FUSSBALL Authentisches Nichts
Dem Vorwurf, eine unbequem fragende und hart insistierende Journalistin zu sein, sah sich die Fernsehmoderatorin Marianne Kreuzer, 39, bislang nie ausgesetzt. Im »Blickpunkt Sport«, einem Magazin im Dritten Programm des Bayerischen Rundfunks, dessen Redaktion die ehrgeizige Dame leitet, trägt sie über den feldbuschartig verschränkten Beinen gern kurzen Rock. Ihr braunes Haar ist nett frisiert, ihr freundliches Wesen gönnt jedem Studiogast das Gefühl von Wohlbehagen.
Dennoch musste Marianne Kreuzer vergangene Woche ohne einen Prominenten aus der Münchner Fußball-Schickeria auskommen. Das lag nicht an ihrem Ruf. Die kokette Frontfrau arbeitet schlicht beim falschen Sender.
»Wegen der unklaren Situation im Rechtestreit mit Kirch stellen die Vereine bis auf weiteres keine Spieler mehr für unsere Sendungen ab«, erklärte sie dem verdutzten
Publikum, dem der TV-Plausch mit Bayern-Größen wie Effenberg oder Kahn zur montäglichen Gewohnheit geworden ist.
Auch wenn die Fehde zwischen ARD und Rechtehalter Leo Kirch um Kurzberichte in der »Tagesschau« vorigen Freitag beigelegt wurde, offenbarte der Boykott durch den Deutschen Rekordmeister die Haltung, die sich unter den Akteuren der großen Bundesliga-Show durchgesetzt hat: »Ein Sender«, argumentierte Bayern Münchens Pressesprecher Markus Hörwick, der viel weniger bezahle als Premiere und Sat.1, »kann nicht die gleichen Leistungen von uns erwarten«. Dabei wäre ein Studiogast nach dem furiosen 3:0 des FC Bayern über Schalke, so haderte Kreuzer, »journalistische Pflicht« gewesen.
Doch journalistische Pflicht und praktische Möglichkeiten driften in den Zeiten des nimmersatten Kommerzes stetig auseinander. Aus dem öffentlichen Gut Fußball ist eine handelbare Ware geworden. Wer ihn teuer bezahlt, empfindet ihn als Eigentum - und will ihn ausschlachten nach den Regeln des Entertainmentgewerbes.
Und mehr noch als in der Entscheidung, ob 90 Sekunden Bundesliga im Hochamt des deutschen Nachrichtenwesens stattfinden, spiegelt sich in anderen Medien eine neue journalistische Wirklichkeit. Denn längst haben sich Funk- und Printberichterstatter damit abfinden müssen: Wer das Recht am Sendebild hat, genießt auch die Vorherrschaft über die Information.
Ob die Fernsehschaffenden der Öffentlich-Rechtlichen, ihre Kollegen vom Hörfunk oder jene von privaten Radiostationen, ob Reporter der Agenturen, Schreiber von Tageszeitungen oder Fotografen - sie alle fühlen sich gegängelt, beschränkt, behindert von dem Pakt, den die Bundesligaclubs mit Kirchs Rechteagentur ISPR geschlossen haben.
Denn wie ein Bundesligaspiel heutzutage inszeniert wird, das bestimmt ein umfangreiches Vertragswerk zwischen den Partnern Deutsche Fußball Liga (DFL) und ISPR. Angesichts 700 Millionen Mark, die in der laufenden Saison an die Proficlubs fließen, lassen sich Sonderwünsche schwer verwehren. Quasi um Verständnis bittend hat das der Hamburger SV den Medien jüngst schriftlich mitgeteilt: Der Verein sei verpflichtet, »den Fernseh-Erstverwertern Priorität einzuräumen«.
Daraus folgt unter den Fußballreportern eine Klassengesellschaft, die im Stadion-Innenraum durch das Überstreifen verschiedenfarbiger Westen sichtbar wird. Premiere-Leute tragen rote Leibchen, sie sind die absoluten Chefs im Ring, dürfen als Erste alles und überall hin. Mitarbeiter von Sat.1 legitimieren sich durch zartes Blau als Zweitverwerter. Interviews in der Halbzeitpause, zum Beispiel, sind ihnen untersagt. Das Personal des ZDF weist sich grün aus - Drittverwerter. Das heißt: erst mal hinten anstellen.
