Achilles' Verse: Vom eigenen Sohn versägt - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Achilles' Verse Vom eigenen Sohn versägt

Welch bitteres Schicksal: Der einzige, unvergleichliche, brillante Achim Achilles muss eine Niederlage einstecken. Oder war es doch ein Sieg, ein Triumph der eigenen Gene gar? Denn der Ruhm blieb in der Familie.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Unsere Vorbereitung war von Entschlossenheit und Akribie geprägt. Wir hatten die Wechselzone inspiziert und waren in Gedanken noch einmal die Ideallinie über 800 Meter Waldweg gefahren, jener Killerpiste, aus der unzählige spitze Steine ragten.

Triathlet: Einsamkeit - das Schicksal großer Sportler

Triathlet: Einsamkeit - das Schicksal großer Sportler

Foto: AP

"Jedes Jahr gibt es ein paar Idioten, die hirnlos drüber brettern und sich einen Platten holen", hatte ich meinem Sohn Karl vor seinem ersten Triathlon eingeschärft. Ich kannte die Strecke natürlich im Schlaf. Was die Allianz-Arena für den FC Bayern, das ist der Berliner Volkstriathlon für Achilles: Heimspiel.

Karl hatte wortlos genickt. Schweigen ist die bevorzugte Beschäftigung von 14-Jährigen. Schon für eine Kopfbewegung sind Eltern dankbar. Vater-Sohn-Triathlons erzeugen eine Menge Kopfbewegungen, sind also ideal, die Jahre pubertätsbedingter Sprachlosigkeit zeitweise zu überbrücken.

Zu unserer Vorbereitung gehörten vor allem Karls Handballtraining, meine Frühjahrsläufe und ein einziges gemeinsames Schwimmen über knapp 500 Meter. Wir kamen überein, das Tempo im Wasser moderat zu halten, um die Konkurrenz erstmal in Sicherheit zu wiegen.

Triathlon mit Heranwachsenden hat mehrere Vorteile: Karl trägt meinen Einteiler auf, in den ich vor Jahren ein einziges Mal hineinpasste, als ich vier Wochen knüppelhartes Training absolviert und wegen eines Brechdurchfalls zugleich kaum gegessen hatte. Als Gegenleistung dafür, dass ich ihm mein gediegenes altes Rennrad leihen würde, musste mein Sohn mich Freitagabend mit ins Ärzte-Konzert nehmen. Bela B. und Rodrigo Gonzalez schlurften pausenlos mit Walking-Stöcken über die Bühne. Da lacht der Wohlstandspunk.

Der eigenen Brut zuliebe setzte ich für dieses Jahr sogar mit meinem Gelübde aus. Bei Monas Lächeln hatte ich geschworen, den Volkstriathlon jedes Jahr schneller als im Jahr zuvor zu absolvieren. Gehetze hätte unseren kleinen Familienverbund allerdings unnötig unter Druck gesetzt, zumal Karl kein großer Schwimmer war.

Ich überlegte, ihm einen Luftballon ans Ohr zu binden, für alle Fälle. Großherzig verzichtete ich auf meinen Neoprenanzug. Ich verließ mich auf mein Biopren, das ich mir über Jahre angefuttert hatte. Hätte ja auch etwas seltsam ausgesehen: Der Alte liegt wie ein Hoovercraft auf dem Wasser und lässt sich von Wind und Strömung treiben, während sich der Junior abstrampelt. Andererseits: Jugendjahre sind keine Herrenjahre.

Immerhin krabbelten wir nicht als Letzte aus dem Wasser. In der Wechselzone bewies Karl, dass er Achilles-Gene in sich trägt. Während die Konkurrenz noch ihr Rad aufschloss, nach Papiertaschentüchern suchte oder sich komplett neu einkleidete, jagte mein Kleiner praktisch ohne anzuhalten durch die Wechselzone.

Er fuhr Ideallinie durch die spitzen Steine, als wäre dieser Pfad sein Schulweg. Mit meinem breiten Kreuz würde ich illegaler Weise etwas Windschatten spenden. Während ich die Sonnenbrille zurechtrückte, durchfuhr mich ein Schlag. Prall gepumpte Reifen, mein Gewicht und die scharfe Kante eines Steines hatten ein physikalisches Paradoxon erzeugt: Alles gleichzeitig ging nicht. Meiner Kampfbereifung ging schlagartig die Luft aus, ausgerechnet mir, ausgerechnet bei meinem Heimspiel.

"Scheiße! Plattfuß! Du musst alleine fahren", brüllte ich zu Karl. Er nickte wortlos und ging aus dem Sattel. So wie ich in meinen besten Jahren. Dennoch durchfuhr mich Angst: Mein kleines mageres Fohlen 20 Kilometer lang inmitten dieser ungehobelten Rabauken, die für zehn Sekunden Vorsprung ihre eigene Großmutter in den Wannsee schubsen würden.

Jedes Leben hat seine Momente der Wahrheit. Indianer schicken ihre Heranwachsenden allein in den Wald, woanders werden die Bengel in Hütten geschlossen oder beschnitten. In modernen Kulturen muss stattdessen ein Triathlon absolviert werden, ganz allein. Karl war als Junge gestartet und würde als Mann durchs Ziel wetzen. Meine Augen wurden feucht, und es war kein Schweiß.

Kaum hatte ich mein defektes Rad zurück in die Wechselzone geschleppt und die Laufschuhe übergestreift, um wenigstens nicht aufs Laufen verzichten zu müssen - da kam Karl auch schon angebraust. "Ich laufe schon mal vor", sagte ich. Karl war schneller als ich, außerdem machte es ihm Spaß, mich zu jagen. 500 Meter vor dem Ziel hatte er aufgeschlossen. Ich wollte ein paar aufmunternde Worte sprechen, da schoss er auch schon vorbei. Mein Wundersohn legte ein Daniel-Unger-Finale hin.

Ich hatte immer davon geträumt, meine Beine waren jedoch stets dagegen gewesen. Als ich endlich ins Ziel kam, trug Karl bereits das Finisher-T-Shirt. Er nickte mir zu. Männer wissen eben: Stolz braucht keine Worte.

Mehr lesen über