RUDERN Aus Freude an der Qual
Der Morgen beginnt im »Bergrestaurant Hotel Malta« mit einem leichten Beben. Pünktlich ab acht bilden sich dann auf dem Frühstückskaffee zarte konzentrische Kreise, als hätte jemand winzige Kiesel in die Tassen fallen lassen. Am Buffet klappern die gestapelten Teller. Und die Gäste, die jetzt noch im Bett liegen, werden von einem seltsamen Geräusch geweckt, das alle paar Sekunden ertönt und sich anhört wie ein gedämpfter Kanonenschuss.
»Die feschen Burschn tun wieder was für ihre Muckis«, sagt die dralle Dame hinter der Rezeption.
Im vierten Stock der rustikalen Kärntner Herberge hat die Mannschaft des Deutschland-Achters ihr Tagwerk begonnen: anderthalb Stunden Zirkeltraining. Aus kleinen Musikboxen, die im Flur stehen, dröhnt HipHop: »Let me blow ya mind«. Die Ruderer haben die Möbel aus vier Doppelzimmern geräumt. Und dort, wo in Zimmer 406 normalerweise ein Schränkchen steht, liegt jetzt Thorsten Engelmann, 21, bäuchlings auf einem schmalen Tisch.
Er wuchtet eine 60 Kilogramm schwere Hantel vom Teppichboden, zieht sie mehr als einen halben Meter hoch bis unter die Tischplatte und lässt sie zurück auf den Boden krachen. Zehnmal macht er das, dann geht er zur nächsten Station, dem Ergometer. Dabei trällert er leise vor sich hin: »Eine Seefahrt, die ist lustig ...« Das klingt höhnisch, ist aber ernst gemeint.
Dieter Grahn, der die Crew trainiert, steht lässig im Türrahmen und sagt: »Die Kerle quälen sich wirklich gern. Ich muss sie eher bremsen als anspornen.« Grahn, 58, trägt eine schwarzrotgoldene Trainingsjacke und Sandalen. In der rechten Hand hält er eine Stoppuhr. »Die Jungs bilden eine Einheit, ein echtes Team.« Sein Ton verrät, wie stolz er darauf ist.
Dreieinhalb Wochen bereiten sich die acht Eingeschworenen in den österreichischen Bergen, 1933 Meter über dem Meeresspiegel, auf den Saisonhöhepunkt vor. Bei den Ruder-Weltmeisterschaften Mitte September in Sevilla zählen sie zu den Goldfavoriten.
Unerwartet und ungewollt. Und schwierig zu erklären.
Der Achter ist das Flaggschiff des Deutschen Ruderverbandes. Ein nationales Erfolgssymbol, geadelt mit dem Landesnamen. Ein Mythos, siebenmal Weltmeister, dreimal Olympiasieger, dazu bei den Sommerspielen je einmal Silber und Bronze. In einer seiner Hochphasen, zwischen 1988 und 1992, musste er sich nur zweimal geschlagen geben. In diesem Boot zu rudern bedeutete Ruhm ohne Risiko.
Doch gegen Ende der neunziger Jahre hatte sich der Deutschland-Achter Schritt für Schritt aus der Weltklasse verabschiedet. Bei der WM 1997 wurde er noch Fünfter, zwei Jahre später reichte es nur zu Platz zehn. Und als an einem nasskalten Mittwoch im Juli 2000 auf dem Rotsee in Luzern die Olympia-Qualifikation missglückte, war das einstige Paradeboot endgültig in der Zweitklassigkeit angekommen. Der damalige Bundestrainer Ralf Holtmeyer wusste es bereits vor der Blamage: »Es ist mir nicht gelungen, die letzten Reserven aus der Mannschaft herauszuholen.« Er habe das Team nicht mehr erreicht, im Boot seien »zu viele Egoisten« gewesen. Der Deutschland-Achter soff ab, weil die Ruder-Gemeinschaft in ihre Einzelteile zerfallen war.
Dieter Grahn, ein knorriger Sachse, der zuvor den Nachwuchs trainiert hatte, löste Holtmeyer ab. Beim Neuaufbau setzte er auf ein ungewöhnliches Konzept.