Wer keine Weste erhält, ist von niederem Stand - also Hörfunkreporter oder Schreiberling, Nullzahler eben. Im Innenraum haben die nichts zu suchen, auch vor und nach dem Spiel. Sie würden die Arbeit der Bildermacher und Stimmenfänger stören.
Für einen ohne Leibchen, der das Einholen von Meinungen zum Spiel aber als notwendigen Akt der Recherche versteht, ist das ein echtes Ärgernis. Hans-Joachim Zwingmann, 61, Fußballchef der Deutschen Presse-Agentur, sieht seine Berufsgruppe »in die fünfte Reihe abgerutscht«. Als Journalist einer Nachrichtenagentur kämpft er für gewöhnlich um jede Minute. Seit er (und seinesgleichen) vor sechs Jahren per
DFB-Dekret aus dem Innenraum verbannt wurde, muss er warten, bis die Herren Profis ihre verschwitzten Trikots gegen schmucke Designer-Hemden getauscht haben und in der »Mixed Zone« vorbeischauen. Doch das dauert.
In der Zwischenzeit treten die Trainer der beiden Teams erst mal im »Premiere-Studio« auf. Ihre Spielanalyse wird freundlicherweise auf die Fernsehschirme im Presseraum überspielt. Die Zeitungsleute schreiben hektisch mit - so produzieren die elektronischen Medien die Vorlage für die gedruckten. Weil den Schreibern eigene Wege zur Informationsbeschaffung erschwert sind, berichten sie über das, was sie aus dem Fernsehen erfahren haben.
Da ist es nur konsequent, wenn die Verfasser der Spielberichte von »Welt am Sonntag« und »Bild am Sonntag« sich gleich in ihren Redaktionsbüros in Berlin und Hamburg vor die Mattscheibe setzen. Seitdem Premiere sämtliche Spiele offeriert, hat sich, so ein »BamS«-Macher, »unsere Fehlerquote im Blatt deutlich verringert«. Auf dem Fernsehbild, mit Hintertorkamera und in Zeitlupe, sieht der Redakteur einfach besser als von der Tribüne aus. Die Reporter im Stadion geben nur noch die Spielernoten - und ihren Namen für die Autorenzeile.
Kaum ein aktuell arbeitender Printjournalist kann es sich leisten, die wegen der Premiere-Schau oft erst eine drei viertel Stunde nach Abpfiff beginnende Pressekonferenz abzuwarten. Vor allem bei Sonntagsspielen und den Champions-League-Matches unter der Woche sickern somit die Statements, die über Premiere verbreitet werden, in die Zeitungsberichte ein.
Das wäre vielleicht als Serviceleistung zu loben, wenn der journalistische Anspruch mit dem technischen Aufwand der digitalen Supershow Schritt halten würde. Der Münchner Kommunikationswissenschaftler Michael Schaffrath hat jedoch 214 Interviews aus 22 Fußballübertragungen seziert: Zwei Drittel der Fragen und Antworten hätten keine Bewertung beinhaltet, kritische Äußerungen gestatteten sich die Reporter nur in einem von zehn Gesprächen. Ein Premiere-Präsentator schaffte es gar, in 92 Prozent seiner Fragen ein Lob unterzubringen: »Auch sonst ein Riesenspiel gemacht, Jens Jeremies, muss man sagen, oder?«
»Hofberichterstattung« beklagt Schaffrath aber nicht allein beim Bezahlfernsehen, den Trend erspähte er auf allen Kanälen. Der Wandel im Sportjournalismus ist kein Spiel Gut gegen Böse, Pay-TV gegen Free-TV oder Privat gegen Öffentlich-Rechtlich. Die Rollen wechseln je nach Marktlage. Wer bezahlt, macht sein Produkt schöner, als es ist. Wer nicht bezahlt, pocht auf seine Unabhängigkeit und fühlt sich dem Informationsjournalismus verpflichtet.
