Achilles' Verse Weihnachtsfeier mit Folgen
Die ärgsten Feinde der Winterform sind pöbelnde Partner, die Unlust an sich und Weihnachtsfeiern. Kaum hat man sich ein knappes Pfund Fett von den Rippen gehungert, lauert irgendwo wieder dieser Zwei-Komponenten-Kleber aus Glühwein und Marzipan. Leider sind Läufer gern gesehene Gäste auf Weihnachtsfeiern. Sie sehen gut aus, sind schnell betrunken und man kann sich wunderbar lustig machen über diese Deppen, die im Eisregen zwei Stunden durch die Matsche hecheln. So wie neulich.
Traditionelle Weihnachtsfeier: Glühwein ohne Ende
Foto: DPAKaum hatte ich die mit albernen Weihnachtselch-Lichterketten dekorierten Büroräume einer feierwütigen Redaktion betreten, kam auch schon die dralle Frau Walter aus der Dispo auf mich zugetorkelt. Die Weihnachtsfeier dieser Tage ist ja zweigeteilt. Die blondierten Damen Anfang 50, alte Schule also, wissen, was sich gehört, richten das ganze hochkalorige Sortiment appetitlich an und tunen den Glühwein mit einer guten Buddel Goldkrone. So wie Frau Walter.
Die verkniffenen Mittdreißigerinnen dagegen bringen Möhrensticks und Gurkenhäppchen in der Tupperdose von Zuhause mit, die bis zum Abend natürlich labbrig und fleckig sind. Warum muss Gesundheit eigentlich immer eklig aussehen? Da helfen weder das fett- und geschmacksfreie Schlechte-Laune-Dressing noch der mit Traubensaft verlängerte Roiboosh-Tee, der "fast wie Glühwein schmeckt", wie das rachitische Fräulein Strubel verzweifelt erklärt.
Wenn ich ein Eisenspan wäre und diese beiden Pole magnetisch, dann wüsste ich aber, wo ich andocken würde. Frau Walter spürte das umgehend, hakte sich unter und schleppte mich zum Glühweinbottich. Sie drückte mir einen Halbliter-Krug in die Hand und schenkte bei jedem Schluck gleich nach. Das Zeug roch wie aus dem Baumarkt und brannte in den Augen. Egal. Frau Walter lächelte. Und ich trank. Läufer haben eben eine unheimlich erotische Ausstrahlung. Oder es lag daran, dass Frau Walter die Herren ihrer Redaktion schon alle getestet hatte.
Hinten am Kopierer stand Kurze und redete auf eine Azubine ein, die ebenso pflichtschuldig wie gelangweilt nickte. Kurzes Da-geht-was-Blick wird an Fiesheit nur von seiner Angewohnheit getoppt, sich über den Umweg Hosentasche ebenso hemmungslos wie ausdauernd am Gemächt zu kratzen. Mir wird immer schlecht, wenn ich Kurze sehe. Leider durfte ich meine Übelkeit nicht zeigen, als er auf mich zusteuerte.
Kurze ist ein großmäuliger Kampfzwerg, kaum höher als ein Türstopper. Aber er hat das Sagen im Finanzwesen und ist für pünktliche Überweisungen zuständig, auch an mich. "Na Achilles, gut im Futter, was?", brüllte der Idiot durch den Glühweindunst. Ich zog den Bauch ein und verbarg den Schokoladenlebkuchen in meiner hohlen Hand. Schon stand Kurze vor mir. Die Linke in der Hosentasche hatte mal wieder gut zu tun. Linkskrauler, aber Rechtshänder, zum Glück. "Sportsfreund...", sagte Kurze markig und hielt mir die Rechte hin. Ich schlug ein, schwor aber zugleich, an diesem Abend keine Lebensmittel mehr anzufassen.
Kurze stieß an mit seinem an meinen Becher. "Weg mit dem Scheiß", röhrte er, "und morgen früh Alkoholverdunstungstraining, oder? Mann, Achilles, alter Einzelkämpfer, wir wollten doch immer mal laufen gehen." "Jederzeit gern, Herr Kurze", log ich. Alles, nur das nicht. Fakt war, dass er mit mir gern laufen würde, ich aber nicht mit ihm. Wahrscheinlich würde er sich auch beim Laufen pausenlos lausen. Und die ganze Zeit mit seinen sensationellen Bestleistungen angeben. Kurze ist einer dieser Typen, der sich die eigene Sportvergangenheit hemmungslos zusammenlog: Schulmeister über 5000 Meter (unter zwölf Minuten), Jugend trainiert für Olympia (nur eine Verletzung verhinderte Gold) und natürlich in einer Klasse mit Mark Spitz, Andy Brehme und Andreas Baader.
"Morgen früh halb acht, Ecke Tiergartenstraße", befahl Kurze. "Ääh, die Kinder..." erklärte ich, aber er entgegnete nur: "Wieso, hamse keine Frau mehr?" Manchmal gefiel mir seine Art zu denken. Ich würde Mona einfach sagen, es sei ein Dienstlauf, den ich einfach nicht ablehnen konnte. Chefs pflegen ihre Kontakte auf dem Golfplatz, die Intelligenzija geht lieber laufen.
Kurze reckte den freien Daumen in die Luft, drosch mir auf die Schulter und raunte "Ziehn se sich mal warm an", und kehrte zielstrebig zur jungen Beute zurück. Ich verfluchte mich, dass mir nicht irgendeine Ausrede eingefallen war.
Ich beschloss, bald zu gehen. Leider hatte Frau Walter schon wieder nachgeschenkt.