Achilles' Verse Weck den Horst in dir
Neid und Missgunst sind ja des Läufers meist unterdrückte Gefühle. Jeder, der schneller läuft als ich, ist entweder ein Trickser oder eine menschliche Niete. Nur nicht mein Freund Horst. Der ist als Talent auf die Welt gekommen. Er ist naturschnell. Vielleicht wurde er auf der Säuglingsstation auch verwechselt und ist in Wirklichkeit das Kind einer Kenianerin. Seine mitteleuropäische Hautfarbe spricht allerdings dagegen. Horst ist der lebende Beweis, dass die Gene auch mit noch soviel Training nicht zu überlisten sind. Leider hat er es mehr als 40 Jahre lang nicht gemerkt. Horst ist nicht nur ein paar lausige Sekunden besser als der durchschnittliche Freizeitläufer, sondern Welten.
Bundespräsident Horst Köhler: Kein Freund von Achim - aber auch ein toller Läufer (hier beim Bundestagslauf in Berlin)
Foto: DDPEigentlich dürfte Horst gar keine Spitzenleistungen vollbringen. Er ist Chef einer großen Hotelanlage in der Türkei und muss rund um die Uhr perfekt sein, er hat eine anspruchsvolle Frau, einen kleinen Sohn und wenig Zeit. Ein zutiefst trainingsfeindliches Leben also, wie bei fast allen Hobby-Läufern. Wenn Horst mal ein Stündchen Zeit findet, dann läuft er über sandige Wege inmitten malerischer Müllhaufen, hinter denen Hunde lauern, die deutlich hungriger und schneller sind als verzärtelte deutsche Hängebauchköter. Auf der Straße läuft er kaum; da würde er umgehend vor einem Laster kleben.
Horst rennt im guten alten Baumwoll-T-Shirt statt in sündteurer Funktionswäsche. Er hat bei Steffny herumgeblättert und sich einen provisorischen Trainingsplan gebastelt. Die nächste Tartanbahn dürfte allerdings einige hundert Kilometer entfernt sein. Dafür hat Horst nur ein Paar Laufschuhe. Die letzten hat er so lange getragen, bis sie von ihm abfielen. Also hat er sich neue gekauft. Die aber haben Blasen verursacht. Also hat Horst weniger trainiert. Mehr als vier Einheiten die Woche waren ohnehin nie drin, insgesamt 60 Kilometer vielleicht. Nicht schlecht, aber auch kein übermäßig ambitioniertes Pensum vor einem Marathon. Einziges Techno-Spielzeug ist sein Navigationsgerät, das ihn immer wieder hinausführt aus der Einöde.
In diesem März ist Horst einen Halbmarathon gerannt. Die meisten Debütanten sind extrem stolz, wenn sie unter zwei Stunden bleiben. Und Horst? Wetzte nach gut 90 Minuten durchs Ziel - als 22. seiner Altersklasse. Einfach so. Menschen, die doppelt so lange und doppelt so viel trainieren, schaffen eine solche Zeit im Leben nicht. Ich zum Beispiel. Horst lacht.
Was mag sein verdammtes Erfolgsgeheimnis sein? Ein großer Stretcher ist er jedenfalls nicht. Krafttraining? I wo. Vier Kilogramm des üblichen Familienfetts zuviel trägt er auch mit sich herum. Geheime Mittel, Horst, gestehe! "Magnesium ist super", sagt er. Es gibt nicht viel, was noch weiter unten auf der Dopingliste steht. Nahrungsergänzungsmitteltechnisch ist er offenbar ein ziemlicher Anfänger. Von Grünlippmuschel und Ackerschachtelhalm hat er noch nie gehört. Von Verletzungen allerdings auch nicht. Einlagen, Gel-Keile, Schnürsenkelschnellschnürer, Storchenstrümpfe? Was ist das?
Letzte Möglichkeit: Dieser Mann hat geheime Psychotricks! Wie wecke ich also den Horst in mir? "Einfach nicht aufhören", erklärt er. Aha. Wirklich hilfreich ist das auch nicht.
Neulich ist Horst seinen ersten Marathon gerannt, in Regensburg, berüchtigt für sein Kopfsteinpflaster in der Altstadt. Und Horst? Kommt nach drei Stunden und 33 Minuten ins Ziel. Neun von zehn verdammten Lauftrefflern würden sich den linken Arm abhacken, wenn sie jemals eine solche Zeit hinlegten. Es gibt Läufer, die haben Familie, Gesundheit, Job, Partnerschaft, Sexleben, Konto und Psyche ruiniert, um einmal im Leben eine solche Zeit hinzulegen. Aber Horst hat sich nicht mal die Blöße gegeben, für die drei Minuten, die ihn unter die magischen dreieinhalb Stunden gebracht hätten, noch albern herumzusprinten. Wahre Läufergröße zeigt der, der nicht um die letzten Sekunden kämpft, sondern cool ins Ziel rauscht. So wie Horst. Und dann hat er sich erstmal vier halbe Bier eingefüllt.
Was wäre wohl mit optimalem Training und all dem anderen Schnickschnack drumherum alles möglich bei diesem Spätberufenen? Vielleicht aber würde ihn der Material- und Plan-Hype auch nur verrückt machen. Fakt ist: Horst hat Talent, er nutzt es und es geht ihm gut dabei. Ein ideales Läuferleben. In Berlin startet er wieder.