Achilles' Verse Torpedos gegen Seepferdchen
Wer im breitensportlichen Mittelmaß nistet, der hat gelernt, kleinste Triumphe zu genießen. Was mir das Laufen seit langem nicht mehr schenkte, beschert das Schwimmen: Erfolgserlebnisse. Zuerst die Tatsache, dass das Treiben im Wasser sichtbar positivere Auswirkungen auf die Reinheit von Finger- und Fußnägeln hat als das Herumhechten im Grunewald .
Schwimmerinnen: Eleganz, die aus dem Inneren kommt
Foto: APDazu kommt der stabilisierte Halteapparat: Jedes Frühjahr krochen unzählige Zipperlein das Bein empor, so zuverlässig wie die Hochform ausblieb. Dieses Jahr lässt die Leistungsexplosion zwar ebenfalls auf sich warten, dafür tut das Laufen deutlich weniger weh.
Vor allem aber bietet Schwimmen dem Anfänger jene wunderbare Droge namens Anerkennung. Wellen der Dankbarkeit durchfluteten meinen stahlfreien Leib, als Ausbilderin Heike mir schon bei meiner neunten Teilnahme am Schwimmtraining zuraunte: "Achim, du schwimmst heute auf der zweiten Bahn." Klar, sie wollte mich leiden sehen. Ich konnte mein Glück dennoch kaum fassen. Ich war befördert worden, von der Gruppe "Toter Mann" zu den "Seepferdchen".
Ich mühte mich, meine verächtlichen Blicke für Bahn eins zu zügeln, und überlegte, in welchem Umzugskarton ich die runden Badehosen-Aufnäher von früher gebunkert hatte. Die Seepferdchen empfingen mich mit belustigten Mienen. "Dann hänge dich mal hinten dran", sagte eine stämmige Mittfünfzigerin und schoss wie ein russischer Torpedo ins Trübe.
Ich sah die Kehrseite der Beförderung: Auf Bahn eins ging es nicht um Tempo, sondern um nacktes Überleben. Bei den Zweiern dagegen begann die Ausbildung zum Navy Seal: Hier tummelten sich lustlose Altstars und übermotivierter Nachwuchs. Die "Mission Flipper" trat in ihre unmenschliche Phase.
"Heute macht meine böse Zwillingsschwester das Training", erklärte Heike gehässig, noch bevor ich mit einer halben Bahn Rückstand an den Beckenrand gejapst kam. Es klang wie ein mittelguter Scherz. War es aber leider nicht. Das teuflische Programm: Viermal 200 Meter, davon je 50 Meter Delfin, Rücken, Kraulbeinschlag und Kraul normal, mit möglichst wenigen Atemzügen. Nichts davon beherrschte ich annähernd.
Jeder Bauchklatscher vom Drei-Meter-Brett sieht eleganter aus als mein Delfin, mein Kraulbeinschlag ist so kraftlos, dass mich die kleinste entgegenkommende Welle zurück an den Rand wirft. Nun weiß ich, wie Fischkutter sich fühlen, vor allem, wenn sie ein Schleppnetz prallvoll mit Heringen hinter sich herziehen.
Dick wie Teewurst quoll das Laktat durch meine Adern. Um Zeit zum Luftschnappen zu gewinnen, prüfte ich vor der letzten Runde ausgiebig den Sitz meiner Schwimmbrille. Natürlich hatte ich die teuerste erworben. Schneller machte mich das Mistding nicht, dafür schnitt es tief in meine Tränensäcke und betonte die Augenringe auch zwei Tage später noch aufs Allerliebste.
In einem raren Moment der Nächstenliebe winkte Ausbilderin Heike mich heran. Während die anderen zügig ihre Bahnen zogen, musste ich mich körperlicher Einzelkritik aussetzen. "Deine Hüfte", sagte Heike. Wie, Hüfte? Das Wort war mir nur in Kombination mit "Steak" sympathisch. Ich hatte zwar eine, aber die war mir egal.
Schwimmer brauchen Arme, Läufer brauchen Beine, aber kein Mensch braucht Hüften. Die Dinger werden von der Implantat-Industrie zum Statussymbol hochgejubelt, damit Premium-Senioren auf dem Kreuzfahrer mit ihren neuen Turbogelenk angeben können. Ich jedenfalls halte Hüften für überschätzt. Heike leider nicht.
"Deine Hüfte schlackert", sagte meine Ausbilderin streng. Prima. Endlich ein neues Problem, von dem ich bislang nicht wusste, dass ich es hatte. Es folgte ein Vortrag über die Macht von Hüfte und Beckenboden, für Körperspannung, Vorwärtsdrang und Geradeauslauf - alles Eigenschaften, ohne die ich ein Läuferleben lang gut ausgekommen war.
War der Beckenboden nicht ohnehin ein rein weibliches Organ? Ich hatte bestimmt keinen, denn meiner hatte noch nie weh getan. Und was nie schmerzt, existiert auch nicht. Heike allerdings bestand darauf, dass auch in meinem Innersten ein Beckenboden schlummerte. Aber sagt das alte Sportlersprichwort nicht, dass man keine schlafenden Beckenboden wecken soll?
Heike kannte keine Gnade und verordnete Extratraining Zuhause auf dem Gymnastikball. Dummerweise hatte ich den letzten unlängst zum Sperrmüll gegeben, weil er nur im Weg lag. Mona würde sich freuen, wenn ich mit einem neuen Riesenballon ankäme. Diesmal allerdings hatte ich eine erstklassige Erklärung: Mein neuer Freund, der Beckenboden, brauchte Zuwendung.