RTL schützt seinen Vermögenswert Formel 1, schließt Exklusivverträge mit den Schumacher-Brüdern ab. An einem Bundesliga-Spieltag erinnert man sich dann an journalistische Grundwerte und zeigt in den Nachrichten das Tor des Tages aus Mönchengladbach in einer Fotosequenz.
Die hehre ARD weidet ihr Recht an den Spielen der Nationalmannschaft aus, bis den Zuschauern ermattet die Lider niedersinken, und in der Halbzeitpause werden Mittelklasseautos verlost. »Wir sind ja nicht ganz unbeteiligt daran«, gesteht Werner Zimmer, Fernsehdirektor des Saarländischen Rundfunks und »Sportschau«-Mann der ersten Stunde, »dass der Sport zur Show geworden ist.«
An den Folgen haben auch ausgerechnet jene Kollegen zu leiden, deren pralle Erzählkunst die Bundesliga populär gemacht hat: die Hörfunker. »Von Jahr zu Jahr schwieriger« werde ihr Job, sagt WDR-Reporterin Sabine Töpperwien. Früher habe sie vor dem Match noch mit den Trainern sprechen können - das sei ohne Innenraumkarte nicht mehr möglich. Und die verspätete Pressekonferenz nach dem Spiel, der Bayern-Sprecher Hörwick ganz offen »nur Alibifunktion« attestiert, kommt für die Radioleute schlicht zu spät.
»Um 18 Uhr ist nämlich Sendeschluss«, sagt Alexander Bleick, Sportchef des NDR-Hörfunks. Auch den Weg in die Mixed Zone kann er sich meist sparen. Zumal Bleick dort auf genervte Spieler trifft, die bei den Fernsehkollegen schon dreimal dasselbe sagen mussten: »Da haben sich dann Sprechmuster eingeschliffen, die mit einem authentischen O-Ton nichts mehr zu tun haben.«
Den Pressesprechern der Bundesligisten sind die Nöte natürlich bekannt. Doch sie kommen nicht an gegen die normative Kraft des Faktischen. Schließlich sind die Clubs längst von den TV-Geldern abhängig. Bei vielen Vereinen macht die Apanage vom Fernsehen, im Schnitt 30 Millionen Mark, mehr als die Hälfte des Etats aus. Sie wissen: Wenn Kirchs Pay-TV-Kanal scheitert, kollabiert die Liga.
Die Treue zum Hauptfinanzier ging voriges Jahr so weit, dass die meisten Clubs ihre Mitglieder anschrieben und den Erwerb eines Premiere-Decoders empfahlen. Da scheint es nur eine Frage der Zeit, dass die Vereine zur Päppelung des Pay-TV-Angebots weitere Zugeständnisse machen. Gern würde Premiere Kameras in den Kabinen platzieren oder den Strafraum mit Richtmikrofonen abhören. Als Vorbild dient die Formel 1, wo Premiere-Kunden den Fahrern mittels Cockpit-Kameras bei der Arbeit zuschauen können, dem Boxenfunk der Teams lauschen und die Motorendrehzahl ablesen.
Doch erfährt man mehr, nur weil man mehr sieht? Printjournalisten registrieren schon jetzt eine zunehmende Beliebigkeit der Bilder und Aussagen. »Das Vordringen der Kamera bis in alle Winkel«, bemerkt die »Süddeutsche Zeitung«, verändere das Gesprächsverhalten der Beteiligten: »Spieler riskieren keine kesse Lippe, wenn permanent die Kamera läuft.« Die Verflachung wird verstärkt durch die Arbeitsverträge der Profis, die ihnen kritische Töne zu Mannschaft und Verein untersagen.
Wenn das authentische Nichts aber schon zur Befriedigung der Lizenznehmer ausreicht, gleicht sich die Kultur der Berichterstattung weiter den Usancen der Musik- und Filmbranche an. Dort werden von Superstars Zehn-Minuten-Interviews gewährt, die jeden Tiefgang verhindern.
