Achilles' Verse Solariumskrähe mit Biss
Warum zum Zeitnehmer hatte ich mich mit Roland um 7 Uhr morgens verabredet? Unser birnenförmiger Nachbar wollte mit dem Laufen anfangen. Und ausgerechnet mich hatte er sich als Coach ausgesucht. Aber warum mitten in der Nacht? Weil ich Trottel meinte, mit Läuferhärte angeben zu müssen: Es gibt kein zu früh, zu lang, zu schnell, hatte ich am Abend vorher nach dem dritten Glas Rotwein gestrunzt. Die üblichen Sprüche halt, die Läufer gegenüber Nicht-Läufern machen, um sie einzuschüchtern. Dabei ist es ist bestimmt drei Monate her, dass ich zum letzten Mal so früh trainiert habe, vielleicht auch schon Jahre. Roland hält mich seit gestern Abend für einen knallharten Rund-um-die-Uhr-Athleten. Falscher schätzte nicht mal Mona meine Frondienstbereitschaft ein.
Fitnessguru Strunz: Zehn Kilometer in vierzig Minuten
Foto: DDPRoland trippelte schon im Hausflur, als ich um Punkt fünf nach sieben die Treppe hinunter gewankt kam. Der Rotwein hielt meinen Gaumen mit einem festen Pelz umkleidet. Roland sah aus wie der späte Elvis. Sein weißer Trainingsanzug spannte und stammte aus der Zeit, als man einen B-Kadett fuhr. Er hatte ein Handtuch um den Hals geschlungen wie Rocky, fummelte nervös an seiner käsestullengroßen Pulsuhr mit Mondkraterortung, schob seinen Pulsmessgurt mal über, mal unter seine Bierbrüste und trug Schuhe mit genug Chromsilber, um alle Plateaustiefel von The Sweet zu beschlagen - die perfekte Wildschweinscheuche.
"Ziehst Du Dich im Auto noch um?", fragte ich. Roland war empört. "Ich war extra im Ausdauertempel. Die haben gesagt, dass Pulsuhr und Schuhe wichtig sind, der Rest sei erstmal egal. Ich habe ein Vermögen ausgegeben." Volkswirtschaftlich sind Anfänger wie Roland ein Segen. Mögen die Finanzmärkte auch zusammenbrechen - Laufnovizen gucken im Sportgeschäft genausowenig auf Preisschilder wie Oligarchen im Superyacht-Laden. Beide glauben an die geheimnisvolle Kraft des Teuren. Ich musterte Roland wortlos und ersparte ihm die verdiente Kommentierung. Offenbar gibt es für Pulsmessriemen jetzt auch schon Verlängerungen wie für Flugzeuggurte.
Zum Glück hatten wir entschieden, unseren ersten gemeinsamen Lauf weitab der Zivilisation zu absolvieren. Mit diesem Amateur musste mich nun wirklich keiner sehen. Wir fuhren mit dem Auto Richtung Grunewald. So früh ist bestimmt noch kein Berliner auf den Beinen, dachten wir. Aber leider alle Zuwanderer. Nach fünf Minuten standen wir im ersten Stau. Roland kaute an einem Powerbar und dozierte aufgeregt sein Internet-Wissen. "Magnesium und Eisen habe ich schon eingenommen", sagte er und erwartete Lob. Ich schwieg. "Wir müssen zuerst meinen Maximalpuls bestimmen", erklärte Roland, "und auf den Kniehub achten." Man sollte Lauf-Novizen die ersten drei Monate auf Google-Entzug setzen.
"Wir laufen erstmal locker los und schauen, wie weit wir kommen", schlug ich vor. "Aber mein Maximalpuls...", protestierte Roland. "Der kommt von alleine", sagte ich. "Doktor Strunz sagt, dass man zehn Kilometer in 40 Minuten laufen muss, sonst ist man eine Parkschleiche." "Nee, klar", erwiderte ich, "und zum Aufwärmen laufen wir noch schnell einen Halbmarathon." Roland guckte interessiert. Er hatte nicht die geringste Ahnung von unserem schönen, edlen Ausdauersport, aber als Werbeheini war er es gewohnt, sich in allen Lebenslagen mit flachem Halbwissen zu behelfen. Sätze, die mit "Doktor Strunz sagt ..." anfangen, enden selten mit Endorphinschüben.
Was fällt dieser Solariumskrähe ein, alle Läufer zu beschimpfen, die länger als 40 Minuten für zehn Kilometer brauchen? Ich fühlte mich diskriminiert. Was sollte ich denn meinem Schüler Roland sagen? Dass ich noch nie in meinem Leben unter 40 Minuten geblieben bin? Und dass es mich endlose Selbsttherapien gekostet hat, damit fertig zu werden? Derlei Bekenntnisse würde meine Autorität als Coach unwiederbringlich zerstören: Parkschleiche trainiert Leberwurst. Danke, lieber Dr. Strunz.
Ich hatte mir die Trainerrolle einfacher vorgestellt. Am liebsten hätte ich Glitzer-Roland zusammengepfiffen, einfach so, aus Freude am rauen Ton. Aber der Weg des Shaolin erschien mir ratsamer. Sollte der Depp seine eigenen Erfahrungen machen. An Niederlagen konnte man sich nicht früh genug gewöhnen. Auf dem Parkplatz wollte Roland stretchen, er hatte Vorlagen ausgedruckt. "Schnickschnack", erklärte ich und verordnete "viermal um den See in 40 Minuten, das kriegt eigentlich jeder Anfänger hin." Eine Runde machte ziemlich genau zweieinhalb Kilometer. Roland guckte gelehrig wie ein Spaniel und stuckelte los. Ich trabte locker hinterher und freute mich auf das Schauspiel, das mich erwartete.
Ab sofort gibt es einfühlsame Beratung für Lauf-Einsteiger vom neuen Achilles-Experten Piet Könnecke auf Achim-Achilles.de . Und am Mittwoch erklärt Triathlon-Olympiasieger Jan Frodeno, wie man richtig trainiert.