STARS Azubi am Neuen Markt
Es ist noch früh am Tage, doch im Innenhof eines Cafés in Berlin Mitte ist schon tüchtig Betrieb. Hundert Journalisten, 40 Fotografen und 17 Kamerateams drängen sich auf dem Areal.
Der Anlass für den Auflauf ist eher banal. Es geht um die Präsentation eines neuen Online-Dienstes mit dem Namen Sportgate. Auf einer Bühne sitzen der ehemalige RTL-Chef Helmut Thoma und sein künftiger Partner Manfred von Richthofen, der Präsident des Deutschen Sportbundes. Den Ausführungen der honorigen Herren folgen die Medienmenschen indes mit erkennbarem Desinteresse. Wissen will man nur: Wo ist Boris?
Die Auflösung erfolgt später am Brandenburger Tor. Dort steckt Boris Becker, neuerdings Thomas Geschäftspartner, sei-
nen Kopf durch einen überdimensionierten Papprahmen. Anschließend wirft er ein Football-Ei in die Menge - das war es dann. Boris hat keine Lust, keine Zeit und womöglich auch nichts zu sagen. Und doch sind am nächsten Tag die Zeitungen voll mit Erlebnisberichten vom dünnen Event.
Augenscheinlich hat der einstige Tennis-Heros den Sprung von den Sportnachrichten in den Wirtschaftsteil mühelos vollzogen. An der Seite von Machern wie dem Kommunikationsprofi Thoma drängt der emeritierte Sportheld an den Neuen Markt. Boris 2000 - der Shooting-Star der New Economy?
Er macht es wie immer: alles in ganz großem Stil. AOL, Brandenburger Tor - eine Nummer kleiner hat er''s nicht. Zwar übt Becker auf dem neuen Terrain erst seit gut zwei Jahren, dealt aber gleich mit Blue Chips wie Bertelsmann und DaimlerChrysler. Und weil er sich so gern im Kreise der Multis bewegt, fällt gelegentlich auf, dass er eben doch noch Azubi ist.
So beflissen wie Boris Becker, 32, ist noch niemand durch die Welt der werbenden Wirtschaft gestürmt - nicht einmal der geschmeidige Fußballprofi Oliver Bierhoff, der zuletzt zeitgleich Reklame für Fruchtjoghurt, Wertpapiere und Haarshampoo machte und damit den Menschen kräftig auf den Nerv ging. Becker hievt sich in eine neue Dimension - mit einem bizarren Schaulaufen auf Vorstandsetagen, PR-Terminen, Foto-Sessions und Prominenten-Partys. »Wenn Becker nicht aufpasst«, sagt ein Mann vom Fach, »hängt er den Leuten bald zum Hals raus.«
Schon länger bastelt Becker an seiner zweiten Karriere. Während der ehemalige Kollege Michael Stich als Moderator der ProSieben-Reality-Show »Der Maulwurf« seinen Ruf riskiert, hat sich der mehrmalige Wimbledonsieger ein kleines Imperium geschaffen.
Über seine zwei Firmen BBM (Boris Becker Marketing) und BBI (Boris Becker Sportmarketing) wickelt der Multimann die Geschäfte ab: drei Autohäuser in Ostdeutschland, die Vermarktung von Sportlern und Veranstaltungen, Immobilien-Deals, Unternehmensbeteiligungen - und seine persönlichen Werbeverträge. Auf rund 200 Millionen Mark wird das Vermögen von »Business-Becker« ("GQ") geschätzt.
Die Manager-Attitüde, die er sich gibt, passt perfekt in den Lebensentwurf eines Mannes, der sich selber schon immer gern als »Visionär« sah. Als junger Tennisprofi dachte Becker darüber nach, mal Taxifahrer in New York zu sein. Im reiferen Alter hat er die Ziele nun etwas höher gesteckt: »Mein Matchball ist heute die Vertragsunterzeichnung.«
Das klingt gekonnt. Doch bei näherer Betrachtung seines Wirkens zeigt sich, dass der Geschäftsmann Becker nichts anderes tut als das, was schon der Sportsmann Becker tat: Er verkauft sich selber. Denn Becker hat nur Becker im Programm. Seinen Namen ließ er sich beim Patentamt unter der Nummer 39961882.1/28 als Marke schützen.
