herab. Sicherheit total.

Klemmbrett-Karraß sagt, wir sollten sammeln für ein paar Palmen, damit sich der Jürgen Klinsmann wie zuhause fühlt. Die Nationalelf hat unser Stadion besetzt, trainiert auf jener Tartanbahn, die ich ungezählte Male entlang trampelte; Bernd Schneiders Schweiß veredelt den Rasen, den ich beim Auslaufen bisweilen barfuß berührte.

Ein Gefühl nationaler Bedeutsamkeit steigt auf. Die Vorrunde über, das haben Karl und ich beschlossen, werden wir versuchen, treue Fans unserer Jungs zu sein. Sicherheitshalber hat Mona aber schon eine Bahn grünen Stoff gekauft. Im Ernstfall schneiden wir das Schwarz-Rote einfach von der Fahne ab, die Karl über den Balkon gehängt hat, und tackern das Grüne ans Gelbe.

Die WM ist Ausnahmezustand, auch läuferisch. Pausenlos steht man vor der Entscheidung, zu trainieren oder aber Sternstunden des Weltfußballs mitzuerleben, Ikraine-Uran oder so. In den kommenden vier Wochen kommt es zu fortwährender Hobby-Kollision. Klar, wer verliert: der Tempo-Lauf. Immerhin habe ich mir vorgenommen, nicht bei jedem Spiel Bier zu trinken, jedenfalls nicht so viel.

Zum Glück gibt es diese praktisch kalorienfreien Chips. Und Fatburn-Cookies. Natürlich werde ich zum Finale trotzdem vier Kilogramm mehr und dafür keine Form haben. Egal. Dieses Opfer muss gebracht werden, für Deutschland, die Binnenkonjunktur und unsere Buben. Wehe, sie fliegen im Viertelfinale raus gegen die Inselaffen.

Natürlich ist es albern, wenn 22 erwachsene Männer einem Arbeitsgerät hinterher hecheln, das aussieht, als klebten Slipeinlagen daran. Andererseits: Wenn mein Neugeborener später fragt: "Papa, wo warst Du, als Klose das 2:1 im Finale gegen Togo geschossen hat?", da kann ich ja wohl schlecht antworten: "Tempotraining, mein Junge: 10x400 Meter." Natürlich könnte man zwischen den Spielen laufen gehen. Aber da kommen die Analysen. Und die Vorschauen. Man könnte was verpassen. Was umso dramatischer wäre, da ich von Fußball keine Ahnung habe. Woher soll die auch kommen, wenn immer Michael Steinbrecher und Konsorten moderieren?

Als Crash-Kurs habe ich ein "PLAYER"-Abo bestellt. Eine gute Zeitschrift, findet Mona: viele stramme Kerle, lecker fotografiert in Kunstschlamm. Für die Details wie Club, Alter, Position hat Karl ein Panini-Album. Und ich das Kleingeld. Wir brauchen noch Klose, Podolski, Huth und etwa 120 andere. Dafür haben wir Edwin Tenorio aus Ecuador im Dutzend. Von Läufern gab es nie ein Klebebild-Album. Karl fragt mich täglich ab. Wir sind gerade bei Tunesien. Ich werde richtig Eindruck machen, wenn ich vor dem Fernseher lässig fallen lasse: "Jetzt müsste Nafti auf Jaziri spielen." Vor der Schulung kannte ich nur Falafel und Couscous.

Ich werde mit Karl zum Mommsenstadion fahren, so dicht ran wie möglich. Dann werden wir durch den Zaun spechten und versuchen, eine Nasenspitze von Per Mertesacker zu erblicken. Wir werden Zeuge, wie die Jungs fertig gemacht werden vom Konditions-Coach: Verstegen Sie Spaß? "Auf dem Rasen laufe ich sonst", werde ich meinem Sohn voller Stolz mitteilen. Er wird gelangweilt etwas raunen, das wie "Autogramm" klingt. Ich fürchte, dass er nicht mich meint.

Ob unsere Jungs wirklich die ganze Zeit im Mommsen-Käfig eingesperrt sind? Vielleicht befiehlt unser Bundes-Jürgen ja ein paar Laufeinheiten durch den Grunewald. Auslaufen. Oder Sprints am Teufelsberg. Das wär's. Achilles cruised wie zufällig an der Alten Saubucht vorbei. Und plötzlich kommt Jogi Löw um die Ecke, mit Lehmann, Nowotny und Odonkor. Dann laufen wir zusammen, unsere Mannschaft und ich. Olli Kahn will mir eine reinhauen, einfach so, aus Prinzip, aber Ballack hält ihn zurück.

Wir plaudern ein bisschen, über Offshore-Geldanlagen, all diese lästigen Groupies und die CD von Mehmet Scholl, die er mal zusammengestellt hat, weil die Musik in der Bayern-Kabine so grausam war. Ach, der Mehmet. Schade, dass er nicht dabei ist. Und Owomoyela vermisse ich auch. Gerade jetzt, wo ich von Karl gelernt hatte, dass er nicht Uwe Mujela heißt.

Es wird trotzdem eine großartige WM, unsere WM. Vier Wochen lang schlägt König Fußball den Prinzen Dauerlauf. Deswegen ruht die Kolumne "Achilles' Verse" bis zum Dienstag nach dem Finale. Dafür gibt es vom Eröffnungsspiel an jeden Tag "Achilles' Spezial – aus dem Tagebuch eines deutschen Fans" – unfair, verletzend und immer gegen die anderen. Denn wenn wir schon eine mäßige Mannschaft haben, hilft nur Zusammenhalten, ausnahmsweise mal. Nur so schaffen unsere Jungs den Weg ins Finale. Und da putzen sie Brasilien 2:1.

Euer/Ihr Achim Achilles

P.S.: Die Beratungen am Mittwoch und Freitag laufen weiter. Karraß und Dimeo sollen auch mal was zu tun haben.

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