Auch im Sport greift die Methode um sich, heikle Themen wie Doping oder Privates von vornherein als Frage auszuschließen. Sat.1-Moderator Jörg Wontorra, der zu seiner Zeit bei Radio Bremen wegen kritischer Kommentare vom SV Werder sogar mal mit Stadionverbot belegt wurde, zieht seit Jahren deshalb den »Columbo-Stil vor«. Der US-Fernsehkommissar sei auch ganz lieb zu seiner Kundschaft gewesen - und habe »trotzdem immer alles rausgekriegt«.
Was soll Wontorra auch anders machen? Die Startpleite der auf 20.15 Uhr verschobenen Sat.1-Fußballshow zwingt dazu, im Studio mit großen Namen zu prassen. Und die kommen nur, wenn sie keine Unbotmäßigkeiten befürchten müssen - was aber in diesen schweren Tagen, da Sat.1 und Bundesliga einander schwören, im selben Boot zu sitzen, sowieso nicht opportun wäre.
Journalisten, die nicht Teil der symbiotischen Beziehung von Fußball und Fernsehen sind, werden weniger zuvorkommend behandelt. Der Radioreporter des niedersächsischen Privatsenders FFN musste sich für das Heimspieldebüt Werder Bremens eine normale Karte kaufen. Per Handy berichtete er live aus dem Fanblock, eine Presseakkreditierung hatte der Verein abgelehnt. Auch Fernsehteams, die gar keine Spielszenen aufnehmen, sondern im Stadion beispielsweise die Arbeit einer Sabine Töpperwien oder eines Spieleragenten beobachten wollen, werden zurückgewiesen. »Wir wollen den Event transportieren«, erklärt Andreas Krannich von der DFL, »und da nicht so viele störende Journalisten rumrennen haben.«
Der Ton hat sich verändert, seit das ganz große Geld aus München fließt. »Er ist zuweilen abweisend und arrogant«, sagt NDR-Redakteur Bleick. Die Hörfunkkollegen bekommen zu den Bundesligaspielen nur noch das Minimum an Eintrittsausweisen.
Die schroffe Haltung mag auch daran liegen, dass die ARD ihre Akkreditierungswünsche für die TV-Teams zuletzt nicht mehr auf hauseigenen Briefbögen verschickte, sondern eine große Bonner Anwaltskanzlei einschaltete. Auf fünf Seiten erklärte die Sozietät erst mal die Rechtsposition, dann folgten die Forderungen: »Insgesamt müssen 20 Mitarbeiter und 3 technische Fahrzeuge sowie 5 Personenfahrzeuge in das Stadion eingelassen werden.«
Das Hin und Her um Privilegien und Aussperrungen wird sich indes vielleicht schon bald erübrigen. Bis 2004 will DFL-Medienchef Michael Pfad ein eigenes Team aufbauen, das den Sendern das fertig produzierte Bild verkaufen kann. Die Folgen sind absehbar, zu besichtigen an den Rennstrecken der Formel 1, deren digitales Fernsehen von Renndirektor Bernie Ecclestone kontrolliert und vermarktet wird.
Hier sind es vor allem die Fotografen, die über den Auftritt der Kamerateams klagen. Die attraktiven Perspektiven sind für das Formel-1-TV reserviert. »Die kriegen alles, die sehen alles, die stehen im richtigen Winkel«, sagt ein Lichtbildner. Nur 5 der 110 akkreditierten Kollegen dürfen beim Rennen in der Boxengasse stehen und die Reifenwechsel ablichten. Wenn die Technik so weit ist, prophezeit ein deutscher Fotograf, »dann lädt Ecclestone von seinem Fernsehen digitale Bilder herunter und sperrt uns Störenfriede ganz aus«.
Auch im Umgang mit Reportern privater Radiostationen ist Ecclestone der Entwicklung im Fußball voraus: Sechsstellige Mark-Beträge müssen Rundfunkjournalisten pro Saison zahlen, um aus dem Pressezentrum vom Fernsehmonitor zu beschreiben, was jeder seiner Kunden sehen könnte, wenn er statt des Radios ein Fernsehgerät eingeschaltet hätte.
GERHARD PFEIL, THILO THIELKE,
ALFRED WEINZIERL
* Reporter Christian Sprenger mit dem Mönchengladbacher ProfiArie van Lent am 28. Juli.* Mit Moderator Fritz von Thurn und Taxis am 28. Juli inMönchengladbach.