Eigene Ideen, eigene Konzepte, eigenes Know-how? Braucht Becker nicht. Sein wichtigstes Geschäftsprinzip besteht darin, einflussreiche Menschen anzutreffen, die Ideen, Konzepte und Know-how mitbringen. Was ihnen fehlt, ist der Verbreiter ihrer Botschaft. Und die trägt kaum einer so perfekt unters Volk wie Boris Becker.
Die Symbiose funktioniert. »Bin ich schon drin, oder was?«, stammelte der Werbeträger in einem Spot für den Online-Riesen AOL, der zur Kultnummer wurde, weil findige Strategen einen Weltstar zum Menschen von gestern umbauten. Nun gilt der einstmals bekennende Computer-Laie als Held des Massenkommunikationszeitalters.
Beckers Akquise findet nur in feiner Gesellschaft statt. »Star Alliance« nennt er jenen Zirkel von einflussreichen Menschen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, mit denen er so prächtig kann. DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp gehört dazu, AOL-Boss Steve Case, Bundeskanzler Gerhard Schröder und jede Menge anderer Promis. »Die Möglichkeiten dieses Geflechts«, erläutert Becker, »beginne ich erst auszuschöpfen.«
Verschont bleibt dabei keiner: Becker golft mit Tiger Woods auf Gut Kaden; Becker verleiht den Laureus Award in Monte Carlo; Becker fährt im Bus der deutschen Nationalkicker zum Stadion vor; Becker drückt neben Claudia Schiffer in Zürich bei der Präsentation der WM-Bewerbung 2006 die Daumen. Selbst die »Bild«-Zeitung war baff, als sie das Pensum einer einzigen Woche von Gala-Boris bestaunte: »Jet-Set, Promis, Partys.«
Wie schwer es sein kann, im gewöhnlichen Berufsleben ein Bein auf die Erde zu kriegen, erlebte Boris Becker indes beim Versuch, ein richtiger Sportmanager zu werden. Einer wie Ion Tiriac, der ihn einst zum Werbemillionär machte - so wäre Boris schon ganz gern.
Um sich das zu beweisen, nahm er vor einem halben Jahr den Fußballprofi Andrej Schewtschenko, Torjäger vom AC Mailand, unter Vertrag. Für seine Firma BBI mit Sitz in Wien und im Schweizer Steuerparadies Pfäffikon soll der schwer vermittelbare Ukrainer ein Prestigeobjekt sein.
Doch anfangs gelang es nicht mal, einen für Mailänder Profis eigentlich selbstverständlichen Schuhvertrag an Land zu ziehen. »Wenn er das nicht hinkriegt, sollte er lieber Blumen verkaufen«, lästerte ein Konkurrent.
Geld für Beckers Kundschaft gibt es nur dann, wenn Becker mit im Bild ist. Also nahm der Vermarkter seinen Klienten an die Hand. Mal posierte er mit Schewtschenko für die Boulevardpresse vor dem Mailänder Dom. Dann wieder schleppte er den Kunden mit zu einer Präsentation seines langjährigen Sponsors, der Uhrenfirma TAG Heuer.
So zog die Kampagne. Den Abschluss eines mit vier Millionen Mark dotierten Werbevertrags zwischen Schewtschenko und der Computer-Reparaturfirma Home Jumper feierte Becker mit 450 handverlesenen Gästen im Münchner Olympiastadion.
Im Rahmenprogramm kickte eine Journalisten-Auswahl gegen eine Promi-Elf, besetzt unter anderen mit den Becker-Getreuen Carlo Thränhardt und Carl-Uwe Steeb. Als Einziger seines Teams hatte sich Becker das Trikot mit seinem Namen beschriften lassen - standesgemäß trug er die Nummer 10 des Spielmachers.
Becker hat ein ganz eigenes Verständnis von seiner Größe. Selbstverständlich, so doziert er, sei er nun auch als Geschäftsmann »ein Star«, und zwar nicht nur in Deutschland: »Die Leute kennen mich auf jedem Fleckchen der Erde.«
Nur gibt es eben Momente, in denen auch World-Wide-Becker die ganze Popularität nichts nutzt. Dann betritt er abends das Hotelzimmer wie ein frustrierter Handlungsreisender, der gemerkt hat, dass die Konkurrenz mal wieder besser war.
