Adler hackt Adler - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 55 / 90

Adler hackt Adler

Im Großdeutschen Reich, in eine Nationalmannschaft gepreßt, gingen sich österreichische und deutsche Fußballer auf die Nerven. Jetzt sind sie Weltmeisterschafts-Rivalen.
• aus DER SPIEGEL 15/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Weinhändler und ehemalige Fußballtrainer Max Merkel besuchte in Wien Österreichs Nationalmittelstürmer Hans Krankl. »Wi gahts di?« fragte der Gast. Krankl quengelte: »Schleacht gahts mi.« Merkel insistierte: »Wirst gegn Deitschland spuin?« Krankl krächzte: »Gegen Deitschland will i unbedingt spuin, wenn i denk, i kanns nimmi, denk i liaba nimmi dran.«

Wie Stürmer Krankl denken alle österreichischen und deutschen Nationalspieler an den 29. April. Dann bestreiten sie in Hamburg das erste von zwei Qualifikationsspielen zur Weltmeisterschaft 1982 in Spanien gegeneinander.

Der deutsche Bundestrainer Jupp Derwall hebt bereits Veteranen aus. Er holte den von einem Beinbruch genesenen Klaus Fischer, 31, zurück und plant die Weltmeister von 1974, Paul Breitner, 29, und Franz Beckenbauer, 35, in seine Vorwärtsstrategie ein. Derwall: »Wir müssen stürmen, stürmen, stürmen.«

Zwar erscheint es schon als sicher, daß Deutsche und Österreicher beim nächsten WM-Turnier mitspielen. Denn erstmals nehmen in Spanien 24 statt 16 Nationalmannschaften teil. In der deutsch-österreichischen Qualifikationsgruppe gelten Bulgaren, Albaner und Finnen nur als Statisten.

Doch »Erster zu werden ist diesmal weit mehr als eine Ehre«, erklärt der österreichische Bundestrainer Karl Stotz. Der Erste jeder Qualifikationsgruppe wird in Spanien als Favorit gesetzt und trifft in der WM-Vorrunde auf Außenseiter. Der Zweite indes gilt selber als Außenseiter und trifft sogleich auf mindestens einen spielstarken Favoriten.

Die Spiele in Hamburg und im Oktober in Wien nennt Stotz »das große Vogelschießen, da hackt Adler gegen Adler«. Sein »deutscher Sportkamerad Derwall« soll ihm verzeihen, aber »ich wünsch'' ihm kein Glück«.

Die Deutschen sorgten für »Tatsachen statt für Sprüche«, so ihr Mannschaftskapitän Bernard Dietz vom MSV Duisburg. Letzten Mittwoch siegten sie in Albaniens Hauptstadt Tirana 2:0. Die Österreicher hatten dort vorher 1:0 gewonnen.

Das entscheidende Spiel in Hamburg ist seit einem Vierteljahr ausverkauft und soll für schätzungsweise 500 Millionen Zuschauer auf der ganzen Welt übertragen werden. Die in der deutschen Bundesliga kickenden Österreicher verlassen zehn Tage vorher »Feindesland«, scherzte Stotz, und bereiten sich in der Heimat auf das »Millionen-Match« vor. Ihr Landsmann Merkel warnt: »Österreicher trauen Deutschen alles zu, nur nicht, daß sie besser Fußball spielen können als Österreicher.«

Der für Eintracht Frankfurt kickende Innsbrucker Bruno Edmund Pezzey, vom deutschen Publikum zum »beliebtesten Libero der Bundesliga« gewählt, kritisierte: »Die Deutschen stellen doch nach Oberschenkelweite auf, wer die dicksten hat, der spielt.«

Kurt Jara aus Innsbruck, Gastarbeiter bei FC Schalke 04, meinte: »Daß die Deutschen seit Jahren ohne Breitner und Beckenbauer spielen ist Wahnsinn.« Der extra für das Deutschlandspiel von Internazionale Mailand freigegebene österreichische Spielmacher Herbert ("Schneckerl") Prohaska versichert: »Im Fußball ist Österreich noch eine Weltmacht.«

Die Fußballrivalität zwischen Deutschen und Österreichern hatte 1938 einen Gipfel erreicht. Nach der Besetzung Österreichs mußte der damalige Reichstrainer Josef Herberger schon bei der WM 1938 zur Hälfte deutsche und österreichische Spieler einsetzen. Sie paßten schlecht zusammen.

Die Deutschen höhnten über den Wiener »Scheiberl-Fußball«, die Österreicher mokierten sich über das deutsche »Kraft-durch-Tritte-Spiel« (Merkel). Der Wiener Linksaußen Hans Pesser stichelte: »Die Deutschen kombinieren ihre Spielzüge streng nach der Heeresordnung.« Die großdeutsche Elf scheiterte schließlich mit 2:4 an der Schweiz.

Von 1945 bis 1950 spielte keine Nationalmannschaft der Welt mehr mit den Deutschen. Doch die Österreicher gastierten in Frankreich und England, in Brasilien und Argentinien. 1951 luden sie siegessicher die vom Weltfußball isolierten Deutschen zum Länderspiel nach Wien ein. Experten fachsimpelten nur über die Höhe des österreichischen Sieges. Aber die Deutschen gewannen 2:0. Bei der Fußball-WM S.224 1954 überrannten Herbergers Männer die Österreicher sogar mit 6:1.

