Alles ist anders - DER SPIEGEL
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Alles ist anders

Boris Becker hat die Tennis-Szene von Grund auf verändert. Daß der Ruhm aber nicht nur positive Seiten hat, erfuhr Becker letzte Woche in Kitzbühel: Er verlor, wurde sogar ausgepfiffen. *
• aus DER SPIEGEL 33/1985
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wieder brandet auf dem Center Court der Beifall auf. Wie immer in den letzten Wochen, wenn Boris Becker seinen Auftritt hatte. Doch jetzt gehört die Gunst Diego Perez, einem bislang fast unbekannten Spieler aus Uruguay. Er hat den Tennis-Wunderknaben Becker 6:3, 6:1 besiegt. Nur die wenigen deutschen Urlauber unter den rund 4000 Zuschauern zeigen Mitgefühl.

Er sei eben »auch nur ein Mensch mit Höhen und Tiefen«, sagt Becker hernach. Die Österreicher, denen deutsche Niederlagen auf Fußballplätzen wie auf Skipisten stets besonderes Vergnügen bereiten, vernehmen es mit offenkundiger Schadenfreude. Sie hatten bereits befürchtet, daß ihr Renommierturnier zur nächsten Station des neuen deutschen Erfolgshits degradiert würde: Becker, Becker über alles.

Tatsächlich, im Sommer 1985 ist der Tennisspieler Becker unversehens in eine chauvinistische Heldenrolle geraten. Am vorletzten Wochenende rufen sie beim Daviscup in Hamburg von den höheren Rängen und mit roten Gesichtern »Deutschland«, wie weiland in Erwartung einer Bananenflanke von Manfred Kaltz. Dazu klatschen sie rhythmisch in die Hände, die schwarz-rotgoldenen Hütchen haben sie trutzig in die Stirn gezogen.

»Der Ball war aus, Herr Schiedsrichter, das sag'' ich Ihnen«, brüllt ein weißhaariger Herr im dunkelblauen Blazer durch die Stille vor einem Aufschlag. Sein Ton ist so, als wolle er dem Unparteiischen aus Frankreich standrechtliche Konsequenzen androhen für dessen Entscheidung, den Punkt zuvor dem US-Doppel zugesprochen zu haben.

Dann jubelt die Menge auf, als der Amerikaner Ken Flach die Filzkugel ins Netz drischt, daß es nur so klatscht. »Und jetzt ein Doppelfehler«, schallt es höhnisch aus dem Publikum am feinen Hamburger Rothenbaum, wo noch vor wenigen Monaten ein halbherziges Pfeifen als Randale gewertet worden wäre. Und Millionen halten zu Hause am Fernseher unseren amerikanischen Freunden, Kohl sei''s geklagt, schadenfroh die Daumen - für einen weiteren Fehlschlag.

»Ein phantastisches Publikum«, befindet nach dem Spiel der deutsche Mannschaftskapitän Wilhelm Bungert, der in seinen aktiven Tagen ein Tennis-Seelchen war und dem ein Daviscup-Match in Fußball-Atmosphäre Sodbrennen verursacht hätte.

»Seit Wimbledon ist alles anders«, sagt der Chef eines Hamburger Sporthauses. Seit Wimbledon sind wir wieder wer im Tennis, dem klassischen Aufsteigersport. Vorbei sind die mageren Jahre, in denen deutsche Spieler nach Siegen in einem Bäder-Turnier oder nach dem Ausscheiden erst in der dritten Runde bei einem bedeutenden Wettbewerb gleich als »auf dem Sprung zur Weltklasse« eingeordnet wurden, um dann - ebenso flugs - in den hinteren Rängen der internationalen Ranglisten zu versacken.

Verblaßt ist die Schreckensvision der Tennisindustrie, über kurz oder lang auf der Überproduktion ihrer Schläger, Schuhe, Leibchen, Schweißbänder und Lehrfibeln sitzenzubleiben. Die Geschäfte laufen. Puma-Chef Armin A. Dassler macht den besten Schnitt. Seine Firma hat Boris Becker unter Vertrag - für Schuhe und Schläger.

Boris, der siebzehnjährige Retter, der den Hechtsprung im Tennis salonfähig machte und der einen deutschen Bundespräsidenten mit ausgewiesenem Weitwinkel-Horizont zum Smalltalk ins »Aktuelle Sport-Studio« lockte und dort den verdienten Altmoderator Harry Valerien durch Bekenntnisse entzückte wie: »Ich hab'' auch nach dem Wimbledonsieg zwei Augen und zwei Ohren wie vorher.«

Der Boris Becker, über den man inzwischen erfahren hat: daß er häufig Nudeln essen muß, um groß und stark zu bleiben, und daß er die Süße der Liebe, wie es heißt, bisher am eigenen Leibe noch nicht verspürt hat.

Bum-Bum-Becker, der an jenem historischen 7. Juli 1985, jung, ungesetzt und deutsch wie noch keiner vor ihm, das wichtigste Tennis-Turnier gewann und vor einer Woche beim Daviscup-Sieg gegen die USA die Nation schon wieder in Ekstase versetzte.

Seit Boris Becker über die Deutschen kam wie ein kollektiver Lottogewinn, ist der Sportfan hierzulande von Kopf bis Fuß auf Tennis eingestellt - und sonst gar nichts. Neueinkäufe in der Fußball-Bundesliga? Kaum der Rede wert. Die Medaillen und Rekordjagden des Michael Groß bei den Schwimm-Europameisterschaften in Sofia? Es wird registriert, mehr nicht.