»Ich bin für Kontinuität statt Selektion«, sagt Grahn. Er sitzt in seinem Hotelzimmer an einem Holztisch, hat die Arme vor der Brust verschränkt und lächelt hintersinnig. »Es ist nicht einfach so, dass man acht starke Ruderer nimmt, und schon hat man einen schnellen Achter.«
Der Athlet müsse seine Kraft auch über eine saubere Technik in die Mannschaft einbringen können. Matthias Siejkowski etwa, der Weltrekordler im Ergometer-Rudern, hat noch nie in einem Deutschland-Achter gesessen. »Der hat im Boot keinen Riemen in der Hand, sondern eine Brechstange«, sagt Grahn. »Er kann sich vor Power kaum bewegen.«
Vorgänger Holtmeyer hatte beim Zusammenstellen der Besetzung immer einem darwinistischen System vertraut. Am Ergometer testete er im Frühjahr die Physis von mehr als einem Dutzend Kandidaten. Die Stärksten ließ er in Zweier-Booten auf einem Seitenarm des Dortmund-Ems-Kanals gegeneinander antreten, um ihre Wettkampfmoral zu testen. So filterte er die körperlich und mental Standfestesten heraus.
Grahn akzeptiert diese Methode, hält sie aber für eindimensional. Ein schlagkräftiges Team zu bauen ist für ihn ein Puzzle, das viel Fingerspitzengefühl verlangt. »Die Ruderer müssen als Mannschaft funktionieren«, sagt er. »Entscheidend ist, dass sich jeder auf den anderen bedingungslos verlassen kann.« Die Männer sollen sein wie Chemikalien, die isoliert ungefährlich sind, aber gemeinsam eine gewaltige Sprengkraft entwickeln.
Die Stärke des aktuellen Deutschland-Achters, sagt Grahn, ist sein Binnenklima. »Alle fühlen sich wohl. Jeder ist kameradschaftlich genug, um für die Gruppe alles zu geben. Und jeder ist eigenwillig genug, um für sich selbst Erfolg haben zu wollen. Nur mit so einer Dialektik kann etwas wachsen.«
Anfang letzten Jahres holte Grahn sechs Ruderer ins Boot, die bereits zusammen im Nachwuchs-Achter saßen. »Sie sind durch dick und dünn gegangen, erfolgshungrig und haben sich nach Niederlagen nicht zerfleischt«, sagt er. Die Mannschaft, die bei der WM 2001 sofort Bronze holte und diesen Monat den Gesamt-Weltcup gewann, ist mit einem Schnitt von 23,5 Jahren die jüngste in der Geschichte des Deutschland-Achters.
Nach Ralf Holtmeyers Kriterien sähe die Besatzung mit Sicherheit anders aus. Michael Ruhe zum Beispiel hätte wohl keine Chance gehabt: Der 22-jährige Student stammt aus Rinteln, er kam über eine AG an der Schule seines Bruders zum Rudern. Anfangs fuhr er im Zweier, später im Junioren-Achter, für den er vom Alter her immer noch rudern könnte. Als Grahn für den Deutschland-Achter einen Schlagmann brauchte, fragte er Ruhe - obwohl der noch nie auf dieser Position gesessen hatte.
»Er ist kein typischer Schlagmann, weil er körperlich schwach ist«, sagt Grahn. Ruhe wiegt 90 Kilo und ist zwei Meter groß. Am Ergometer zieht er 444 Watt, ein mittelprächtiger Wert. Der legendäre Bahne Rabe, der den Achter 1988 zum Olympiasieg trieb, zog 460 Watt. Grahn sagt: »Aber Michael ist eine starke Persönlichkeit und besitzt außergewöhnliches Rhythmusgefühl.«
Ruhes Rolle im Boot ist es, für Schub zu sorgen und die Schlagfrequenz vorzugeben. Dabei muss er darauf achten, dass die anderen im Takt bleiben. Genau genommen muss er es spüren, denn die übrigen Ruderer sitzen hinter ihm.
Michael Ruhes Schlag ist lang und ruhig, der von Roland Baar, dem Schlagmann der frühen Neunziger, war kurz und schnell. Baar stach das Blatt bis zu 40-mal in der Minute ins Wasser. Ruhe kommt mit 37 Schlägen aus. Seine Boote schneiden elegant durchs Wasser.
