Captain Countdown
Der argentinische Trainer Cesar Luis Menotti vom spanischen Klub FC Barcelona verstand den Urlaubswunsch seines deutschen Starspielers Bernd Schuster nicht. »Tirana, wo ist das, ach so, Albanien, und da willst du Fußball spielen?« Schuster bejahte. Menotti sagte: »Die Deutschen werden doch auch ohne dich gegen diese albanischen Zwerge gewinnen.«
Doch der Deutsche Schuster widersprach: »Das ist ein Schicksalsspiel, Trainer, schon 1981 gewannen wir dort nur, weil ich beide Tore schoß.« Menotti stellte den Star zum deutsch-albanischen Fußballkrieg am kommenden Mittwoch ab.
Aber letzte Woche sagte Schuster dem Bundestrainer Jupp Derwall wieder ab. »Meine Frau erwartet ein Baby, und Tirana liegt am Ende der Welt, da habe ich keine Ruhe.«
Allerdings hatte Schuster schon im letzten Herbst den Deutschen im ersten Spiel um die Qualifikation zur Europameisterschaft 1984 in Frankreich nicht helfen können. Die Bundesequipe verlor in Belfast gegen Nordirland 0:1. Nordirlands Trainer Billy Bingham warnt seinen deutschen Widersacher, Bundestrainer Jupp Derwall: »Tirana ist ein schlimmer Fußballacker, wir waren froh, daß wir wenigstens ein 0:0 erreichten.«
Beim ersten von drei Spielen in Tirana hatten die Deutschen 1967 auch nur ein 0:0 erzielt und die Qualifikation zur Europameisterschaft eingebüßt. Bei der nächsten EM-Qualifikation mußten die Deutschen wieder nach Tirana und siegten mühselig 1:0 durch ein Tor des als »Bomber der Nation« gefeierten Münchners Gerd Müller. Beim dritten Tirana-Trip, diesmal zur Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1982 in Spanien, sorgten die zwei Tore von Schuster für die Teilnahme.
»Bisher haben die Albaner gegen Deutschland noch kein Tor geschossen«, warnt der zweifache Tirana-Teilnehmer Günter Netzer. »Wenn ihnen das diesmal gelingt, dann kann ich nur sagen: Gute Nacht, Jupp.«
Dennoch leuchtet die Angst vor den Albanern dem deutschen Fußballkaiser Franz Beckenbauer nicht ein. »Da fliegt man hin, faltet die Bergbauern zusammen und verliert kein Wort darüber.« Doch dem Bundestrainer Jupp Derwall hilft Beckenbauers Zuspruch wenig, um so weniger, als auch der deutsche Rekordnationalspieler als einer der Derwall-Nachfolger gehandelt wird. Aber Beckenbauer lehnt es ab, für 10 000 Mark Monatsgage Bundestrainer zu sein. Zunächst spielt er für 100 000 Mark monatlich bei Cosmos New York. Beckenbauer: »Schickt den VfL Bochum nach Tirana, der macht das schon.«
Derwalls Zuversicht sank inzwischen noch mehr. Im letzten Februar trat seine Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel in Lissabon gegen Portugal an. Als die Einheimischen wegen eines Streiks der Spitzenspieler nur ihre zweite Garnitur gegen den Europameister von 1980 aufstellten, mokierten sich die Deutschen. »Das ist doch ein Witz, so ein Spiel«, meinte Kapitän Karl-Heinz Rummenigge. Der Mönchengladbacher Lothar Matthäus spottete: »Die Namen der Portugiesen sind mir genauso unbekannt wie die von Chinesen.«
Die überheblichen Deutschen spielten ängstlich, meist auf Torsicherung bedacht und verloren mit 0:1. »Arrogant und ohne Hirn«, urteilte die Wiener »Neue Kronen Zeitung« über die Europameister. »Festival der Konkurse«, spottete der »Corriere della Sera«. »Konzeption und Motivation von Trainer und Spielern waren nicht vorhanden«, rügte der Schweizer »Blick«. »Ohne Ideen und Angriff«, warnte Frankreichs »L'Equipe«, »wird möglicherweise in Tirana nur ein 0:0 herauskommen.«
Das aber könnte schon das Ende des deutschen Titelverteidigers sein. Denn mit 1:3 Punkten nach zwei von acht Spielen würde der Abstand zu den in dieser Qualifikationsgruppe mit 6:0 Punkten und 11:0 Toren führenden Österreichern zu groß werden. Ende April müssen die Deutschen in der Türkei und in Wien gegen Österreich zwei weitere Auswärtsspiele bestreiten.
