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BOXEN / CLAY All eingebleut

• aus DER SPIEGEL 8/1967
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Der Größte ist der Größte, weil er der Schnellste ist. Überzeugender als je zuvor verwirklichte der US-Neger, Superboxer und Schwergewichtsweltmeister Cassius ("Großmaul") Clay, 25, in seinem jüngsten Titelkampf seine selbstformulierte Box-Parole »Flattere wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene.«

Einer Rekordanzahl von rund 100 Millionen Zuschauern demonstrierte Clay letzte Woche im Ring zu Houston (US-Staat Texas) eine Rekordleistung an Geschwindigkeit und Ausdauer im Austeilen und Vermeiden von Schlägen. Fünfzehn Runden lang flatternd und stechend, schlug Clay den vierschrötigen Neger Ernie Terrell, 27, derart kunstvoll zusammen, daß es schlechthin » faszinierend anzusehen war« ("New York Times")*.

Alle Kritiker, auch solche, die Clays großspurige Sprüche ("Ich bin der Größte") verübelten, stimmen nunmehr überein, daß er wirklich der Größte ist.

»Clays Boxstil«, so folgerte der »FAZ"Berichterstatter aus dem haushohen Punktsieg des Weltmeisters, »ist seiner Zeit weit voraus.« In der Tat setzte Clay in der boxtechnischen Entwicklung einen neuen Maßstab, den offenbar kein Konkurrent auch nur annähernd zu erreichen vermag.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich der allgemeine Aufschwung in der Athletik, ausgelöst durch moderne Trainingsmethoden wie etwa das Intervall-

* Von den gesamten Einnahmen des in TV-Kinos Und via Nachrichten-Satelliten auf überseeische Fernseh-Mattscheiben übertragenen Kampfes erhielt Clay, der in seinem 25. Profiboxkampf und zugleich neunten Weltmeisterschaftskampf seinen 28. Sieg errang, 50 Prozent (rund drei Millionen Mark), Terrell 17,5 Prozent (etwa eine Million Mark).

training, auch auf den Boxsport ausgewirkt. Die Boxer wurden härter und systematischer trainiert, um sie zu größerer Ausdauer und zu schnellerem, häufigerem Zuschlagen zu befähigen. Sie lernten, die Schnellkraft zu entwickeln. Wurden ihnen früher nur 50 Prozent ihrer Leistungskapazität abverlangt, so hätten sie nunmehr bis zu 90 Prozent zu mobilisieren.

Auf dem Gebiet der Schlagtechnik erzielten die Boxer den größten Fortschritt. Das einst von Weltmeistern wie Joe Louis und Max Schmeling begründete »Timing« -- die Fähigkeit, blitzartig und im haargenau richtigen Moment kraftvolle und gezielte Schläge ohne Ansatz (Ausholen) zu verabfolgen -- wurde Allgemeingut.

Cassius Clay, von der Natur nicht mit sonderlich starker Schlagkraft, wohl aber mit ungewöhnlicher Schnellkraft und nervaler Frühreaktion ausgestattet, drang in boxtechnisches Neuland vor. Zunächst stieß er ein Dogma um. Es besagte, »daß einer flachfüßig dastehen müsse, um hart treffen zu können«, wie das deutsche Fachblatt »Box-Sport« analysierte. Denn: »Kein Kugelstoßer und kein Diskuswerfer, keiner, der den Speer oder einen Ball schleudert, steht still im Augenblick, der den letzten Schwung gibt.« Clay schoß seine Haken und Uppercuts aus unablässiger Bewegung heraus ab -- überdurchschnittliche Schnelligkeit und katzenhafte Reflexe befähigten ihn, dennoch genau und kraftvoll zu treffen.

Seinen Mangel an Schlaggewalt wußte Clay durch Erhöhung der Schlagfrequenz über jede Norm hinaus zu kompensieren. Er erfand zum Beispiel, was er »die Windmühle« ("windmill-punch") nannte -- einen Hagel von zehn Hieben ohne Pause.

