Achilles Verse Schweigen trotz Stulpen
Heute ist es soweit. Tag der Wahrheit. Unsere Ehe erlebt ihren härtesten Test. Mona und ich gehen gemeinsam laufen. Wobei nicht klar ist, ob wir gehen oder laufen werden. Vielleicht klettern wir nicht mal aus dem Auto, weil ich mein Gelübde vergesse. Dann ist alles aus. Unser Deal lautet nämlich: Sie lässt ihre blöden Walking-Stöcke zuhause und versucht, sich wie ein homo sapiens fortzubewegen. Dafür spare ich mir jeglichen Kommentar.
Immerhin: Wir sitzen schon mal im Auto. Ich habe rasch noch einen Blick in den Kofferraum geworfen, wie zufällig. Mal gucken, ob Mona nicht doch versucht hat, ihre Gehhilfen mitzuschmuggeln. Aber nein, mein Ehrenweib hält sich an unsere Abmachung. Ich lasse Mona fahren. Das ist ein gutes Schweigeaufwärmtraining. Eine Viertelstunde neben meiner Gattin auf dem Beifahrersitz ohne etwas sagen zu dürfen, und man ist automatisch Zen-Buddhist. Ich stelle sie mir immer mit Cord-Hut vor.
Das Brennen auf meiner Haut signalisiert mir, dass Mona mich aus den Augenwinkeln beobachtet. Sie lauert auf ein Wort von mir. Ich konnte sie nicht abhalten, das Jane-Fonda-Kostüm anzulegen. Wenigstens trägt sie heute nicht die Streifenleggings, sondern die fast neutralen hellblauen. Dafür maisgelbe Stulpen, da müssen wir uns wenigstens vor Wildschweinangriffen nicht fürchten.
Wir sind am Hüttenweg. Parklücken von frauenfreundlicher Größe. Mona trifft beim ersten Versuch. Es muß unser Glückstag sein heute. Wir steigen aus, so langsam, als hätten wir gleich ein Duell auf der Dorfstraße. Sie beobachtet mich. Mir darf nicht mal ein Hauch Grienen entfleuchen. Ich denke an etwas sehr Trauriges, meine 10-Kilometer-Zeit zum Beispiel. Da vergeht einem jedes Grinsen.
Mit einer neutralen Handbewegung weise ich den Weg in den Wald und trabe los. Traben ist eigentlich zuviel gesagt, es ist mehr ein Gehen auf der Stelle, dass nur deswegen wie Laufen aussieht, weil man die Füße etwas höher nimmt und daher lauter auf den Boden platschen lassen kann. Es muß wie Sport aussehen, darf aber gleichzeitig nicht anstrengend wirken, sonst spürt Mona umgehend Erschöpfungszustände. Frauen sind selten wirklich erschöpft, aber sie haben die Fähigkeit, sich schnell so zu fühlen. Wenn man jetzt den harten Hund von der Kette lässt und Sätze sagt wie: "Reiß dich einfach mal zusammen", oder: "Versuchs doch wenigstens mal", dann ist der Lauf sofort beendet, auch wenn man total Recht hat. Man darf Frauen nie die Chance geben, sich in Tränen oder Beleidigtsein zu flüchten. Das ist der ganze Trick für eine glücklichen Beziehung.
Tatsächlich, Mona macht mein Fast-auf-der-Stelle-Laufen einfach mit. Wir bewegen uns nun schon fast zwei Minuten am Stück, haben uns gut 100 Meter vom Auto entfernt, und sie hat noch nicht einmal gejammert. Zu gern würde ich einen Blick auf die Frau werfen, die an meiner Seite kämpft. Aber wie soll ich gucken? Jedes noch so zärtliche Lächeln würde als Hohn interpretiert, jeder besorgte Blick erst recht. Ich versuche, aus den Augenwinkeln den Zustand meiner Gattin zu erspähen. Ich bin sicher, dass sie jetzt in diesem Moment genau das gleiche versucht. Immerhin haben wir offenbar Interesse aneinander. Eine gute Nachricht nach 14 Jahren Ehe.
Au weia. Von vorn nähert sich eine Laufgruppe, bestimmt ein Dutzend. Geduckte Haltung verrät hohes Tempo. Irgendeiner von ihnen wird mich erkennen, so wie man halt jeden kennt, der jahrelang durch denselben Wald hechtet. Oh Schreck, es ist Klemmbretts Raketentruppe, keine 50 Meter entfernt. Ich schaue zu Boden und versuche zu gucken, als ob ich gar nicht ich wäre, sondern jemand anders. Ich nehme die Hand vors Gesicht, so als ob ich mich kratze. Keine Chance. "Moin, Achim", brüllt Felix. "Ach, der Achim", gröhlt Bernd. Die anderen raunen auch alle was. "Tach, Jungs" erwidere ich, als sei es das Normalste von der Welt, mit einer Frau in gelben Stulpen Reha-Übungen am Waldparkplatz zu veranstalten. Zum Glück sind sie nicht die Typen, die wegen irgendwas anhalten würden. Könnte ja den Kilometerschnitt versauen.
Ich blicke entschuldigend zu Mona. Hauptsache, sie glaubt nicht, ich hätte die Jungs herbestellt, um psychologischen Druck aufzubauen. Aber Mona denkt gar nichts, sondern versucht tapfer, so was wie Rhythmus zu finden. Einen Kilometer haben wir fast geschafft. Und unsere Ehe hält immer noch. Ich werde meine Frau noch etwas tiefer in den Wald locken.