Wien wartete bis 1978 auf den Revancheschlag. In Argentinien trafen die Rivalen beim WM-Turnier wieder aufeinander. Österreich siegte gegen die favorisierten Deutschen 3:2. Italiens Fußballpräsident Artemio Franchi staunte: »Die Österreicher spielen ja deutscher als die Deutschen.«

Mittelstürmer Hans Krankl schoß zwei Tore. Das brachte ihm beim FC Barcelona, dessen Klubbosse den zu oft verletzten Torjäger schon als »verrosteten Tank« geschmäht hatten, einen 500 000-Mark-Vertrag ein. »Bild« stempelte Krankl vollends zum Deutschlandfeind ab, als er 1979 mit dem FC Barcelona im Europacup-Finale Fortuna Düsseldorf besiegte und das entscheidende Tor erzielte. Von nun an hielt sich Krankl selber für so etwas wie einen Deutschenschreck.

Beim nächsten Länderspiel gegen die Bundesrepublik, 1980 in München vor 78 000 Zuschauern, schwoll der Fußball-Revanchismus weiter an. In Österreich unterlegten Fernsehen und Rundfunk jede Vorschau mit der Funkreportage aus Argentinien, die Krankls Siegtore schilderte. Bundestrainer Derwall hatte längst den Krankl-Gegenspieler Rolf Rüßmann als Schuldigen der Niederlage aus dem Nationalkader entfernt.

In beiden Mannschaftslagern entwickelte sich ein Ritual zur Herabsetzung des Gegners, wie es früher Boxweltmeister Muhammad Ali gepflegt hatte. »Jetzt müssen die Österreicher nicht 38, sondern 100 Jahre warten, bis sie gegen uns wieder gewinnen«, schwadronierte der deutsche Abwehr-Riese Hans-Peter Briegel.

Im Gegencamp witzelte der Wiener Prohaska: »Mehr als unser eigenes Tor müssen wir die Stadionausgänge bewachen, sonst rasen die deutschen Renner da raus, ehe wir sie besiegt haben.« Doch die Deutschen, obwohl spielerisch unterlegen, siegten 1:0.

Die Österreicher schoben es auf den Schiedsrichter, auf den Boden, aufs Flutlicht und auch aufs Glück. Libero Pezzey schimpfte: »Die machen einen Schuß, und der paßt. Aber das nächste Mal gibt es Saures.«

Mittelstürmer Krankl indes widerfuhr beim FC Barcelona weitere deutsche Schmach. Sein Klub kaufte für 3,4 Millionen Mark den deutschen Nationalspieler Bernd Schuster. Weil damit drei Ausländer zum Klub gehörten, aber jeweils höchstens zwei von ihnen spielen dürfen, setzte der Trainer Krankl auf die Ersatzbank.

Gelassen ließ sich Krankl als der »reichste Arbeitslose Europas« ("Sport«, Zürich) feiern. Denn vertraglich stand ihm nun zu, daß der Klub wegen Nichtberücksichtigung das bis 1982 garantierte Gehalt von 1,4 Millionen Mark sofort zahlen mußte.

Unruhe ergriff den Stürmer im Ruhestand erst, als die Auslosung für die WM-Qualifikation den Österreichern die Bundesrepublik als Rivalen zuwies. Krankl erklärte: »I muß schleunigst was tun, i spuil für meinen alten Veroin Rapid Wien«. Doch Barcelona forderte 1,25 Millionen Mark Ablösesumme. Krankl verlangte für sich ein Monatsgehalt von 14 000 Mark.

Da Rapid wie alle österreichischen und deutschen Klubs hoch verschuldet ist, wollte ein Finanzkonsortium das Geld aufbringen. Zusätzlich sollte eine Spendenaktion »Krankl für Österreich« einen Teil der Mittel garantieren. Kritiker rügten, daß für einen Fußballer die Mindesjahresrenten von 121 Pensionisten aufzubringen wären. Der Plan zerschlug sich.

Aus Angst, ungeübt gegen die Deutschen in Hamburg anzutreten, erreichte Krankl, daß Barcelona ihn an Rapid Wien auslieh. Die Hälfte der Leihsumme von 250 000 Mark zahlt der Mittelstürmer aus eigenen Mitteln. »Wenn i noch a Gol gegen Deutschland moach, dann hoab i das Geld dreimoal aussi, dann spuil i in Amerika.«

Sogar Bundesligaklubs locken bereits mit Verträgen für den Wiener Toremacher, der auf Dienstreisen unwirsch reagiert, falls er nicht sein gewohntes Wiener Schnitzel zu Mittag vorfindet. Sogar Meister Bayern München plant, mit Krankl seine seit dem Weggang von Bomber Müller entstandene Mittelstürmer-Lücke zu schließen.

Die Siegeszuversicht der Deutschen erlitt im letzten Januar einen schweren Schlag. Nach 23 Spielen ohne Niederlage verlor Derwalls Equipe in Montevideo gegen Argentinien und Brasilien binnen einer Woche zweimal. Vor allem das 1:4 gegen die zuvor von den Deutschen noch kräftig verulkten Brasilianer, deren Mittelstürmer Socrates sie geraten hatten, lieber Basketball statt Fußball zu spielen, zersetzte die Widerstandskraft der Bundeskicker.

Zurückgekehrt schworen sich die Deutschen, zukünftig keinen Gegner mehr »zu veräppeln« (Mannschaftskapitän Dietz). Artig zollen sie den Österreichern Respekt. Einsilbig greifen sie auf schlichte Spruchweisheiten zurück. wie sie schon der längst verstorbene Reichs- und Bundestrainer Herberger -- erfolgreich -- geprägt hatte: »Das nächste Spiel ist das schwerste« oder »der Ball ist rund«.

Doch mit Rückkehrer Breitner gibt es wieder Klartext. Breitner: »Mit mir ändert sich manches in der Nationalmannschaft.«

S.224Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974.*

Zur Ausgabe
Artikel 55 / 90