Zugleich kultivierte Clay eine ungleich nützlicher anmutende Fähigkeit. Seine hochentwickelte nervale Frühreaktion ermöglichte ihm, selbst ansatzlose Schläge seiner Gegner so frühzeitig zu erkennen, daß er ihnen -- statt sie auf altmodische Art mit dem Handschuh abzublocken -- durch geschmeidiges Rückwärtspendeln des Kopfes oder Oberkörpers rechtzeitig entkommen oder die Wirkung nehmen konnte.

Durch härtestes Training und enthaltsame Lebensweise (Clay-Trainer Dundee: »Kein Tabak, kein Alkohol, kaum Mädchen") erwarb Clay zudem jene Kondition, mit der er Angriff und Abwehr unablässig in verwirrender Folge verschmelzen und hei schnellster Gangart notfalls 15 Runden durchhalten kann.

»Er ist der schnellste aller Boxer, und keiner, wirklich keiner scheint in der Lage, ihm den Weltmeistertitel zu nehmen«, schrieb der »Daily Sketch« über den unermüdlich durch den Ring tanzenden Box-Irrwisch Clay, der aus allen Lagen trifft, ohne selber ernstlich getroffen zu werden.

»Die bei Clay extrem ausgeprägte Eigenschaft des instinktiv schnellen Reagierens ist angeboren, wurde jedoch von ihm durch intensives Training an beweglichen Objekten ständig geschult und weiterentwickelt«, erläuterte der Sportarzt und Hauptvertrauensarzt des »Bundes Deutscher Berufsboxer«, Dr. Paul Schmidt, den entscheidenden Vorteil Clays. »Neger sind auf diesem Gebiet ohnehin meist im Vorteil, weil sie Chancen und Gefahren gleichsam wittern.« Jedoch: »Je häufiger die Leute geboxt haben, desto mehr schwindet das Reaktionsvermögen« weil Kopftreffer auf die Dauer mehr oder minder das Hirn schädigen.«

Clay, dessen Hirn offenbar noch vorzüglich funktioniert, würde nach Ansicht der Experten selbst gegen die Größten von einst der Größte bleiben. »Dempsey und Tunney würden gegen Clay dilettantisch aussehen«, meinte Ex-Europameister Hein ten Hoff. Und: »Joe Louis würde ihn nicht einmal treffen.«

Auch von Terrell wurde Clay kaum ernsthaft getroffen, obwohl gerade Terrell als Meister des Jabs (Linksstoßes) gilt. Terrells Linke »bewegte sich mit der Geschwindigkeit einer beißwütigen Kobra« ("Daily Express"), jedoch »Clays Reaktion war schneller als Terrells gefürchtete Faust« ("Süddeutsche Zeitung").

So überlegen führte Clay den Kampf, daß er mit hängenden Armen deckungslos sein Kinn darbot und Terrell verhöhnte ·Du kannst mich nicht treffen -- aber ich treffe dich.« Terrell bekam zusätzlich Prügel, weil er Clay beim Wiegen Clay genannt hatte. Der Größte hatte sich vor drei Jahren der Negersekte der »Schwarzen Moslems« angeschlossen, nannte sich Muhammad Ah und wurde daraufhin als »Schnell-Araber« ("Instant Arab") verspottet. Clay-All fragte Terrell nahezu ein dutzendmal: »Wie heiße ich?« -- und jedesmal schlug er ihn um die Doppeldeckung herum auf die Ohren.

Terrell sah nach dem Kampf aus, als habe ihn ein Hornissenschwarm überfallen und außerdem ein Pferdehuf getroffen. Zwei Helfer mußten ihn stützen, der Arzt mußte sofort einen Brauenriß nähen. Aus der Nase des völlig unversehrten Siegers hingegen tropfte nur ein Tropfen Blut.

Der Größte schneuzte sich und verkündete vergnügt: »Mich kann nur einer schlagen, der schneller ist.«

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