Bis Taschkent - DER SPIEGEL
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Bis Taschkent

Millionen gibt der Deutsche Fußball-Bund für seine Jugendnationalspieler aus. Sie spielen in der ganzen Welt. Doch der beste Bundesliganachwuchs kommt vom Lande.
• aus DER SPIEGEL 42/1979
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurt schickt Schädel-Harry in die Strafräume. In Dortmund blitzen Diamanten, in Mönchengladbach leuchten Sterne. Duisburg besitzt sogar ein Talent »von Gottes Gnaden«, so das Fachblatt »Kicker«. Und »Bild« beforderte den Duisburger Torjäger Thomas Kempe, 19, gleich zum »Weltmeister«.

Die von Beckenbauer und Seeler verlassene deutsche Fußballnation lechzt nach neuen Stars, seit in den letzten drei Jahren die Titel des Weltmeisters und Europameister verloren wurden.

Dabei schickt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seine Jugend-Nationalmannschaften so häufig wie kein anderes Land durch die Welt. Im Frühjahr weilten die deutschen Jungkicker noch in Taschkent, letzte Woche trainierten sie in Las Palmas. Junge deutsche Balitreter gastierten in China und am Bosporus, setzten ihre maßgearbeiteten Fußballschuhe auf Plätze in Amerika und auf Island.

Nur Erfolge meldeten die jungen Weitreisenden selten. Stets verfolgt von Aufkäufern der Bundesligaklubs? die mit Jahresgagen von 150 000 Mark und mehr locken, kickten sie unkonzentriert. »Die Bübchen spülen beim Duschen ihr Talent durch die Abflußrohre«, rügte der frühere Bundesligatrainer Otto Knefler. »Im Entmüdungsbecken reden sie nur noch von Mäusen, Frauen und Frisuren.«

Tatsächlich setzten sich jetzt ganz andere Jungkicker in Szene, keiner spielte bisher für Deutschland. Eintracht Frankfurts Kopfballspezialist Harald ("Schädel-Harry") Karger wechselte erst vor Saisonbeginn von einem Amateurverein zum Bundesligaklub. Nur 25 000 Mark zahlten die Frankfurter an die Amateure vom Lande.

Für wenig mehr holte sich der MSV Duisburg Stürmer Thomas Kempe. Bisher erzielte er schon fünf Treffer in acht Spielen. Mit zwei Toren entthronte er den Tabellenführer und Deutschen Meister Hamburger SV.

Borussia Mönchengladbach zahlte nur 25 000 Mark für Lothar Matthäus, 18, der als Abwehrspieler in zwei Bundesligaeinsätzen jeweils die Nationalstürmer Hans Bongartz vom 1. FC Kaiserslautern und Jürgen Grabowski von Eintracht Frankfurt bremste. Beim Vif. Bochum schoß der Bundesliganeuling Heinz Knüwe als Abwehrspieler bereits drei Treffer, mehr als jeder Stürmer seiner Mannschaft.

»Jugendnationalspieler dagegen erweisen sich für Bundesligaklubs oft als Belastung«, urteilt Trainer Helmut Johannsen vom VfL Bochum. »Sie sind nur schwer in eine eingespielte Klubmannschaft zu integrieren.«

Als der 1. FC Köln 1978 den achtfachen Jugendnationalspieler Pierre Littbarski aus Berlin engagierte, dauerte es länger als ein Jahr, bis er einen Stammplatz in der Bundesligaequipe bekam und sein erstes Tor in einem Meisterschaftsspiel schoß, was die von kleinen Amateurklubs ohne Länderspielempfehlung gekommenen Jungmannen wie Karger, Kempe und Knüwe auf Anhieb getan hatten. Auch Wolfgang Vöge, dessen fünf Tore Borussia Dortmund mit an die Tabellenspitze hievten, spielte noch nie für den DFB.

»Ein Jugendnationalspieler, besonders einer mit zehn und mehr Länderspielen, muß in der Bundesliga Spießruten laufen«, berichtet Duisburgs Manager Heinz Neuhaus. Die Gegenspieler, meist alte Bundesligakämpfer, die für Länderspiele nie geholt worden waren, zeigen ingrimmig den »jungen Weltmeistern«, so Verteidiger Lothar Huber von Borussia Dortmund, »wo Barthel den Most holt«.

Schon beim Betreten des Platzes versuchen stramme Verteidiger jungen DFB-Hupfern den Mut durch Spötteleien zu nehmen. »Wie hoch springst du«, fragte einer Werder Bremens Linksaußen und früheren Nationaljugendspieler Werner Dressel. Der anwortete: »Na, so 1,80.« Der Verteidiger lachte und versprach: »Heute springst du Rekord, mindestens zweifuffzig hoch, wenn ich meine Sichel ausfahre.«

Inzwischen gab es unter dem Fußballjungvolk schon die ersten Ausfälle. Mönchengladbachs Jungstar Rudi Gores brach sich einen Knöchel. Kölns Thomas Kroth, 20, erlitt einen Muskelriß. Fortuna Düsseldorfs Ralf Dusend fällt ebenfalls für einige Wochen verletzt aus.

»Am besten und schnellsten lernen die Jungs die Bundesligahärte beim Vereinstraining«, glaubt Manager Neuhaus vom MSV Duisburg. »Wir ließen unseren Thommy Kempe schon letzte Saison, als er noch für seinen alten Amateurklub spielte, bei uns mittrainieren, so war er zum Start sofort da.«

Als sich der 1. FC Köln 1978 den Augsburger Jugendnationalspieler Bernd Schuster, 19, holte, quartierte er ihn bei einer Pflegemutter ein. »Mädchen und solche Sachen interessieren mich nicht«, erklärte Schüler Schuster artig. Tatsächlich schaffte er den Sprung in die Bundesligamannschaft und gehört inzwischen sogar zur Nationalequipe der Senioren. Auch die Familiengründung steht bevor: Seine acht Jahre ältere Ehefrau erwartet ein Kind.

Der FC Schalke versuchte jahrelang, den Fußballnachwuchs in einem klubeigenen Internat aufzuziehen. Das Quartier auf der Trabrennbahn in Gelsenkirchen, wo häufig Zocker ihre Wettgewinne verjubeln, erwies sich als ungünstig. Die jungen Athleten verwandten ihre frischen Kräfte nicht nur aufs Ballspiel. Drei wurden Väter, nur zwei Bundesligaspieler. Der Klub löste das Internat auf.

Inzwischen holte der DFB für seine reiselustigen Nationalmannschaften den früheren Bundesligatrainer Dietrich Weise und den ehemaligen Weltmeister Berti Vogts. Beide stellten zunächst wenig Ermutigendes fest. »Kämpfen ist für viele ein Fremdwort«, urteilte Vogts über seine Nachfolger.

Und Cheftrainer Weise verschickte aus Taschkent an Freunde Postkarten mit den Unterschriften der verwöhnten Jugendnationalspieler; nicht ohne skeptischen Zusatz: »Noch ist deren Schrift gut leserlich, ich fürchte, in einem Jahr nicht mehr.«

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