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FUSSBALL »Aus dem Ruder gelaufen«

Der Fußballtrainer Guus Hiddink über seine WM-Erfolge mit Südkorea, den Umgang mit Superstars und seine besondere Verehrung für Bayern München
Von Jörg Kramer
• aus DER SPIEGEL 43/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hiddink, 55, führte die Nationalmannschaft Südkoreas bei der Weltmeisterschaft im Sommer überraschend bis ins Halbfinale. Danach unterschrieb er beim PSV Eindhoven, wo er seine Trainerkarriere begonnen hatte - 1988 gewann sein Team den Europapokal der Landesmeister. Zwischendurch betreute er die Teams von Fenerbahçe Istanbul, FC Valencia, Real Madrid, Betis Sevilla sowie dreieinhalb Jahre lang die niederländische Nationalelf.

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SPIEGEL: Herr Hiddink, wie ist es, nach eineinhalbjähriger Arbeit als Nationaltrainer in Südkorea wieder mit sperrigen Profis zu tun zu haben, die vom Sinn jeder Anordnung überzeugt werden wollen?

Hiddink: In der Tat war es in dieser Hinsicht mit südkoreanischen Spielern einfacher. Sie haben, wohl wegen ihrer konfuzianischen Erziehung, per se einen großen Respekt vor Autoritäten. Bei der Weltmeisterschaft waren sie unglaublich engagiert, total hingebungsvoll. Wenn ich denen gesagt hätte, sie sollten auf einen Baum klettern und 24 Stunden oben bleiben - okay, hätten die geantwortet, wird gemacht.

SPIEGEL: Vermissen Sie solche Formen der Selbstaufopferung jetzt beim PSV Eindhoven?

Hiddink: Nein. Denn seien wir mal ehrlich: Befehle einfach unreflektiert zu befolgen kann sehr gefährlich sein. Und es wird ja jetzt vieles verklärt. Dass wir bei der WM bis ins Halbfinale kamen, hatte mit einer gewissen Eigendynamik zu tun. Die Sache ist im positiven Sinn völlig aus dem Ruder gelaufen. Ich hatte dem PSV-Präsidenten Harry van Raaij, der mit mir den Vertrag aushandeln wollte, vorher gesagt: Lass uns reden an dem Tag, an dem die WM für Südkorea vorbei ist. Das dauerte dann und dauerte und dauerte.

SPIEGEL: Es gibt in Südkorea Bücher über Ihren Führungsstil, Unternehmen wie die Samsung-Gruppe ließen erforschen, inwiefern Ihre Arbeit auf die Chefetagen der Wirtschaft übertragbar sei. Was ist denn das Besondere daran?

Hiddink: Ehrlich gesagt habe ich mich das auch gefragt, als der ganze Hype losging. Was für eine tolle Strategie ich angeblich hatte! Dabei habe ich nur gearbeitet. Es waren die normalen Prozesse, mit denen man Leistung herauskitzelt. Die Spieler sollten nicht damit zufrieden sein, dass sie an einem solchen Turnier bloß teilnehmen. Okay, anfangs musste ich die Einzelnen dazu bringen, dass sie Verantwortung übernahmen. Es war ja ursprünglich noch so, dass sich die jüngeren Spieler gegenüber den älteren erniedrigten. Diese Tradition musste ich erst mal durchbrechen.

SPIEGEL: Haben Sie da für Ihre weitere Karriere etwas gelernt?

Hiddink: Ich stelle fest, dass ich seither nicht mehr so viel erkläre. Ich bin direkter zu den Spielern.

SPIEGEL: Sie sind ein Diktator geworden?

Hiddink: So würde ich es nicht sagen. Aber ich weiß meinen Spielern zu vermitteln, dass sie bei den europäischen Clubs verwöhnt worden sind. Es geht auch nicht um Strafen.

SPIEGEL: Sondern?

Hiddink: Um Lerneffekte. Wir haben beim PSV zum Beispiel den Neuzugang Remco van der Schaaf. Ein prima Bursche, nur etwas übermotiviert. Er lief dauernd Gefahr, sich die gelbe Karte einzuhandeln. Ich habe ihm gesagt, dass man eine Balance zwischen Engagement und taktischem Verhalten braucht. Als er im Spiel die gleichen Fehler wieder machte, musste er sich erst mal hinten anstellen.