Rhythmusgefühl kann Kraft ersetzen. Man kann es aber nicht trainieren, und beschreiben kann man es offenbar auch nicht. Michael Ruhe sitzt in der Lobby des Hotels in einem Sessel, die Haare noch nass vom Duschen, und ringt nach Worten: »Ich spüre einfach, wenn hinter mir nicht alle gleichmäßig rollen. Ich weiß auch nicht genau, wieso«, sagt er. »Es ist wohl wie auf einem Fahrrad: Man tritt und strengt sich an, aber das Ding rollt nicht, weil man keinen Rhythmus findet. Ein anderes Mal geht es wie von allein. Wenn das Boot wie auf Schienen fährt, merkt man: Kraft wird zu Geschwindigkeit.«
Der Schlagmann ist ein schüchterner Mann mit rot leuchtenden Wangen. Während er spricht, knetet er sich permanent die Hände. Er redet nicht gern über sich.
Es ist ein wenig so, als hätte Rudi Völler den jungen Christoph Metzelder zum Kapitän der Fußball-Nationalelf bestimmt. Doch Grahns Experiment funktioniert, weil er keine Kahns oder Bierhoffs in den Achter gesetzt hat.
Michael Ruhe, rät Roland Baar, »darf nicht den Fehler machen und zulassen, dass man ihn mit seinen Vorgängern vergleicht«. Baar, der den Achter viermal nacheinander zum WM-Titel führte, war ursprünglich selbst ein Schweiger. »Ich wurde lange mit Bahne Rabe verglichen. Furchtbar. Man verkrampft. Dabei muss jede Mannschaft ihren ganz eigenen Stil entwickeln.«
Der Kölnbrein-Stausee im Maltatal ist ein schmaler, langer See. Eingebettet in zwei Berge, auf deren Kuppen Schnee liegt, schimmert türkisfarben das Wasser. Nach dem Mittagessen, Pute mit Nudeln, trägt die Mannschaft den 96 Kilo schweren, rund 20 000 Euro teuren Achter ans Ufer und lässt ihn vorsichtig zu Wasser. Es ist kalt. Grahn hat sich Handschuhe angezogen und eine Wollmütze aufgesetzt.
Er fährt im Motorboot neben dem Achter her, korrigiert technische Fehler. »Nicht den Körper reißen. Keine Hektik reinbringen!«, ruft er ins Mikrofon. Als das Boot seinen Rhythmus gefunden hat und scheinbar schwerelos gleitet, lächelt Grahn. In der Reihenfolge, in der die Hünen an den Riemen sitzen, sagt er, »ergänzen sich die Charaktere nahezu ideal«.
Hinter Schlagmann Ruhe sitzt Ulf Siemes, 23. Wortfaul wie sein Vordermann, unterstützt er ihn beim Schub. Die nächsten vier Ruderer sind die kräftigsten, sie bilden quasi den Maschinenraum. Unter ihnen gilt Johannes Doberschütz, 22, als Spaßvogel und Stephan Koltzk, 24, als nervöser Typ. Im Bug sitzen schließlich die feinen Techniker, die den Achter auspendeln.
Es gab Zeiten, da hat Grahn im Training die Positionen getauscht. Dieselben Ruderer, nur anders sortiert. Es hat nicht funktioniert. Es gibt Dinge, gesteht Grahn, »die kann man nicht erklären«.
Dabei hätte der Coach, der die Mannschaft bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen in ihrem Zenit sehen will, so gern Gewissheit: »Ich will Erfolg organisieren.«
Bislang konnten seine Athleten völlig unbekümmert rudern. Doch die jüngsten Erfolge haben ein neues Anspruchsdenken entwickelt. Der Verband wünscht sich bei der WM möglichst viele Medaillen, damit die Riemenruderer wieder auf eine höhere Förderstufe klettern und mehr Geld aus dem Innenministerium fließt.
Und in den Medien, sagt Sebastian Schulte, 23, »haben wir schon wieder verloren, wenn wir bei einer Regatta Zweiter werden«. MAIK GROßEKATHÖFER
* Wolfgang Maennig, Thomas Domian, Armin Eichholz, MatthiasMellinghaus, Steuermann Manfred Klein, Eckhard Schultz, Bahne Rabe,Ansgar Wessling und Thomas Möllenkamp nach dem Olympiasieg am 25.September 1988.