FUSSBALL Bald anpacken
Wenn es nach den Regeln ginge, müßte die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 wiederholt werden: In mindestens zwei WM-Spielen mißachteten die Schiedsrichter die Regeln.
Sportwissenschaftler der Kölner Sporthochschule lieferten die Protestgründe im Trainer-Fachblatt »Leistungssport« nach. Brasiliens Spiele gegen Schottland und Zaire endeten vor der Regelspielzeit von 90 Minuten. In 17 weiteren von insgesamt 38 WM-Spielen verletzten die Unparteiischen zumindest den Sinn der Regel.
Regel 7 verlangt, daß der »Schiedsrichter jeder Spielzeithälfte die nach seinem Ermessen durch Unfall oder aus einem anderen Grunde verlorengegangene Zeit hinzufügen muß«. In 17 Spielen ließen die Männer in Schwarz verletzungsbedingte Pausen nicht oder zu kurz nachholen.
Mit ihrer Untersuchung über die wirkliche Spieldauer am Beispiel von 24 WM-Spielen bewiesen die Autoren, daß keine Partie 90 Minuten dauert. In Wirklichkeit ruht der Ball durchschnittlich während eines Drittels der vorgeschriebenen Spielzeit. Im Spiel Brasilien gegen Schottland kullerte und kurvte der Ball sogar nur 50:22 Minuten; am längsten mühten sich die Deutschen gegen Australien (65:11 Minuten).
Oft fielen entscheidende Tore nach der 90. Minute. Kürzlich dehnte der Bundesliga-Schiedsrichter Walter Eschweiler ein Spiel so lange, bis der VfL Erp in der 97. Minute gegen Fortuna Liblar (Bezirksklasse) zum 3:3 ausglich. »Wenn die Leute glauben, das Spiel mit Balldreschen über die Zäune verzögern zu können«, begründete er, »sind sie auf dem Holzweg.«
Weil die tatsächlichen Spielzeiten um etwa 15 Minuten oder 25 Prozent voneinander abweichen, stellten die Kölner Fußball-Forscher die Frage, ob das »Prinzip der Chancengleichheit im Fußball noch gewährleistet ist«. Zudem fordert die dehnbare Zeitregel Kicker zur Spielverzögerung, dem sogenannten Zeitschinden, heraus.
Sie schlagen den Ball ins Aus oder markieren Verletzungen. »Hinlegen und zittern«, befahl der deutsche Abwehrspieler Willi Schulz bei der WM 1970 in Mexiko, als seine Mannschaft gegen England 3:2 führte. 1974 schunden Argentinier und Italiener in ihrem Vorrundenspiel durch vorgetäuschte Verletzungen eine Rekord-Unterbrechung von insgesamt 2:13 Minuten heraus.
Aber wirkliche oder gespielte Blessuren erscheinen in der Statistik der Unterbrechungs-Ursachen erst an zehnter Stelle. Am häufigsten stockt ein Spiel durch Einwürfe (34,42 mal pro Spiel). Den längsten Aufschub bewirken Freistöße nach Fouls (10:58 Minuten pro Spiel).
Für die zweite Halbzeit wiesen die Statistiker Schiedsrichtern und Spielern zunehmende Erschlaffung nach: Die reine Spielzeit dauerte etwa eineinhalb Minuten weniger als die erste Hälfte; die Schiedsrichter pfiffen zwei Spiele in der ersten, aber fünf in der zweiten Halbzeit zu früh ab.
»Der Grund dürfte in einer Überforderung der Schiedsrichter zu suchen sein«, heißt es in der Untersuchung. Sie schlägt vor, wie im Eishockey oder Basketball, eine reine Spielzeit -- abzüglich aller Unterbrechungen -- von zweimal 30 Minuten im Fußball einzuführen.
»Dann würde das häßliche Zeitschinden aufhören«, hofft Bundesliga-Trainer Kuno Klötzer. Sein Kollege Dietrich Weise verspricht sich davon auch »Entlastung und Erleichterung für den Schiedsrichter«. Eine Lösung bahnt sich schon an.
Die Firma precitec in Baden-Baden entwickelte ein System, das, allen deutlich, die wirkliche Spielzeit festhält und doch dem Schiedsrichter seinen Ermessensspielraum läßt. Will er das Spiel stoppen und die Unterbrechung nachholen lassen, muß er länger, etwa eineinhalb Sekunden, auf der Trillerpfeife trillern. Dann reagiert sein nur 90 Gramm schwerer Taschensender auf die Schallschwingungen und hält drahtlos die Zeitanzeige auf der Stadiontafel an.
Ein rotes Blinklicht signalisiert die Unterbrechung. Jeder im Stadion sähe genau, wie lange noch zu spielen ist. Die Neuausstattung einschließlich Anzeige kostet etwa 20 000 Mark. Nur etwa 8000 Mark kostet es, das System in einem Stadion einzuführen, das über Anzeigetafel und Uhr verfügt.
»Wir wollen das bald anpacken und in einem Bundesliga-Stadion, vielleicht in Frankfurt, probieren«, kündigte DFB-Schiedsrichter-Obmann Werner Treichel an.