SPIEGEL: Als vermeintlicher Experte für schwierige Charaktere sind Sie ja in Eindhoven gut aufgehoben. Ihr Vorgänger Erik Gerets, der jetzt den 1. FC Kaiserslautern trainiert, soll an nörgelnden Mannschaftsdiven gescheitert sein.

Hiddink: Nichts gegen Erik Gerets, der zu meiner ersten Trainerzeit in Eindhoven Ende der Achtziger mein Verteidiger war. Ich schätze ihn. Aber es gab letzte Saison wohl Animositäten, auch unter den Spielern. Genaueres habe ich gar nicht wissen wollen. Ich habe zur Mannschaft gesagt: So, ihr wolltet mit dem Trainer nicht weitermachen, jetzt bin ich hier. Nun müssen die Selbstregulierungskräfte wirken.

SPIEGEL: Das war alles?

Hiddink: Sonst war nichts zu tun. Einen Schnitt muss man machen, wenn die Spieler das Niveau nicht haben oder die Stars so abgehoben sind, dass in der Gruppe Neid aufkommt. Beides war nicht der Fall.

SPIEGEL: Sie setzen nicht Duftmarken, um sich Respekt zu verschaffen?

Hiddink: Ach, wissen Sie, man redet immer von harten und weichen Trainern. So einfach ist das aber nicht. Mit großen Stars, aber im Prinzip mit allen Spielern sollte ein Trainer so umgehen, dass er ehrlich ist und direkt. Keine Schwäche zeigen, nicht nachgeben, nicht herumeiern. Sonst beißen die Spieler, das ist ein Gesetz der Natur. Gerade Stars haben einen Riecher dafür, was echt und authentisch ist. Ich mag das

sogar. So bin ich mit einem Romário klargekommen, mit einem Raúl, einem Hierro.

SPIEGEL: Auch mit dem dunkelhäutigen Heißsporn Edgar Davids, den Sie als Coach der niederländischen Nationalmannschaft 1996 von der Europameisterschaft in England umgehend heimschickten, nachdem er Ihnen vorgeworfen hatte, den weißen Spielern in den Hintern zu kriechen?

Hiddink: Davids war ja bei der WM 1998 wieder mein Spieler. Die Spieler müssen merken, dass man eine klare, vor allem eine eigene Linie hat. Später bei Real Madrid gab es mal eine kleine Auseinandersetzung mit dem Abwehrspieler Christian Panucci. Danach hatten wir das beste Verhältnis.

SPIEGEL: Sie hatten über ihn geschimpft, er brauche weniger Ferraris und mehr »Cojones« - was mit Manneskraft oder Mumm übersetzt werden kann.

Hiddink: Es wird immer überbewertet, wenn einem Trainer mal so etwas herausrutscht. Sicher ist das eine Stigmatisierung. Aber wir Trainer haben auch unsere Frustrationen, wenn es dauernd Gemecker von den Profis gibt. Dann sagt man schon mal Sätze wie: Mensch, die fahren alle dicke Autos und wollen nicht arbeiten.

SPIEGEL: Bei Real Madrid mussten Sie nach weniger als einer Saison wieder gehen. Wie schnell hat sich ein Trainer heutzutage in einem Starensemble abgenutzt?

Hiddink: Schwer zu sagen.

SPIEGEL: Ottmar Hitzfeld startete diesen Sommer zum Beispiel in seine fünfte Saison bei Bayern München.

Hiddink: Das ist lange. Sehr lange. Nur wenn er ab und zu neue Spieler bekommt, kann er das durchhalten.

SPIEGEL: Trotz mancher neuer Spieler geriet er in die Kritik, weil schlechte Resultate vermutlich zum frühzeitigen Aus in der Champions League führen. Bayern-Kenner Paul Breitner setzte Sie schon auf die Kandidatenliste für die Hitzfeld-Nachfolge.

Hiddink: Mich? Was soll ich dazu sagen? Ich mag die Bundesliga. Als Bondscoach bin ich gern samstags in deutsche Stadien gefahren. Auch das Publikum wirkt friedlicher als das holländische. Ich habe aber nur einmal mit einem Bundesligisten verhandelt: 1993 mit dem VfB Stuttgart. Irgendwie hat es damals nicht geklappt. Bayern München ist natürlich eine Institution. Ein Club mit Stil, eine Herausforderung für jeden. Die ganz Großen wie Bayern, Real Madrid oder AC Mailand haben dieses gewisse Extra.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Hiddink: Von der Historie eines solchen Vereins wird ein entsprechendes Auftreten verlangt. Wer dort spielt, muss sich benehmen. Sonst kommt der Mannschaftskapitän und greift korrigierend ein. So kenne ich das aus Madrid. Das gefällt mir.

