FUSSBALL Bittere Pille
Nur Sekunden waren noch zu spielen, die Partie Waldhof gegen MönchenHladbach stand remis. Ein letzter Freistoß für die Gäste. Lothar Matthäus nahm Anlauf, drosch den Ball ins Tor, 3:2. Ohne auch nur einen Moment in Siegerpose zu verharren, rannte der Schütze an den Spielfeldrand und flog seinem Trainer Jupp Heynckes in die ausgebreiteten Arme.
»Echt«, sei er da gewesen, sagt Matthäus, »total emotionalisiert«. Aufgeputscht vom Torrausch hatte er für einen kurzen Augenblick instinktiv die Nähe des Mannes gesucht, der ihm während fast fünfjähriger gemeinsamer Arbeit zur Vaterfigur geworden war. Die Rückkehr des verlorenen Sohnes als Live-Erlebnis vor zigtausend Augenzeugen - im Innersten von beiden hergesehnt.
Doch die veränderten Verhältnisse holten sie schnell wieder ein. Schon eine Viertelstunde später sprach Matthäus erneut vom »schlechten Stil des Trainers«, und Heynckes redete mit ihm auf der Heimfahrt nach Mönchengladbach kein Wort.
Das war vor einem Monat. Seither sagen sie sich zwar höflich die Tageszeit und diskutieren auch Sachfragen, doch der Ton ist längst nicht mehr so burschikos und direkt wie früher.
Lothar Matthäus, 23, mit 23 Länderspielen der Star im Gladbacher Fußball-Ensemble, hatte es tief getroffen, daß Heynckes ihn gegen Waldhof 70 Minuten lang auf der Ersatzbank schmoren ließ, ehe er ihn schließlich doch einwechselte. »Eine Retourkutsche vom Trainer, nur weil ich zu Bayern München gehe«, zürnte der Spieler.
Was Weisweiler-Schüler Jupp Heynckes, 39, so fachkundig und besessen, aber auch so kompromißlos in Personalentscheidungen wie sein Lehrmeister, heute noch bestreitet. »Bin ich denn bekloppt«, fragt er, »die Mannschaft aus persönlichen Revanchegelüsten freiwillig zu schwächen? Der Lothar war etwas nachlässig geworden und brauchte einen Denkzettel. Das war der Grund.«
Aber Heynckes fällt im speziellen Fall die Einsicht schwer, daß im Profi-Fußball zwischenmenschliche Beziehungen vom Scheckheft und nicht von Gefühlen bestimmt werden. Er hat Matthäus, der 1979 als unbedarfter 18jähriger aus dem fränkischen Herzogenaurach in seine Obhut kam, umsorgt wie keinen anderen. Daß er geht, schmerzt.
Heynckes hat ihn verteidigt, als die DFB-Trainer Jupp Derwall ("Man kann nicht heute Lehrling und morgen Generaldirektor sein") und Berti Vogts ("Starallüren") öffentlich über den Naturburschen mit dem losen Mundwerk herzogen. »Einem jungen Mann«, so Heynckes, »muß man Zeit lassen, sich entwickeln zu können.«
Er hat ihn aufgefangen, als sich Freundin Silvia vorübergehend von ihm trennte und Liebesleid ihn bedrückte. Er hat mit umwerfender Logik zu seinen Gunsten argumentiert, als Matthäus mit 2,06 Promille Alkohol im Blut seinen 50 000 Mark teuren Mercedes 190 E zu Schrott gefahren hatte und in Zeitungen der Verdacht auf Unfallflucht kursierte.
Ein Zeuge, hieß es zunächst, habe Matthäus, 150 Meter vom Unglücksort
entfernt, mit Gewalt gestellt. Worauf Heynckes nur kurz entgegenhielt: »So'n Blödsinn. Wißt ihr eigentlich, wie stark der Lothar ist? Welcher Zeuge soll den denn wohl festhalten.«
Der Trainer hatte sich nicht geirrt. Zwar wurde Matthäus Anfang des Jahres zu 13 000 Mark Geldstrafe und acht Monaten Führerscheinentzug verdonnert, doch von Unfallflucht war nicht mehr die Rede.
