Anstoß mit Eiern - DER SPIEGEL
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USA Anstoß mit Eiern

• aus DER SPIEGEL 8/1961
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Die Fußballspieler des »Hamburger Sport-Verein« hatten kaum Zeit, sich für das Gruppenphoto vor der New Yorker City Hall richtig aufzustellen. Aus der auf dem Platz versammelten Menge schallten feindselige Rufe. Dann flogen Tomaten und rohe Eier.

»Zuerst machten wir vergnügte Gesichter, weil wir dachten, so ein Empfang sei in Amerika üblich«, entsinnt sich Mannschafts-Kapitän Joseph Posipal. Als selbst die arglosesten HSV-Spieler keinen Zweifel mehr haben konnten, daß die zwischen ihnen zerspritzenden Farm-Produkte keineswegs freundlich gemeint waren, floh die Fußballmannschaft in das Rathaus.

Dieser unwirsche Empfang im Jahre 1950 - es war der erste USA-Besuch einer deutschen Fußballelf nach dem Zweiten Weltkrieg - war darauf zurückzuführen, daß die Amerikaner damals in den HSV-Sportlern unwillkommene Gäste aus dem einst feindlichen Deutschland sahen. Trotz des Tomatenhagels vor dem New Yorker Rathaus aber gilt die Reise der Hamburger Fußballer als Ausgangspunkt einer Entwicklung, in deren Verlauf der amerikanische Fußball sich aus dem Schattendasein löste, das er jahrzehntelang - eingeklemmt zwischen Basketball, Baseball und dem Rugby verwandten Football - geführt hatte.

Mithin dürfen sich die HSV-Fußballer einer sporthistorischen Tat rühmen, denn die europäische Ballkunst, die von den Hamburgern und (später) anderen Fußballern auf Besuchsreisen in Amerika vorgeführt wurde, trug entscheidend zum unerwarteten Aufschwung des Fußballsports in den USA bei.

Schrieb das amerikanische Fachblatt »Sports Illustrated« kürzlich: »Das Fußballspiel europäischer Art plustert sich an unseren Universitäten auf wie Brotteig in der warmen Küche.«

Tatsächlich ist die Zahl der Fußballmannschaften amerikanischer Universitäten inzwischen auf das Dreifache gestiegen. Über 300 Studententeams nehmen regelmäßig an Meisterschaften des europäischen Fußballspiels (im Amerikanischen: »Soccer") teil. Außerdem hat Soccer - auf Kosten des Footballspiels - an den amerikanischen Schulen derart starken Zuspruch gefunden, daß fußballbegeisterte Trainer und Pädagogen nunmehr annehmen, sie seien der Verwirklichung ihres kühnsten Traums entscheidend nähergekommen: der Bildung einer schlagkräftigen Fußball-Nationalmannschaft, die den beträchtlichen Vorsprung der Russen auf einem Gebiet einholen soll, auf dem die Amerikaner trotz aller Anstrengungen für Olympia-Turniere und Weltmeisterschaften bisher kraß versagten.

Typische Resultate der Yankee-Kicker: USA-Italien 0:8 (1952), USA-Jugoslawien 1:9 (1956), USA - Mexiko 0:6 (1958).

Drei Fakten erklären, warum der Fußballsport in den USA aufzublühen beginnt, während zugleich das Interesse für das Rugby-ähnliche Footballspiel spürbar zurückgeht:

- Fußball ist ungleich billiger als Football, weil für Footballspieler eine teure Ausrüstung - Schutzhelme und Panzer - notwendig ist;

- Fußball verlangt im Gegensatz zum Football nicht unbedingt eine robuste Körperkonstitution;

- Fußball ist viel ungefährlicher als Football.

Da beim amerikanischen Football der Ball nicht - wie im Fußballspiel - ausschließlich mit dem Fuß gespielt wird und überdies (was im Fußballspiel unzulässig ist) Rammen und Klammern zu den taktischen Notwendigkeiten gehört, kommt es in diesem Spiel unweigerlich zu mehr oder weniger schweren Verletzungen. Das Spiel ist so hart, daß sich beispielsweise in der Saison 1960 zwölf amerikanische Footballspieler zu Tode rammten.

Diese Zahl gilt als niedrig. Im Jahre 1959 gab es 18 Football-Tote, und Statistiker haben ermittelt, daß aufgrund der Todesfälle der letzten 29 Jahre mit 17 tödlichen Unfällen pro Jahr gerechnet werden muß.

Da die Footballspieler einander während des Spiels häufig Zähne ausschlagen, hat das für den Schul-Football zuständige Regelkomitee vor kurzem sogar verfügt, daß Schul-Footballer von 1962 an nur noch mit einem besonderen Zahnschutz auf den Platz dürfen.

So war kaum verwunderlich, daß sich vor allem Jugendliche für die mildere Form des Rasensports erwärmten, zumal auch Soccer-Spiele durchaus spannend verlaufen können. Die Vorzüge des europäischen Fußballs blieben zahlreichen Schuldirektoren nicht verborgen: Sie verlangten neuerdings von ihren Sportlehrern die Gabe, Schüler ihn Fußballspiel unterweisen zu können: »Es ist abzusehen«, folgerte »Sports Illustrated« optimistisch, »daß Soccer-Fußball eines Tages (wie Basketball, Baseball und Football) zu einem Massensport heranwächst.«

Starken Anteil an dem bereits erkennbaren Aufschwung des Fußballsports in Nordamerika hatte ein amerikanischer Baseball-Promoter namens Bill Cox. Er veranstaltete im vergangenen Jahr in New York das erste reguläre Turnier erstrangiger kontinentaler Fußballmannschaften.

Um das Wachstum des Fußballsports in den USA noch zu beschleunigen, hat sich Cox vorgenommen, vielerorts Trainingsstätten einzurichten, in denen junge Amerikaner kostenlos im fachgerechten Dribbel und Balltreten ausgebildet werden sollen.

Die dafür notwendigen Mittel hofft Cox aus den beträchtlichen Einnahmen abzuzweigen, die er auf seinem zweiten Welt-Turnier im Mai und Juni zu kassieren gedenkt. Diesmal soll das Turnier nicht nur in New York, sondern auch in Montreal stattfinden. Cox hat bereits bewährte Ballkicker-Teams aus England, Schottland, Irland, Frankreich, Österreich, Holland, Italien und der Tschechoslowakei zur Teilnahme eingeladen.

Wie sehr dem Turnier-Manager auch an der Teilnahme einer deutschen Mannschaft gelegen ist, erhellt daraus, daß Cox am vergangenen Mittwoch beim Deutschen Fußball-Bund in Frankfurt vorsprach und formale Schwierigkeiten hinsichtlich einer deutschen Turnierbeteiligung aus dem Wege räumte.

Sodann lud er freilich nicht den vor elf Jahren in New York mit einem Tomatenhagel begrüßten überseeischen Fußballpionier und Deutschen Meister »Hamburger Sport Verein« - der aus Termingründen ohnehin abgelehnt hätte -, sondern »Eintracht Frankfurt«, die nach dem Verlauf des letzten Europapokal-Wettbewerbs hinter der spanischen Elf »Real Madrid« zweitbeste europäische Fußballmannschaft.

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