Bis Honolulu - DER SPIEGEL
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Bis Honolulu

Sieben Tage lang sah Hannover sehr alt aus -- 3126 Senioren liefen, sprangen und wuchteten um Gold, Silber und Bronze.
• aus DER SPIEGEL 32/1979
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Durch die Halle des eleganten Hotels »Hannover Intercontinental« trabten Trupps im Trainingsanzug. Doch die Gäste kamen nicht vom Sommerschlußverkauf in der Sportetage bei Karstadt, sondern aus dem Niedersachsen-Stadion, wo sie auf ihre alten Tage gerade Hürden gegrätscht oder den Hammer geworfen hatten.

Nicht weniger als 3126 Senioren der Leichtathletik, Frauen nicht unter 35, Männer nicht unter 40, darüber jedoch beliebig alt, waren -- auch noch auf eigene Kosten -- nach Hannover gekommen, um an den bereits dritten »World Veterans Championships« teilzunehmen. Gerufen war nicht, wie bei Olympia, die Jugend der Welt, gerufen waren die Vorfahren.

Gemeldet hatten sich Läufer und Springer, zwei blind, acht über 80, aus 43 Ländern von Australien bis Venezuela, von Island bis Israel. Nur die Südafrikaner mußten der Veranstaltung, die der Deutsche Leichtathletik-Verband für die Veteranen-Internationale ausrichtete, fernbleiben: »Wir wollten«, erläuterte das Organisationskomitee, ·,Schwierigkeiten bei den Olympischen Spielen in Moskau vermeiden.«

Sieben Tage lang zeigten die rüstigen Alten, von denen manche mit der halben Sippe im Wohnwagen angereist waren, nicht nur, was man, betagt geworden, sondern auch, was am Ende beim besten Willen nicht mehr läuft.

Schon ein bißchen vergeßlich geworden, war da ein älterer Herr aus Brasilien schon 14 Tage zu früh in Hannover eingetroffen. Ehemänner mußten ihre abgetrabten Frauen aus der Arena schleppen. »Lisa, nimm die Arme mit« ließ sich eine deutsche Mutter zusehreiei, die über 1500 Meter hinterherlief.

Daß sie ihre Kraft durch Freude erhalten hätten, war den wenigsten Veteranen anzusehen, eher wohl war ihre Leistung durch Kasteiung zustande gekommen, und daß einer wie der Amerikaner Herbert F. Anderson mit über 75 statt Gymnastik nun unbedingt noch den Stabhochsprung betreibt, kann auch mehr mit Starrsinn als Hochmut zu erklären sein.

Immerhin gab es, wie die Wettkampfleitung bekanntgab, trotz der Schwüle »nur ganz wenige Schwächeanfälle«. Ein Beinbruch im Cross-Lauf am Galgenberg war für die Herrschaften eigentlich gar kein Beinbruch. »Gute körperliche Verfassung« war, um mitmachen zu dürfen, laut Ausschreibung auch gefordert worden. Um die zu beweisen, hatte der Zehn-Kilometer-Geher Fritz Eifler aus Euskirchen seinem Geburtsschein von 1898 nebst polizeilichem Führungszeugnis beglaubigte Unterlagen darüber beigefügt, daß er bereits den Großglockner und den Venediger sowie ein Pferd bestiegen hatte, auf dem er das Silberne Reiterabzeichen bekam. Eifler wurde Zweiter von Zweien in seiner Altersklasse: Silbermedaille.

Über 80 Jahre alt wie Eifler und nur knapp jünger als sein Staatschef Tito, gewann der Jugoslawe Petar Goic gleich fünf Goldmedaillen. Keine Kunst: mit Diskus, Hammer, Speer und Kugel trat er jeweils allein zum Wettkampf an, und auch die 100 Meter lief er solo durchs Ziel -- sein gleichaltriger Konkurrent aus Schweden verpaßte den Start um zehn Minuten.

Da die Herren in neun, die Damen in zehn Altersstufen kämpften, gab es, bei 42 Disziplinen, Medaillen die Menge, und als sich bei der Siegerehrung der Hürdenläuferinnen alles nur so um das Podest drängte, besänftigte ein Kampfrichter die späten Laufmädchen: »Alle, die hier stehen, kriegen »ne Medaille.«

Und nicht nur Gold, Silber und Bronze wurde pro Klasse und Wettkampf verteilt, auch Weltrekorde und Meisterschaftsrekorde gab es auf Rabatt. »That means ...«, sagte der internationale Stadionsprecher, wann immer er ein Resultat verkündete, und erläuterte, welchen Rekord das nun wieder zu bedeuten habe. Und als ihm vor der 10 000-Meter-Strecke die Mitteilung unterlief, daß jetzt »der Lauf über 10 000 Kilometer« bevorstehe, hielten das manche Zuschauer auch nicht mehr für undenkbar.

Viel Lauferei wird es für die Veteranen auch nach Hannover noch gehen, wo das städtische Amt für Verkehrsförderung die Seniorenspiele neben Schützenausmarsch und Festwochen in Herrenhausen unter die »drei besonders wichtigen Ereignisse« des Monats eingestuft hatte.

Die Teilnehmer der Championships wurden nicht nur aufgefordert, der »Interessengemeinschaft Älterer Langstreckenläufer e. V.« in Wuppertal beizutreten und im November mitzureisen »auf die Sonneninsel Teneriffa mit diversen Freundschafts-pp.-Läufen«. Es ergingen zudem Einladungen zum gelloop« nach Utrecht ("jeder Wettkampfteilnehmer empfängt eine fabelhafte Standarte"), zum »Honolulu-Marathon« ("one of the most enjoyable races in the world") und zum »Marathon Catalunya« nächsten März in Barcelona mit T-Shirts als Souvenir.

Zunächst aber trifft sich die alte Garde Ende September zum Senioren-Marathon beim SSC 1975 Hanau-Rodenbach. Startgeld: 20 Mark, inklusive Salztabletten und Wappenteller; ohne Teller ist man mit 12 Mark dabei.

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