Und diese Momente häufen sich.
Gönnerhaft hatte Becker in Aussicht gestellt, die Rechte an der ATP-Tour zu erwerben und fortan neue Maßstäbe in der globalen Vermarktung des Herren-Tennis zu setzen. Der Deal schlug letztes Jahr fehl, weil den Zuschlag die Schweizer Agentur ISL erhielt. Sie zahlte 1,2 Milliarden Dollar - und hatte damit die Becker-Offerte um das Vierfache getoppt.
Ausgebremst wurde der Grande auch, als er dem Deutschen Tennis Bund (DTB) einen Sponsor, Viag Interkom, anempfahl. Was Becker außer Acht gelassen hatte: Die Mobilfunker durften nicht mit ihrem Logo auf den Shirts der Spieler werben. Denn deren Vertrag mit Nike garantierte dem US-Sportausrüster ein exklusives Engagement.
Selbst in dem Bereich, in dem Becker seine »Kernkompetenz« vermutet, fehlt ihm bisweilen die Fortüne. So war sein hartnäckiges Werben um Thomas Haas Anfang dieses Jahres vergebens. Die Agentur IMG konterte kühl, der Tennis-Crack sei auf Jahre hinaus vertraglich gebunden.
Bisweilen gehen sogar Nobodys auf Distanz zum großen Meister. Maximilian Abel, 18, als Vize-Weltmeister der Junioren bisher nur Insidern ein Begriff, entschied sich kürzlich gegen die Betreuung durch Becker. Der Jüngling fürchtete, der Rummel um den Zampano könne eher als Karrierebremse wirken.
Offenkundig setzt der Mythos Becker im Tennisgewerbe Patina an. Das liegt auch daran, dass der Champ nach Karriereende glaubte, sich ganz nebenbei und gewissermaßen durch Handauflegen zum Retter der darbenden Tennis-Szene in Deutschland emporschwingen zu können.
Ein Irrtum. Als Teamchef der Daviscup-Auswahl kapitulierte Becker bereits nach zwei Jahren. Seine Hinterlassenschaft: zahlreiche vergrätzte Funktionäre und eine heillos zerstrittene Mannschaft.
Nun dräut weiteres Ungemach. Denn nach den Olympischen Spielen wird DaimlerChrysler bekannt geben, dass das hauseigene »Mercedes-Benz Junior Team«, angeführt vom nur sporadisch anwesenden Sportlichen Leiter Boris Becker, »umstrukturiert« wird.
Hinter der Floskel eines Konzern-Oberen verbirgt sich das Eingeständnis, dass die vermeintliche Eliteeinheit, mit Millionen subventioniert, nach dreieinhalb Jahren in dieser Form am Ende ist. Die Bilanz der stotternden Kaderschmiede: Zwei Spieler wurden vorzeitig wegen Diebstahls gefeuert, einer dümpelt um Weltranglistenplatz 200, ein anderer irrlichtert um Position 700.
Hat es Boris Becker, hin- und hergerissen zwischen den Verpflichtungen seiner neuen Welt, nun endgültig den Blick getrübt für das, was er einmal wirklich gut konnte: Tennis? Hier hatte er oft den Scharfrichter gespielt - aber selbst das haut neuerdings nicht mehr hin.
So geißelte er auch zwei der auffälligsten Spieler des Hamburger ATP-Turniers, den Brasilianer Gustavo Kuerten und den Schweden Magnus Norman, im Mai als typische Vertreter einer Generation von Langeweilern. »Das will keiner sehen.«
Drei Wochen später führte ihn einer seiner zahlreichen Shake-hands-Termine nach Paris. Der Auftrag: Er sollte den Gewinner des Grand-Slam-Turniers von Roland Garros ehren. Niemals habe er, so flötete Becker bei der Zeremonie, »besseres Tennis auf Sand gesehen als im vierten Satz«.
Die Endspielgegner waren Kuerten und Norman. OLIVER GEHRS, GERHARD PFEIL,
MICHAEL WULZINGER
* Bei der Präsentation der Internet-Firma Sportgate vergangeneWoche in Berlin mit Medienberater Robert Lübenoff.