Menschen, die gestern noch den Tie-Break für einen mißglückten Krawattenknoten gehalten hätten, lassen sich heute fachmännisch über die optimale Schlägerbespannung für einen Topspin-Spieler aus. Sie diskutieren den Bodenbelag, auf dem Boris in der nächsten Daviscup-Runde im Oktober dem mürrischen Tschechen Ivan Lendl am ehesten die _(Becker, Masseur Krammer, Maurer, ) _(Schwaier, Westphal am Hamburger ) _(Rothenbaum. )

Niederlage von Indianapolis heimzahlen könnte.

»Manchmal kann einem der ganze Rummel um Boris schon auf die Nerven gehen«, sagt Hansjörg Schwaier, der sich ganz unauffällig auf einen Platz unter den besten fünfzig Spielern der Welt vorgearbeitet und beim Sieg über die Amerikaner immerhin einen Punkt geholt hat. »Aber der Boris selbst hat sich eigentlich nicht verändert.« Außerdem ist Schwaier froh, daß Tennis jetzt so hoch im Kurs steht.

»So wird ab und zu auch mal ein Spiel von mir im Fernsehen übertragen«, sagt Schwaier. Das heißt aber noch lange nicht, daß die Medien ihre Gunst unter den jungen deutschen Tennis-Cracks gerecht verteilen. »Als ich in Indianapolis ins Viertelfinale kam«, so Schwaier, »hieß es nur: Respekt, Respekt. Als Boris dasselbe schaffte, wurde er prompt wieder als Supermann gefeiert.«

Ähnliches erlebt Andreas Maurer. Als er im Daviscup-Doppel gegen die USA, das er mit Becker in fünf Sätzen verlor, einen leichten Ball verschlug, forderte Volkes Stimme von den Rängen: »Maurer, laß den Becker alleine spielen.« Dabei war Maurer über weite Strecken der Partie sicherer im Schlag als sein Partner.

Schwaier, Maurer und auch die deutschen Tennisdamen, die seit Jahren international respektable Ergebnisse vorzeigen können, müssen sich heute mit gutbezahlten Nebenrollen zufriedengeben. Star auf dem Center Court und in den Medien ist allein Boris Becker. 91 Prozent der Deutschen, so haben die Wickert-Institute gleich nach Wimbledon ermittelt, kennen ihn, und 87 Prozent halten ihn für sympathisch.

Ist er ja auch, »der große Blonde mit dem harten Schlag«, »the Wunderkind«, »Borissimo«, oder wie die Presse ihn sonst noch nennt. Seine Sprüche sind für einen Siebzehnjährigen, den sie zu Hause in Leimen beinahe zum Ehrenbürger gemacht hätten und der weltweit zum VIP der 1. Kategorie aufstieg, erstaunlich normal und uneitel. Daß sie von den Medien zu unvergänglichen Apercus hochstilisiert werden, ist nicht die Schuld des Tennisprofis mit Mittlerer Reife.

Außer seinen Gegnern kann ihn jeder von Herzen mögen. Wie die gebräunten Herren mit dem leichten Bauchansatz und den bunt-karierten Golfhosen, die am Rothenbaum das Glas Moet & Chandon für 23 Mark schlürften: Weil er auf dem Platz so auftritt wie sie im Geschäftsleben - so gerissen, so trickreich, so dynamisch und so rücksichtslos. Und weil er nachher so menschlich bleibt. Was sie auch gern wären.

Auch die nicht ganz so feinen Leute von den höheren Rängen, die ihre Vorstellungen von Sport aus der Westkurve des Volksparkstadions mitbringen, mögen ihn: Der Boris, den sie beklatschen, ist der Kumpel, der zwar ein bißchen eckig, aber wuchtig ackert und rackert, der sich nicht scheut, das feine »ellesse«-Hemd schmutzig zu machen, der rangeht wie Hrubesch und der den Gegner kleinkriegt.

Ein wahrer Hoffnungsträger also, ein »Beispiel«, wie auch der Bundespräsident befand. Und damit sein Licht um so heller erstrahlt, hat das Schicksal dem Helden Boris den Rumänen Ion Tiriac beigesellt, einst Daviscup-Spieler für sein Land. Er managt den Wimbledon-Sieger. Das heißt, der transsylvanische Finsterling ist für alles verantwortlich, was die Aura des reinen Helden beschädigen und nach schnödem Kommerz riechen könnte.

»Was Herr Tiriac sagt, das mach'' ich«, erklärt Boris Becker. Er macht auch, was Herr Bosch sagt. Der Rumäniendeutsche Günter Bosch ist Beckers Trainer und Tiriac'' Angestellter. Außerdem ist er der Ersatzvater von Boris bei der Tennis-Tingeltour um die Welt. Er kauft ihm Video-Kassetten und Musik für den Walkman, spielt Schach mit ihm - »auch um sein Vorausdenken auf dem Tennisplatz zu fördern« - und schindet ihn beim täglichen Training. »Boris hält das aus, weil er Ehrgeiz hat«, sagt Bosch.

Doch vor dem Trugschluß, Becker werde künftig seine Gegner ausnahmslos besiegen, hatte der Coach schon gewarnt, bevor sein Schützling letzte Woche in Kitzbühel gegen Perez verlor. »Der Weg zum Gipfel führt nicht stetig bergan«, so Bosch. Manchmal gehe es auch ein Stück bergab.

Der kleine Abstieg war durchaus schmerzhaft. Erstmals wurde Becker von den Fans ausgepfiffen.

Bosch: »Ich glaube, jetzt hat Boris der Rummel erst so richtig erreicht.«

Becker, Masseur Krammer, Maurer, Schwaier, Westphal am HamburgerRothenbaum.

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