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POLEN Anderes im Kopf

Die Reformen in Polen greifen auch im Sport: Weniger Privilegien erschweren das Siegen.
• aus DER SPIEGEL 29/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Amateur-Puristen dürfen sich freuen: Wenigstens ein Land, Polen, ist dabei, die Profi-Privilegien seiner Staatsamateure abzuschaffen.

Bald nachdem die unabhängige Gewerkschaft Solidarität in Polens Betrieben ihren Einfluß durchgesetzt hatte, meuterten die Werktätigen gegen undurchsichtige Sportförderung auf ihre Kosten. Spitzenathleten standen mit Spitzenlöhnen auf den Lohnlisten, ohne anderes als Trainingseinheiten und Wettkampfergebnisse zu produzieren.

»Wer in der Fußball-Oberliga spielt«, hatte die Zeitschrift »Zycie Literackie« kritisiert, kassiere Summen, »wie man sie sonst nur im Schmuggel oder illegalen Devisenhandel verdient.« Im »Juljan Marchlowski«-Textilwerk in Lodz beschäftigte Frauen verlangten ebenso wie Arbeiter im Baukombinat »Wachod« in Bydgoszcz, die Kader-Stellen für die Geisterarbeiter aus Sportklubs abzuschaffen.

Beim Nationalligaklub Odra Opole streikte die Mannschaft schon, weil ihr Monatslohn ausgeblieben war. »Nur ein ehrlicher Berufsfußball bringt Klarheit«, schlug Nationalspieler Zbigniew Boniek eine Fußballreform vor.

Besonders beliebte und erfolgreiche Athleten unterstützt die Belegschaft freilich weiter. Stabhochsprung-Olympiasieger Wladyslaw Kozakiewicz etwa bezog weiter Gehalt von seiner Patenwerft in Gdynia. Er hatte es den Russen 1980 beim Olympia in ihrer Hauptstadt gezeigt: Trotz des unfairen Pfeifkonzerts der Moskauer Zuschauer siegte er mit einem Sprung über die damalige Weltrekordhöhe von 5,78 Meter.

Statt der hochbezahlten Freistellen sollen Sportler, allerdings nur ausgewählte S.124 und erfolgreiche, künftig staatliche Stipendien erhalten. »Durch diese Maßnahme wird die Gruppe von Sport-Rentnern ausgemerzt«, meldete die polnische Nachrichten-Agentur »Pap«. Die Fußballtrainer paßten sich dem Wind der Wandlung an und gründeten auch eine Gewerkschaft; sie soll die sportliche Ausbildung gegen »Überheblichkeit, Inkompetenz und Ignoranz« (Pap) der Behörden verteidigen.

Ein anderes Problem vermochten Trainer und Athleten nicht aus eigener Kraft zu lösen: Es fehlt an Spezialdiät, Kraftnahrung und Medikamenten. Der bundesdeutsche Stabhochsprung-Rekordler und Mannschaftssprecher Günter Lohre meldete nach Starts in Polen, »auch auf dem Schwarzen Markt gibt es nur wenig zu kaufen und dann zu Wahnsinnspreisen«.

Lohre mobilisierte den Deutschen Leichtathletik-Verband und Athleten, die zu polnischen Wettkampf-Partnern seit langem freundschaftliche Beziehungen entwickelt haben. Zur Europacup-Zwischenrunde in Warschau nahm die Bundesequipe Kraftnahrung und Medikamente für die Polen mit. »Vor allem den Stil wahren«, bat Lohre. »Wir dürfen da nicht zum großen Onkel aus dem Westen werden.«

Doch der Leistungsabfall polnischer Sportler ist unübersehbar. Bei den Olympischen Spielen in Moskau, kurz bevor die Streikwelle Polen verwandelte, waren sie mit 32 Medaillen Vierte in der Nationen-Wertung geworden. Bei der Europameisterschaft in ihrer Paradesportart Boxen fielen 1981 nur noch drei Medaillen ab; in Moskau waren es bei stärkerer Konkurrenz noch fünf gewesen.

Polens Leichtathleten hatten in Moskau sieben Medaillen, darunter zwei goldene, erkämpft. Doch die Hürden-Weltrekordlerin Grazyna Rabsztyn mochte überhaupt nicht mehr starten, andere blieben weit hinter ihren Leistungen zurück. Den Dreiländerkampf im Juni in London verloren Polen und Polinnen deutlich.

Die Olympia-Zweite Urszula Kielan sprang 1,80 Meter hoch, 14 Zentimeter weniger als 1980 in Moskau. Die Polinnen, bislang sichere Europacup-Teilnehmer, konnten sich bei der Zwischenrunde nicht für das Finale qualifizieren.

»Wir haben im Augenblick ganz andere Dinge im Kopf«, begründete die Hürdenläuferin Danuta Perka nachlassende Wettkampf-Konzentration und Leistung. Offensichtlich haben die Ostblock-Funktionäre nicht nur den Reiseverkehr, sondern auch den Wettkampf-Betrieb mit Polen drastisch eingeschränkt. »Entweder sind wir Bruderländer oder nicht«, beklagten sich polnische Sportfreunde erbost bei dem Bundesdeutschen Lohre.

Das für den 15. April vorgesehene Fußball-Länderspiel gegen die Sowjet-Union fiel ohne offizielle Erklärung aus. Beim traditionellen Kusoczinski-Memorial, dem internationalen Leichtathletik-Höhepunkt in Warschau, starteten neun Athleten aus der Bundesrepublik. Soviel kamen aus der UdSSR, der CSSR und der DDR zusammen. In der DDR traten kaum noch Polen an. Lohre: »Da hat man Angst vor einem Bazillus.«

Doch vor dem Pflichtspiel gegen die DDR mobilisierte Fußball-Polen alle Kräfte. Der Verband begnadigte rechtzeitig den gesperrten Wladislaw Zmuda und holte die im Westen spielenden Altstars Grzegorz Lato, Andrzej Szarmach und Jan Tomaszewski.

Das Testspiel gegen Rumänien verlor Polen noch 0:2, doch gegen die DDR glückte ein 1:0. Nun hat Polen Chancen, sich statt der DDR für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren.

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