Boykott beendet
Moskaus olympische Quartiermeister müssen Überstunden leisten: Bei den Olympischen Spielen 1980 begehren 300 Sportler zusätzlich Unterkunft -- die Mannschaft der Volksrepublik China.
Pekings Funktionäre waren sich ihrer Teilnahme so sicher, daß sie schon Plätze für vorolympische Trainingslager in der Bundesrepublik buchten. Die 89 IOC-Mitglieder entscheiden in einer Briefabstimmung über den Aufnahmeantrag der Volksrepublik China. Das Ergebnis soll diese Woche vorliegen.
Ein Votum für die Rückkehr der .Festlandchinesen in die Olympische Bewegung deutet sich mit dem Kompromiß an, dem das Olympia-Komitee in Peking zugestimmt hatte: Es verzichtete »vorübergehend« auf den Ausschluß des Insel-Staates Taiwan.
»Als Sportlerin und frühere Medaillengewinnerin aus Taiwan möchte ich den chinesischen Athleten vom Festland gratulieren«, erklärte die einstige Weltrekord-Sprinterin Chi Cheng kürzlich, »weil es aussieht, als könnten sie im nächsten Jahr bei den Olympischen Spielen starten.« Doch auch die Athleten der taiwanesischen Verbandssekretärin und Nationaltrainerin behalten ihr Startrecht, das ihnen die Volksrepublik seit 1956 bestritten hatte.
An der ersten Nachkriegs-Olympiade 1948 in London hatten noch 26 Sportler aus China teilgenommen. Ein Jahr später siegte Mao im Bürgerkrieg. 19 der 26 Mitglieder des chinesischen Nationalen Olympischen Komitees (NOK) setzten sich mit Tschiang Kaischek nach Taiwan ab. 1953 erkannte die Olympia-Organisation je ein NOK in Peking und in Taiwans Hauptstadt Taipeh an.
Doch 1956 folgte der Bruch: 150 chinesische Athleten warteten in Peking schon auf den Abflug. Da traf die Meldung ein, daß in Melbourne die Olympiamannschaft Taiwans gelandet war.
Wegen »der Banditen aus Taiwan« (ein Sprecher in Peking) blieben die Festland-Chinesen zu Hause. »Solange Brundage, Agent des imperialistischen Außenministeriums der USA, Präsident ist«, wollte China dem IOC nicht mehr angehören. Es trat 1958 aus und kündigte auch bei den meisten Sportfachverbänden seine Mitgliedschaft auf.
Anders als Koreaner und Deutsche nahmen die Chinesen keine zwei Mannschaften aus ihren getrennten Landesteilen hin. Zunächst erwies sich Chinas Rückzug aus den internationalen Sportorganisationen als Eigentor. Taiwan zeigte verstärkt Flagge bei internationalen Sportveranstaltungen.
Mit dem Weltrekordler und Olympia-Zweiten Yang Tschuan-kwang (Zehnkampf) und der Medaillengewinnerin Chi Cheng brachte Taiwan zwei Weltklasse-Ahtleten hervor. Beide sind geborene Taiwanesen.
Doch bald schlug das volkreiche Festland-China (959 Millionen Einner) gegen Taiwan (17 Millionen) zurück. In den sechziger Jahren organisierte es zusammen mit dem damaligen indonesischen Präsidenten Sukarno eine Gegen-Olympiade, die »Spiele der Aufstrebenden Völker«. Von ihnen war Taiwan ausgeschlossen. Doch sie scheiterten.
Dann verhängte China den Sportboykott über Taiwan. Der führte fast ans Ziel. Die Dritte .Welt schloß sich den stärkeren China-Bataillonen an. Auch der Schah sperrte 1974 Taiwan von den Asien-Spielen in Teheran aus. Nach dem Muster der UN nahmen immer mehr Sportweltverbände die Volksrepublik auf und feuerten gleichzeitig Taiwan.
Taiwans Sportfunktionäre versuchten, dem Boykottkäfig zu entkommen. Deshalb traten sie sogar den Wintersportverbänden bei. In Zeitungsanzeigen suchten sie nach Freiwilligen, die bereit waren, Abfahrtsrennen zu wagen und sich auf Rodelschlitten in Rennrinnen zu stürzen. So starteten bei den Winterspielen 1976 in Innsbruck taiwanesische Skiläufer und Rodler.
Aber Kanadas Premierminister Pierre Trudeau brach vor den Sommerspielen in Montreal 1976 die Garantien seines Landes und verweigerte der Volksrepublik zuliebe den teilnahnieberechtigten Taiwanesen den Olympiastart. Nur Chi Cheng reiste ein; sie besaß seit der Heirat mit ihrem Trainer Vincent Reele einen US-Paß und führte in Montreal erste Gespräche mit Funktionären des roten China.
Taiwan führt 44 Sportfachverbände. Zuletzt kämpften die Fußballmädchen am erfolgreichsten: Sie wurden sogar Asienmeister. Aber international lassen nur noch 15 Weltverbände die Insel-Chinesen mitspielen.
Das Beispiel der erfolgreichen chinesischen Sportpolitik gegen Taiwan machte Schule. Vor allem Ostblock und Dritte Welt boxten. Südafrika und Rhodesien aus dem internationalen Sportverkehr. Israel, Südkorea, Ägypten und Großbritannien stehen als nächste Opfer auf der Boykottliste.
1975 erhob die Volksrepublik China offiziell Anspruch auf Taiwans Platz im IOC. Der Olympia-Klub lehnte jedoch Chinas Bedingung ab, Taiwan fallenzulassen. Ebenso standhaft verhielten sich auch der internationale Fußball- und Tennis-Verband. Die chinesische Geduld führte schließlich zum Ziel.
Im Oktober nahm die Weltfußball-Organisation FIFA die Volksrepublik als 147. Mitglied auf. Beide Chinas dürfen nun bei Weltmeisterschaften konkurrieren. Taiwan muß allerdings seine Fahne, die 1911 vom Gründer der Chinesischen Republik, Sun Jatsen, entworfen worden war, und seine Nationalhymne ändern. In beidem erkennt Peking Symbole des Alleinvertretungs-Anspruches Taiwans.
Nach dem Muster des Fußballs schlug auch der zum baldigen Rücktritt entschlossene IOC-Präsident Lord Killanin den IOC-Mitgliedern vor, die Volksrepublik aufzunehmen und Taiwan künftig als »Chinesisches Olympisches Komitee Taipeh« zu führen. Außerdem soll Taiwan Emblem und Hymne ändern.
Inzwischen signalisierte auch der chinesische Tennis-Verband aus Peking, er sei einverstanden, im Daviscup gegen Taiwan zu spielen. Die Volksrepublik hat ihren Taiwan-Boykott vorerst aufgegeben. Nun schöpfen die Sportfunktionäre Hoffnung, daß die Politik des Sportboykotts auch anderweitig abflaut.
Taiwan leistete bis zur Entscheidung des IOC hinhaltenden Widerstand gegen die »einseitigen und diskriminierenden Vorschläge«. Der Präsident des taiwanesischen NOK, Shen Chia-ming, argwöhnte gar Eigensucht des IOC-Präsidenten: »Killanin will sich einen historischen Abgang verschaffen.« Doch wenn Taiwan die Bedingungen ablehnt, isoliert es sich selbst.
Auch Chi Cheng hatte die verlangten Änderungen des Protokolls als »unfair« gegenüber den taiwanesischen Athleten gerügt. Aber sie sieht auch schon »unser Team gegen die Athleten vom Festland und alle anderen Sportler der Welt wettkämpfen«.