Achilles' Verse Vom Abfangjäger hintergangen
Ich traf Peter ungefähr bei Kilometer 25. Er marschierte stramm und guckte grimmig. Seine Bestzeit lag bei 4 Stunden und 6 Minuten. Was ist heute los, Peter? "Der Kreislauf", erklärte er. Sieger Julio Rey war seit einer guten Stunde im Ziel. Peter wäre gern ein großer Marathon-Läufer, so wie ich. Um zumindest seine Frau in diesem Glauben zu belassen, hatte er eine schlaue Taktik entwickelt.
Immer wenn eine größere Zuschauermenge zu sehen war, zwang er sich zu stolzem Trab, den er noch anzog, wenn er wusste, dass seine Gattin am Straßenrand harrte. In der City Nord stand kein Mensch. Wir konnten unbeobachtet spazieren. Für Peter eine reine Vorsichtsmaßnahme. Ein Freund hatte vor zwei Jahren den Berlin-Marathon in sechs Stunden absolviert und war noch vor der Heimfahrt am Herzinfarkt gestorben. "Muss ja nicht sein", sagte Peter.
Die Prioritäten in der zweiten Hälfte des Marathon-Feldes sind völlig andere als vorne bei den Angebern. Die bolzen um jede Sekunde und sind todunglücklich, wenn sie ihre Bestzeit um drei Hundertstel verfehlen. Hinten lautet die Parole: Ankommen, irgendwie. Das sollte kein Problem sein. Von 9 bis 15.20 Uhr ist das Ziel geöffnet. Mit deutlich unter 7 Stundenkilometer ist der Marathon zu schaffen. Mit Marschieren und Show-Traben kommt Peter locker bei 5 Stunden 30 ins Ziel.
Bei Kilometer 30 lasse ich ihn ziehen. Ich habe eine freie Massageliege erspäht. Gesa will Physiotherapeutin werden und muss an meinen Beinen üben, was weit über der Ekelschwelle liegt. Denn wer am Ende des Feldes die Verpflegungsstationen passiert, an dem klebt kniehoch eine klebrige Masse aus Bananenbrei, aufgelösten Pappbechern, Kohlehydratgel und Iso-Drink. "Nächstes Jahr rasier' ich mich", sage ich galant. Gesa lächelt. "Behaarte Männerbeine bin ich gewohnt", sagt sie mit einer Stimme wie Engelshaar. Umgehend bin ich ihr verfallen. "Deine Beine sind wieder prima", sagt sie viel zu bald, "tolles Bindegewebe übrigens." Ich würde gern noch bleiben. "Meine Schulter ist auch verspannt", quengele ich. Gesa gibt mir einen Klaps: "Alles Gute."
Gerade das Zwischenmenschliche zeichnet die mehreren tausend Schlussläufer aus. Man sagt "Danke" und Bitte" und wirft die leeren Pappbecher in den Müll. Wenn der Hunger quält, muss man nicht die Matschbananen herunterwürgen, die schmerzfreie Betreuer in Einmal-Handschuhen bereit halten, sondern holt sich bei Kamps zwei Mandarinencremeschnitten und eine Dose Cola.
Gesa geht mir nicht aus dem Kopf. Vielleicht hat sie eine Schwester. Also biege ich bei Kilometer 35 wieder in die Massagebankgasse. Der Diensthabende brüllt: "Kundschaft!". Zwei stämmige Herren trotteten heran. "Marathon ist für Bekloppte", sagte der eine. "Ich laufe 500 Meter zur Tanke, Bier holen." Er kommt aus der Ukraine und greift in meine Wade, als wolle er eine Bulette daraus formen. Linksbeinig arbeitete ein junger Pole aus Danzig. Meine Laufwerkzeuge sind ihnen völlig egal. Sie redeten über Klitschkos Sieg. Ich will Gesa. Neben mir kommt Horst zu liegen. Er trägt grüne Klebestreifen auf beiden Oberschenkeln, in jenen großflächigen Maori-Mustern, die auch den tumb Tätowierten zieren. "Von meinem Arzt", erklärte Horst stolz, "soll die Durchblutung fördern." Ein überzeugendes Hilfsmittel, wenn man nach 5 Stunden immer noch sieben Kilometer vorm Ziel ist.
Am Eppendorfer Baum spielen Kinder auf den gesperrten Straßen. Anwohner klappen ihre Campingtische zusammen und räumen die Prosecco-Flaschen weg. Die Feuerwehrleute fegen schon mal. Ist es aufbauend oder entwürdigend, wenn einem zum hundertsten Mal ein Teenie goldbierschwenkend "Eyalderduschaffsas" ins Ohr brüllt? Mona wartet mit Käsebrötchen auf mich. Wellness-Marathon bringts: Die Beine sind famos. Knie wie neu. Nie fühlte sich ein Laufwettbewerb angenehmer an. Darf man natürlich nicht laut sagen: Als Leistung in Deutschland gilt ja nur eine, die auch weh tut. Dabei ist es mentalmäßig die weitaus größere Herausforderung, sich von einer ehemaligen Kollegin im Entengang überholen lassen zu müssen oder einfach in Ruhe zu beobachten, wie sich erwachsene Menschen an den Wasserstellen hasserfüllt um Becher balgen. Ramallah ist die Hochburg des guten Benehmens dagegen.
Blaulicht verheißt die Schluss-Eskorte: Polizei- und Krankenwagen. Ich hauche Mona einen Kuss über das rot-weiße Flatterband und geselle mich zu Michael, Christian und Gesine. Wir schlendern über die Rothenbaumchaussee. "Tempo halten", befiehlt der Hauptkommissar mit lässig aus dem Autofenster gehängtem Arm. Christian wird von seiner Tochter mit dem Fahrrad begleitet. Das bedeutet Disqualifikation. Aber wir Sportsfreunde sind ja nicht so. Gesine aus Lüneburg will sich mit einem längeren Dixie-Aufenthalt noch mal ganz ans Ende befördern. Aber ich durchschaue das Spiel und warte. Die Polizei hupt. Nun hetzt mal nicht.
Im Zieleinlauf versucht Gesine ihren letzten Trick. Sie lässt sich ihre beiden Töchter über die Absperrung reichen. Aber Familienmensch Achilles schaltet rechtzeitig, ergreift die Hand einer Kleinen und zieht die Drei in einer Linie über den Zielstrich. "Als letzte kommt eine ganze Familie ins Ziel", krakeelt der Sprecher.
Geschafft. Letzter. Punktlandung. Genau 15.20 Uhr. Jetzt wollten die Veranstalter das Ziel schließen. Das hatten sie jedenfalls angekündigt. Doch es war eine Lüge. Beim Marathon der Herzen wird auf alle gewartet, sogar die hinter der Blaulicht-Eskorte. Die zahlende Kundschaft darf nicht vergrault werden, damit sie auch nächstes Mal wieder mitschleicht. Fünf Athleten schlurfen nach uns durchs Ziel, volle zwölf Minuten als Allerletzter Marcus Przywara, von der Offizierschule der Luftwaffe. Wahrlich keine Zierde für die deutschen Streitkräfte. Hoffentlich fliegt er nicht so, wie er läuft. Er hat mich um meinen Triumph gebracht.