»Dieser Terminplan ist unmöglich«, murrt Bundestrainer Derwall. »Denn jetzt stehen wir schon mit dem Rücken zur Wand.« Seine Kritik jedoch hätte er beizeiten seinem Arbeitgeber Deutscher Fußball-Bund (DFB) übermitteln müssen. Denn der Qualifikation seiner Fußballer absolut sicher, schlug der DFB den Konkurrenten aus Österreich und Nordirland, der Türkei und Albanien vor, erst bei jedem Rivalen anzutreten. Die Deutschen redeten ihren Konkurrenten ein, daß es besser sei, wenn sie noch unbesiegt gegen den Europameister antreten würden, weil dann mehr zahlende Zuschauer kämen.
Nach der Blamage von Belfast und vor dem Trauma-Spiel in Tirana leiden die Fußball-Deutschen zusätzlich unter dem eigenen Spielplan. Immer ratloser plant Bundestrainer Jupp Derwall. Aus dem einst fidelen »Häuptling Ondulierte Silberlocke« ist ein zerfahrener »Captain Countdown« geworden, so der Wiener Trainer Max Merkel. Längst formierte DFB-Präsident Hermann Neuberger jüngere, aber erfahrene Trainer hinter Jupp Derwall, 56. Der ehemalige Derwall-Assistent Erich Ribbeck ("Ich will nicht mehr Jupps Stellvertreter sein") erhielt nach seiner eigenen Kündigung die Olympia-Mannschaft des DFB und wartet ab. Als neuen Assistenten für Derwall engagierte Neuberger den früheren S.190 Nationalspieler Horst Köppel, der bis Ende Juni noch den Bundesligaklub Arminia Bielefeld trainiert und später mit Derwall die Bank teilt, falls Derwall dann überhaupt noch im Amt ist.
»Wenn wir in Tirana nicht siegen, werde ich wohl zurücktreten«, kündigte Derwall an. Das Fußballvolk wünscht sich dies schon lange. Nach einer Umfrage des Kölner Instituts für empirische Psychologie im Auftrag der Kölner »Sport-Illustrierte« sprachen sich 60,1 Prozent von 1672 Befragten für Derwalls Entlassung aus. »Mangelnde Autorität« und »mangelndes Durchsetzungsvermögen« nannten sie als Hauptgründe. Wenig später forderte auch die Mehrheit der »Bild«-Leser, für die der Bundestrainer jahrelang Kolumnen geschrieben hatte, Derwalls Rücktritt.
Selbstkritik übt der Bundestrainer nicht. »Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich kann mir die Niederlagen nicht erklären.« Kritiker qualifizierte er unwirsch ab. Als Hennes Weisweiler vorschlug, »macht Erich Ribbeck zum Bundestrainer, gemeinsam mit Beckenbauer«, bezeichnete ihn Derwall als »senil«. Als Eintracht Braunschweigs Präsident Hans Jäcker ihm vorwarf, er »macht ständig taktische Fehler«, nannte ihn Derwall »Profil-Neurotiker«. Jäckers Antwort: »Mit Fremdworten hat er auch Probleme.«
Geliebt fühlt sich Derwall nur noch von den Spielern, die er aufstellt und die überhaupt kommen. Immer mehr Fußballer in Deutschland legen nicht viel Wert auf Länderspiele. Der Stuttgarter Karl Allgöwer und der Hamburger Torjäger Horst Hrubesch, der Kölner Klaus Fischer und der Hamburger Felix Magath quittierten nach der WM 1982 den Dienst. Hrubesch: »Derwall ist zu feige.«
Am meisten mißfiel den Nationalspielern Derwalls Unsicherheit. Je näher das nächste Spiel rückt, um so mehr häuft sich die Anzahl der Mannschafts-Aufstellungen, die Derwall herausgibt. Nach der peinlichen Niederlage beim ersten WM-Spiel in Spanien gegen den Fußball-Zwerg Algerien mit 1:2 kündigte Derwall an: »Die Mannschaft für das nächste Spiel sieht anders aus.« Am Tage des Spiels gegen Chile gab er nacheinander drei verschiedene Formationen heraus. Am Ende spielte doch die Elf, die gegen Algerien verloren hatte. Sie siegte 4:1. Aber trotz des Einzugs ins Endspiel, wo es eine 1:3-Niederlage gegen Italien gab, galt der Europameister als die größte Enttäuschung des Turniers.