SPIEGEL: Sie klingen interessiert. In Eindhoven haben Sie aber für zwei Jahre unterschrieben.

Hiddink: Solange ich frisch bin, mache ich weiter. Bei PSV will ich meine beiden Assistenten so schnell wie möglich dazu bringen, selbständiger zu werden. So kann ich mehr im Hintergrund bleiben.

SPIEGEL: Dass Ihrem Team vor dem Rückspiel gegen Borussia Dortmund an diesem Dienstag in der Champions League das Ausscheiden droht, ist kein Beinbruch?

Hiddink: Man muss realistisch sein. Unsere Gegner Dortmund und Arsenal London haben eine viel größere ökonomische Potenz. Dortmund hat vielleicht 80 Prozent von Arsenal, wir nur 40.

SPIEGEL: Profitiert die niederländische Ehrendivision von der Stagnation auf dem internationalen Transfermarkt? Früher wurden jede Saison reihenweise Talente von spanischen, italienischen oder englischen Clubs aufgekauft.

Hiddink: Schon, aber auf der anderen Seite haben wir gerade eine Zeit, in der so große Talente nicht nachkommen. Bei den jungen Stürmern etwa sehe ich keinen neuen Dennis Bergkamp oder Patrick Kluivert.

SPIEGEL: Sie galten immer als Verfechter des schönen Offensiv-Fußballs. Die Spielweise Ihres südkoreanischen Teams wurde dann jedoch von Ästheten als Spielverhinderung gebrandmarkt: Ihre quirligen Spieler hätten technisch beschlageneren Strategen den Raum verstellt.

Hiddink: Das ist doch eine naive Kritik. Hätten wir den Gegner spielen und Tore schießen lassen sollen? Ich finde, wir haben sehr attraktiv gespielt. Wir wollten immer so schnell wie möglich den Ball bekommen. Also haben wir, aus einer ganz offensiven Stellung, weit vorn attackiert.

SPIEGEL: Arsenal-Coach Arsène Wenger spöttelte, die Südkoreaner hätten wohl einen Zaubertrank gebraut. Sie waren konditionell erstaunlich überlegen.

Hiddink: Was können wir dafür, wenn die Stars aus den europäischen Ligen bei der WM übermüdet waren? Und zu versteckten Dopingvorwürfen habe ich immer gesagt: Wer Zweifel hat, kann kommen und unser Blut untersuchen.

SPIEGEL: Lässt sich der südkoreanische Erfolg bei der WM 2006 wiederholen?

Hiddink: So extrem ist es nicht noch einmal möglich. Vielleicht kommen sie unter die besten 16. Ich berate die Südkoreaner ja noch. Und ich habe ihnen gesagt, dass sie in ihrer Liga auf den Zukauf drittklassiger Stürmer aus Südamerika künftig verzichten sollen. Die blockieren bloß die einheimischen Talente.

SPIEGEL: Zum Dank für Ihre Arbeit bekamen Sie die koreanische Ehrenbürgerschaft, den Orden »Blauer Drache«, ein Ferienhaus auf der Insel Jeju. Haben Sie auch schon von dem Freibier Gebrauch gemacht, das Ihnen zahlreiche Lokale auf Lebenszeit versprachen?

Hiddink: Nein, ich trinke gar kein Bier. Mir geht diese Verehrung auch ein bisschen zu weit. Für das Erreichen der zweiten WM-Runde schenkte mir Hyundai eine Limousine. Die ist wahnsinnig lang, ich glaube, fast 20 Meter. Ich habe gesagt, gebt den Wagen doch einem Waisenhaus. Aber da sind die beleidigt. Jetzt bringen sie das Auto nach Holland. Ich sehe den Spott schon auf mich zukommen: Wenn ich mit der Kutsche vorfahre, fangen die Leute an zu salutieren. INTERVIEW: JÖRG KRAMER

* Bei einer Straßenparade zur Feier des vierten Platzes bei derWeltmeisterschaft am 2. Juli in Seoul.* Im WM-Spiel der Niederlande gegen Jugoslawien am 29. Juni1998 in Toulouse.

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