Achilles' Verse Stechwütige Pseudosportler
Neulich wartete ich an der Kasse eines schwedischen Bekleidungshauses, versunken in den Gedanken, ob ich die beiden Business-Hemden zurücktragen und stattdessen doch lieber ein flottes Funktionsfaserhemd im Ausdauertempel erstehen sollte, als plötzlich ein stechender Schmerz in meinen Hochleistungsfuß jagte. Die stählerne Spitze eines Walkingstocks hatte sich durch das atmungsaktive Gewebe in mein mediales Os Metatarsale, vulgo: Mittelfußknochen, gebohrt.
Die Waffe gehörte einer älteren Dame, die an der Kasse nebenan gerade eine Webpelzjacke in der Unfarbe Aubergine bezahlte, "zum Sport", wie sie der grinsenden Kassierin ungebeten verriet. Weil zwei Prügel und diverse Einkaufstüten ein Koordinationsvermögen erfordern, das Stockschleicher ganz bestimmt nicht haben, hatte sich das Walkross auf eine ihrer Gehhilfen gestützt leider stand mein Fuß darunter.
"Ähh, junge Frau", ächzte ich unter Schmerzen, aber die Dame überhört mich. "Aua", fiepte ich, als sie mich endlich ansah. "Sie sehen doch, dass ich gerade bezahle", knurrte sie. "Ihr Stock", winselte ich, "in meinem Fuß." Langsam blickte sie an ihrem Ferrari-roten Alurohr hinab. "Oh", sagte sie. Dann verlagerte sie in Zeitlupe ihr nicht unbeträchtliches Gewicht. Der Schmerz ließ langsam nach. Auf eine Entschuldigung wartete ich vergebens. Walker haben kein Benehmen. Sie hatte sich wieder dem Bezahlen zugewandt. Die Kassiererin entwirrte demonstrativ einen String-Tanga in Triple-XL, den die Walküre wohl zum Webpelz anzulegen gedachte, wenn sie das nächste Mal den Grunewald perforierte.
Mit Walkern ist es wie mit Wildschweinen. Sie drängen immer furchtloser Richtung Stadtzentrum. Früher kam Hannibal mit den Elefanten. Heute kommen sie ohne ihn. Es ist eine Invasion. Zum verkaufsoffenen Samstag auf den Ku'damm rücken beängstigende Menschenmengen mit Stöcken an. Kaum haben sie ihren klimaschonenden Geländewagen mit viel Hin und Zurück ins Parkhaus gepresst, schnappen sie die Stöcke aus dem Kofferraum und klötern im Stechschritt vom Pkw zum Aufzug. Wahrscheinlich tragen sie in ihr Streckenbuch jedes Training über zehn Sekunden ein. Auf dem Bürgersteig bahnen sie sich dann rücksichtslos eine Gasse durch Kinderwägen, Hundeleinen, Großfamilien und ehrbare Bürger. Platz da, sagen ihre kühnen Blicke, hier kommt die Volkssport-Brigade.
Warum nur, fragt sich der Psychologe besorgt, tragen sie ihr Scheinsportgerät pausenlos mit sich herum? Wenn das alle machten: Jeder Hobbyfußballer ginge dribbelnd zum Zigarettenholen. Der Schwimmer in der Badebuxe in Theater. Was aber ist mit Stabhochspringern? Oder Schwebebalkenturnerinnen? Dressurreitern gar? Wenn das so weitergeht, schleppen unsere Ruderer bald den Deutschland-Achter durchs Brandenburger Tor.
Wahrscheinlich gehorcht der gemeine Walker einem permanenten Rechtfertigungszwang. Er ahnt, dass sein Treiben mit Sport nichts zu tun hat und demonstriert sein Engagement daher besonders demonstrativ. In Amerika tragen auch immer die Dicksten die teuersten Laufschuhe. Sie signalisieren: Ich bin nicht so, wie ihr glaubt. Wir aber denken: Doch, bist Du wohl.
Walken bringt offenbar etwas Manisches mit sich. Klar. Wenn der stramme morgendliche Gang zum Klo bereits als Sport angesehen wird, dann besteht logischerweise der ganze Tag aus gefühlter Hochleistung, sieht man mal von den acht Stunden vor Fernsehen und Computer ab und den drei Double-Bacon-Double-Cheese-Zwischenmahlzeiten im Schnellrestaurant.
In den verbleibenden Minuten des Tages trainiert der Walker praktisch pausenlos: sieben Schritte zum Kühlschrank, zwölf bis zum Alibert, um eine Handvoll Appetitzügler nachzuladen. Und dann natürlich die große Prüfung, wenn es ein- bis zweimal im Monat nach draußen geht. Wer soviel läuft, dem werden die Stöcke zwangsläufig zum Körperteil. Das ist so ähnlich wie mit dem Blackberry. Mensch und Gerät werden eins.
Für die Stock-Industrie sind das gewaltige Chancen. Der Walker kann ja nicht ein und dieselben Stützen überall mit hinnehmen. Er braucht Opern-Stöcke aus Elfenbein, welche aus Recycling-Plastik, um den Müll runterzubringen und das Modell aus Zucker mit Herzchen fürs "Pur"-Konzert. Vor allem aber muss ein Paar mit ganz weichen Enden her, fürs Samstags-Shoppen. Wer Spazierengehen für Sport hält, für den ist Shoppen konsequenterweise ebenfalls anstrengende Beschäftigung.