Heynckes wäre - ein Novum im bezahlten deutschen Fußball - sogar bereit gewesen, Geld aus eigener Tasche zuzuschießen, um ihn über eine stattliche Gehaltsaufstockung zum Bleiben zu bewegen. Daß Matthäus ("Ich muß mir alles noch einmal genau überlegen") zum Schein in eine neue Verhandlungsrunde einstieg, während er in Wirklichkeit beim FC Bayern längst einen Kontrakt mit dreijähriger Laufzeit unterzeichnet hatte, schmeckte wie eine ganz bittere Pille.
Heynckes wurde auf deprimierende Art verdeutlicht, daß bei einem Klub wie Borussia Mönchengladbach die Grenzen des Wachstums immer eng gesteckt sein werden. Schon zu den Glanzzeiten mußte der fünfmalige Deutsche Meister Stars wie Le Fevre, Netzer, Stielike, Bonhof, Simonsen, Jensen, Del'Haye ziehen lassen, weil »deren Forderungen nicht mehr zu erfüllen waren, oder weil wir die Ablösesummen zur Deckung unseres Etatdefizits benötigten« (Manager Helmut Grashoff).
Das Bökelberg-Stadion (38 500 Plätze) ist zu klein, um die Jahresumsätze der privilegierten Münchner (78 000 Plätze) und Hamburger (61 500 Plätze) auch nur annähernd erreichen zu können.
Daß die Gladbacher lieber zwei Millionen Mark »als Notgroschen« (Grashoff) steuerbegünstigt bei der Berliner Industriebank angelegt haben, anstatt sich teurer Spieler wegen in Schulden zu stürzen, zählt wohl zu den Existenzängsten der Leute, die zu rechnen gezwungen sind. Uli Hoeneß und Günter Netzer sind weit weniger zimperlich und lebten auch mal über ihre Verhältnisse.
Der Bayern-Manager hat Matthäus für viel Geld an die Isar gelockt. Und selbstverständlich nicht für die »gerade 50 Prozent der Summe, die Gladbach zuletzt bot«, wie er vor der Fernsehkamera treuherzig weismachen wollte. »Absurd« findet Heynckes das Hoeneß-Statement, und das ist es auch.
Tatsächlich werden Matthäus in München pro Jahr vertraglich garantiert: 500 000 Mark Gehalt plus 200 000 Mark Einnahmen aus Werbeverträgen, die ihm der FC Bayern verschafft, plus Prämien, die auf 100 000 Mark zu veranschlagen sind. Matthäus wird damit zum bestbezahlten Bundesliga-Profi.
Da Verträge nach den Statuten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) erst
abgeschlossen werden dürfen, wenn der Spieler auf der Transferliste erschienen ist, was bei Matthäus zu dem Zeitpunkt nicht der Fall war, hatte der gewitzte Hoeneß vorgebaut. Als Matthäus die Dreijahres-Vereinbarung unterschrieb, signierte er auch die Klausel: Sollte er umfallen, habe er für jedes Jahr 50 000 Mark an den FC Bayern zu zahlen.
Jetzt ist Krieg zwischen Rheinländern und Bayern. Grashoff nennt Hoeneß einen »charakterlosen Preistreiber«, und der findet Grashoff »unanständig«. Als Hoeneß davon Wind bekam, daß die Gladbacher ihre letzte Matthäus-Offerte von 374 000 Mark auf 474 000 Mark Jahresgarantie, Prämien extra, erhöht haben, tobte er: »Das ist unmoralisch. Das machen die nur, um die Ablöse hochzutreiben.«
Was am linken Niederrhein wirklich passiert war, ahnte Hoeneß nicht. Es wäre seinem Naturell auch zu fremd gewesen. Nicht der Verein hatte die 100 000 Mark draufgelegt, sondern Heynckes. 50 000 Mark hatte er sich von einer Firma besorgt, für die anderen 50 000 stand er selber gerade.
