Alles oder nichts - DER SPIEGEL
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BUNGERT Alles oder nichts

• aus DER SPIEGEL 28/1963
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Deutsche Tennis-Nachwuchsspieler waren zur Musterung angetreten. Der australische Trainer Pailes, angeheuert vom »Deutschen Tennis-Bund«, prüfte sie einzeln. Eine halbe Stunde lang schlug er mit einem lang aufgeschossenen Jüngling Bälle über das Netz, dann stand sein Urteil fest: »Mit dem brauche ich mich nicht mehr abzugeben - der lernt es nie.«

Er lernte es doch. Wilhelm Bungert aus Mannheim, vor sieben Jahren von Trainer Pailes zum hoffnungslosen Fall gestempelt, entpuppte sich letzte, Woche auf dem Turnier von Wimbledon - der inoffiziellen Tennis-Weltmeisterschaft* - unverhofft als »Giganten-Töter« ("New York Herald Tribune").

Bungert bezwang zur Überraschung der Fachleute den als Nr. 1 gesetzten und als stärkster Amateurspieler der Welt geltenden Australier Roy Emerson in fünf Sätzen. Deutschlands »gefährlicher Tiger« (so die Londoner »Times") drang damit im wichtigsten aller internationalen Turniere ins Halbfinale vor - weiter als jeder andere deutsche Teilnehmer am Herreneinzel von Wimbledon nach dem Kriege.

Und nie wurde nach dem Kriege ein deutscher Spieler von der internationalen Presse so gelobt wie Bungert. »Seine Returns kamen wie Raketen«, schrieb die »Daily Mail« und urteilte: »Dieser Rückhandschlag ist im Amateurtennis einmalig.«

Der 24jährige Architekturstudent Bungert ist erst der sechste deutsche Spieler, der sich in der gesamten Turniergeschichte Wimbledons bis zum Halbfinale durchsetzte. Erster war Rahe im Jahre 1909; ihm folgten Kreuzer (1913) und Froitzheim, der 1914 auch das Finale erreichte. Der nächste deutsche Halbfinalist kam ebenfalls ins Endspiel, und zwar dreimal hintereinander: Gottfried von Cramm in den Jahren 1935, 1936 und 1937. Und zweimal - 1938 und 1939 - kämpfte sich Heinrich ("Renner") Henkel bis in die Runde der besten vier Spieler von Wimbledon vor.

Henkel und von Cramm waren kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die einzigen deutschen Tennis-Herren, die ohne Einschränkung zur Spitzenklasse der Welt zählten - und für Jahrzehnte die letzten.

Den jüngeren, Henner Henkel, verwundete die Kugel eines Rotarmisten 1943 bei Woronesch zu Tode. Gottfried von Cramm überlebte zwar den Krieg, aber seinen Höhepunkt als Tennisspieler hatte er längst überschritten. Als er 1955 vom Turniertennis abtrat, verschwanden nicht nur die langen Hosen (der Nachwuchs trug Shorts) von den deutschen Plätzen, sondern auch die repräsentative Figur für Deutschlands einstige Weltgeltung im Tennis.

Gottfried von Cramm selber unternahm alle Anstrengungen, deutsche Tennisspieler wenigstens wieder an die europäische Spitzenklasse heranzubringen. »Es muß etwas getan werden, damit sich das deutsche Tennis wieder erholt«, verkündete er bereits 1952 und gründete in Zusammenarbeit mit dem Duisburger »Club Raffelberg« eine Art Trainingspool.

Trotz einiger-Erfolge erwies sich das Cramm-Experiment insgesamt als Fehlschlag: Die Cramm-Schüler placierten sich zwar gut in der deutschen Rangliste, aber internationale Reputation blieb ihnen versagt im Jahre 1957 löste von Cramm seine Duisburger Gemeinschaft auf.

Zur selben Zeit machte Wilhelm Bungert erstmals in Fachkreisen von sich reden. Als 18jähriger - nach sechs Jahren Tennistraining und Teilnahme an vorwiegend lokalen Wettbewerben - trat er in Berlin zum Hallenkampf um den »Königspokal« an. Seinen peitschenden Schlägen aus dem Handgelenk war der international bewährte Italiener Sirola nicht gewachsen; er verlor in fünf Sätzen.

Bald darauf wurde Bungert auch in die Davispokal-Mannschaft berufen. Wenige Jahre später hatte er mehr internationale Erfolge errungen als seine deutschen Konkurrenten - doch erst 1962 konnte er sich auf einer Deutschen Meisterschaft durchsetzen: Bungert gewann als erster in der deutschen Tennis-Geschichte alle erreichbaren drei Titel.

Und im selben Jahr hatte Bungert auf den berühmtesten Centre Courts Europas, Nordamerikas und Australiens derart eindrucksvoll gekämpft, daß der britische Tennis-Experte Lance Tingay in seiner von allen Verbänden respektierten Weltrangliste zum erstenmal seit dem Kriege wieder einen Deutschen aufführte: Bungert erhielt den zehnten Rang.

»Bungert ist Ausnahmeklasse«, urteilte auch Gottfried von Cramm über seinen Nachfolger - einen Nachfolger, der die Eigenart besitzt, das Publikum mit brillantem Spiel zu entzücken und es schon wenig später mit Kardinalfehlern zu enttäuschen.

Ursache dafür ist Bungerts Einstellung zum Tennis: Für ihn ist Tennis nur dann genüßlich, wenn er zu seiner über alle Maßen riskanten Spielweise finden kann. Dieser Hang zum Tennis -Hasard ist bei Bungert mit ungewöhnlicher Sensibilität gepaart; sie wirkte sich nicht selten gegen ihn aus, sobald er durch sein risikoreich aufgebautes Spiel in Nachteil geriet. Bungert will kein Tennisfanatiker sein: »Ein schönes Spiel, das ich verliere, freut mich mehr als ein Sieg in einem schwachen Spiel.«

Als er vergangene Woche in Wimbledon dem weltbesten Tennis-Amateur, Roy Emerson, das Halbfinale verbaute, spielte Bungert sein typisches, mitreißendes Spiel. Es war genau das, was die Fachwelt unter »Traumtennis« versteht. Es dauerte zwei Stunden und zwanzig Minuten, und in dieser Zeit gab es - wie die »New York Herald Tribune« hervorhob - keine einzige langweilige Sekunde«.

Zwei Tage später, beim Kampf um den Eintritt ins Endspiel, konnte Bungert kein Traumtennis produzieren: Deutschlands einziger Weltranglistenspieler ging gegen den US-Methodiker McKinley - wie einst von Cramm in seinen Endspielen gegen den Engländer Perry (zweimal) und den Amerikaner Budge - in drei Sätzen unter.

Daß Bungert der Chance, als erster Deutscher nach Froitzheim und von Cramm das Wimbledon-Endspiel zu erreichen, überhaupt so nahe kommen konnte, hat noch einen anderen Grund: Die besten Tennisspieler der Welt sind Berufsspieler geworden und dürfen in Wimbledon nicht antreten.

* Im Tennis finden keine offiziellen Weltmeisterschaften statt.

Wimbledon-Spieler Bungert

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... wieder unter den besten Vier

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