Auch nach der WM besserte sich nichts. Nach einen 0:0 in München gegen Belgien gelang zwar in London ein 2:1-Sieg über England. Aber die Engländer rutschten in den vergangenen Jahren im internationalen Fußball ebenso ab wie die Deutschen. Im laufenden Europapokal-Wettbewerb ist unter den letzten zwölf Mannschaften nur eine deutsche, der Hamburger SV, aber keine englische mehr dabei.
»Der Fisch stinkt vom Kopf her«, sagt Eintracht Braunschweigs Präsident Hans Jäcker. »Die Pleiten der Nationalmannschaft wirken sich auch auf die Leistungsstärke der Bundesligaklubs aus.« Das spürten auch die Zuschauer. Während vor zehn Jahren noch pro Spieltag nahezu 300 000 Besucher zum Bundesligakick strömten, stellen sich jetzt nur noch 150 000 ein. Die Bundesliga ist mit 44 Millionen Mark so hoch verschuldet wie noch nie.
Immer weniger deutsche Fußballer wollen in der Nationalmannschaft spielen. Der Kölner Wolfgang Overath aus der Weltmeister-Mannschaft von 1974 versicherte noch, daß »jeder, der in der Nationalelf spielt, ein ausgesuchter Berufener ist«. Heute erklärt der Dortmunder Stürmer Manfred Burgsmüller: »Ich kann auch ohne die Nationalmannschaft gut leben.« Der Bochumer Libero Dieter Bast spöttelte: »Jedesmal wenn es bei mir zu Hause im Briefkasten klappert, bekomme ich einen Schreck, daß es die Einladung zum nächsten Länderspiel sein könnte.«
»Ich lasse mich nicht mehr länger verschaukeln«, erklärte Libero Holger Hieronymus vom Hamburger SV. Als auch sein Mannschaftskamerad Manfred Kaltz ausgebootet wurde, sagte Hieronymus: »Für uns ist die Nationalelf nicht mehr das, was sie mal war.«
Doch im Augenblick der totalen Verunsicherung, nach den Niederlagen in Nordirland und in Portugal, suchte Derwall sogar Spieler auf, die sich von ihm längst losgesagt hatten. In Barcelona erklärte Bernd Schuster gutmütig: »Ich spiele in Tirana, und ich übernehme die Verantwortung.«
Nun reiste Derwall wie ein Hausierer nach Hamburg zum abgedankten Felix Magath. Der erbat sich 24 Stunden Bedenkzeit. Dann sagte er ab. Grund: »Der Erwartungsdruck ist mir zu groß.« Derwall schimpfte: »Jeder Spieler, der sich weigert, für Deutschland zu spielen, müßte 3000 Mark Strafe zahlen.«
Allein mit Schuster traute sich der Bundestrainer nicht nach Tirana. Vergangene Woche reaktivierte er seinen Lieblingsspieler Hans Anton Müller aus Stuttgart, der jetzt für Internazionale Mailand spielt, falls er überhaupt aufgestellt wird. Denn die italienischen Fans pfeifen den Deutschen fast immer aus und brüllen: »Raus.« Derwall: »Es ist zum Heulen, die Leute wissen nicht, was sie tun, denn der Hansi ist einer der begnadetsten Fußballer, die es heute noch gibt.« Doch seit dem letzten Sommer hat er kein Spiel seines Lieblings gesehen.
Müller hatte auch früher nie den Erwartungen entsprochen. 1980 beim Gewinn der Europameisterschaft triumphierte Schuster als Spielmacher. Horst Hrubesch und Klaus Allofs schossen die meisten Tore, doch in Tirana sind beide nicht dabei. Über Müller urteilte damals der griechische Trainer Alketas Panagoulias: »Gut für Ballett, für Schwanensee.«
Zur spanischen WM 1982 rückte Müller mit Übergewicht und nach monatelanger Verletzungspause ohne Spielpraxis an. Trotzdem stellte ihn Derwall entgegen allen Warnungen seiner Assistenten auf. Derwall: »Hansi hat mir gesagt, er sei fit.« Doch Müller keuchte viel und lief wenig.
Über Müllers Rückkehr und Ernennung zum Mannschaftschef ärgerte sich Bernd Schuster in Barcelona: »Da bleibe ich lieber bei meiner Frau und freue mich auf unser Baby.«