Als Heynckes, der vom Erfolg verwöhnte Fußball-Profi (39 Länderspiele, vier Meistertitel, mit 220 Toren hinter Gerd Müller, 365, und Klaus Fischer, 241, drittbester Bundesliga-Schütze aller Zeiten), 1979 den Trainer-Job bei der von Spieler-Abgängen arg gebeutelten Borussia übernahm, gelobte er: »In fünf Jahren sind wir wieder eine Spitzenmannschaft. Dafür schufte ich wie nie zuvor in meinem Leben.«
Er hat Wort gehalten. Aber wenn er heute zur Perspektive befragt wird, verdüstert sich seine Miene zusehends: Achselzucken, »ich weiß auch nicht«, und »es ist so schwer für einen kleinen Verein wie die Borussia, auf Dauer mit den Giganten HSV, Bayern, Stuttgart zu konkurrieren«.
Finanzchef Grashoff darf sich immerhin mit den Millionen trösten, die Matthäus bringt. 2,35 Millionen Mark werden es nach seiner Rechnung mindestens sein, ohne Mehrwertsteuer. Damit ist Matthäus der teuerste Spieler, der jemals innerhalb der Bundesliga transferiert wurde. Rekordhalter bisher: Klaus Allofs, der 1981 für 2,25 Millionen Mark Ablöse von Fortuna Düsseldorf zum 1. FC Köln wechselte.
Die Klubs können sich über die Höhe der Ablöse untereinander einigen. Falls ihnen das nicht gelingt, sieht eine Geschäftsbedingung des DFB vor: Letztes Jahreseinkommen (im Fall Matthäus: 380 000 Mark an Gehalt und Prämien) und das neue Garantie-Angebot werden addiert, durch zwei dividiert und dann mit dem jeweiligen Ablösefaktor des kaufwilligen Klubs (Bayern München: 5,5) multipliziert. So ergibt sich die Gesamtsumme - hier 2,35 Millionen Mark.
Der Ablösefaktor resultiert aus der auf Einnahmen aus Spielen und Werbung basierenden wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Bundesliga-Klubs. Bayern München liegt mit 5,5 an der Spitze, dann kommt der HSV mit 5,4. Mönchengladbach hat einen Ablösefaktor von 4,6. Diese Regelung ist eingeführt worden, um den finanzschwächeren Vereinen wenigstens einen kleinen Vorteil zu gewähren.
Neu im Kuriositäten-Kabinett Bundesliga ist, daß die Gladbacher von den Bayern zusätzlich noch so was wie Kranzgeld fordern. Weil sie sich von Hoeneß sitzengelassen fühlen.
Grashoff: »Die Bundesliga ist ein circensisches Großunternehmen mit 18 Filialen. Wir können alle nur zusammen existieren, und deshalb haben wir einmal den Beschluß gefaßt, daß jeder Klub zwei Spieler benennen kann, die nicht abgeworben werden dürfen. Weil der Hoeneß kurzsichtig ist und nur an seinen FC Bayern denkt, hat er wegen Matthäus diesen Beschluß im Alleingang unterlaufen.«
Mit 150 000 Mark, so Grashoff, müsse der DFB die Bayern dafür büßen lassen. Zu zahlen selbstverständlich an die Borussia.
Worauf Bayern-Trainer Udo Lattek höhnt: »Ach ja, der arme Herr Grashoff. Wenn ich mal einen Sechser im Lotto habe, schenke ich ihm das ganze Geld.«
Wie es die Dramaturgie nach klassischer Western-Art will, haben die Kontrahenten zum Finale noch Gelegenheit, sich den Garaus zu machen. An Christi Himmelfahrt in Frankfurt, beim DFB-Pokalendspiel München gegen Mönchengladbach. Hauptdarsteller wird Matthäus sein, im letzten Einsatz für seinen alten gegen seinen neuen Klub.
Auf einen besinnlichen Feiertag kann sich der gläubige Katholik schwerlich einrichten. »Im Gegenteil«, mutmaßt Matthäus, »ich glaube, ich werde, so oder so, einen sehr ungemütlichen Nachmittag erleben.«
Aber er habe seinem Trainer versprochen, sich »noch einmal reinzuhängen wie nie. Denn wenn ich Heynckes später wiedertreffe, will ich ihm wenigstens gerade in die Augen sehen können«.
In dem Gewerbe ist das wohl schon eine ganze Menge.