Casting im Cockpit - DER SPIEGEL
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FORMEL 1 Casting im Cockpit

Die Autokonzerne drängen auf den Markt in Fernost. Verzweifelt gesucht wird ein passender Pilot. Jetzt testet BMW-Williams einen aus China stammenden Fahrer.
• aus DER SPIEGEL 47/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Erstes wird er büffeln müssen. In einem Handbuch haben die Ingenieure sorgfältig aufgelistet, was Ho-Pin Tung tunlichst lernen sollte, bevor er in das Cockpit eines Formel-1-Wagens steigt. Schließlich ist schon allein das Lenkrad wie eine Spielkonsole mit Reglern und Knöpfen gespickt, und ahnungslos bei vollem Tempo an der Motorelektronik statt am Sprechfunk herumzufingern könnte binnen Sekunden die sensible Technik ruinieren - und damit auch Tungs Traum von einer einzigartigen Karriere.

Denn der schmächtige Asiate, geboren und aufgewachsen in den Niederlanden, ist der erste Pilot chinesischer Abstammung, der sich hinter das Steuer eines Grand-Prix-Rennwagens klemmt. Mitte Dezember darf Tung, 20, den BMW-Williams um den Kurs im südspanischen Jerez scheuchen. Die Testfahrt ist spektakulär und einzigartig: Einen Tag lang bekommt der Kandidat die Chance zu beweisen, ob er die Sehnsucht der Branche nach einem probaten Piloten aus dem zahlenmäßig größten Volk der Erde stillen könnte.

Der Suche nach dem Wunderknaben aus Fernost hat sich die BMW-Konkurrenz nicht minder zielstrebig verschrieben. McLaren-Mercedes nahm im Juni den erst 19-jährigen Cheng Congfu für ein Trainings- und Förderprogramm unter Vertrag. Visionäres Ziel der Aktion: den Chinesen eines Tages in die Formel 1 zu hieven.

Die Zeit reift langsam für einen Debütanten aus dem Reich der Mitte. Nicht zufällig wird von der kommenden Saison an Bernie Ecclestones Rennzirkus in China gastieren, einmal jährlich, mindestens sieben Jahre lang. Den Impresario Ecclestone treibt die verlockende Aussicht, den größten noch brachliegenden Markt für seine Roadshow zu erschließen. Während in den klassischen Formel-1-Ländern Europas Zuschauerzahlen und Sponsoreneinnahmen schrumpfen, gilt China als Quelle, die anzuzapfen überfällig ist.

Schließlich wollen auch die Autokonzerne, die in den meisten Rennställen das Sagen übernommen haben, ihre rasenden Werbeträger dort starten sehen. Bislang werden zwar nur knapp drei Millionen Pkw jährlich in China verkauft. Der Glaube, dass von den 1,3 Milliarden Chinesen noch viele Millionen vom bevorzugten Fortbewegungsmittel Fahrrad auf die vier Räder umsteigen, so Bernd Gottschalk, Präsident des Verbandes der deutschen Automobilindustrie, mache das Riesenreich jedoch zur »Rakete im internationalen Markt«.

Daher wird derzeit im Nordwesten von Shanghai das ambitionierteste Projekt der Automobilindustrie vorangetrieben: ein Industriemoloch, der es einmal mit der US-Fahrzeugmetropole Detroit aufnehmen soll. Für sechs Milliarden Dollar bauen Autokonzerne und Zuliefererfirmen Produktionsstätten auf, einige sind bereits in Betrieb.

Mitten in der Autostadt entsteht für 250 Millionen Dollar die Formel-1-Piste mit angeschlossenem Freizeitpark. Zehntausende Stahlpfähle wurden in den sumpfigen Boden gerammt, damit die Tribünen für 200 000 Zuschauer und die künstliche Hügellandschaft aus Styropor nicht im Modder versinken. Der Große Preis von China, tönte Ecclestone, werde das »wohl beste Rennen 2004«.

In solchen Dimensionen denkt Ho-Pin Tung nicht. Er hat nur seinen versprochenen Test im Sinn. Er soll bei dem Casting ein Auto mit 900 PS fahren, voll gestopft mit Elektronik zum Gasgeben und Schalten, ausgestattet mit Bremsen, die zupacken, als würde er gegen eine Wand prallen. »Ich bin sehr neugierig«, sagt er. »Es wird mich sehr, sehr beeindrucken.«

Tung sitzt im »Blue Lotus«, dem China-Restaurant seiner Eltern im holländischen Velp, einem Vorort von Arnheim. Mit seiner Mutter spricht der Rennfahrer meist Niederländisch. Die Eltern sind vor einem Vierteljahrhundert aus Wenzhou in das Städtchen nahe der deutschen Grenze ausgewandert. Tung besitzt einen holländischen Pass, sieht sich aber als Chinesen - so lässt er sich in der Formel 1 auch besser vermarkten.

Als BMW vor einem Jahr bekannt gab, dass man in Fernost eine Rennserie für den Nachwuchs aufziehen werde, die Formel BMW Asien, entschloss sich Tung, zusammen mit seinem Manager Bert Winkler, 40, dort zu starten. Tung besorgte sich eine Wohnung in Shanghai und eine chinesische Rennfahrerlizenz. Er fand ein Team, das für ihn ein Auto einsetzte, gewann 10 von 14 Läufen und wurde so von einem beliebigen holländischen Talent zum »fliegenden Chinesen« ("Algemeen Dagblad"), zum »Shanghai-Schumi« ("Frankfurter Allgemeine").

Er war den Gegnern aus Taiwan, Japan, Korea oder Thailand so deutlich überlegen, weil er in Europa das Rennfahren von Grund auf gelernt hatte. Mit 10 Jahren saß er im Kart, mit 18 fuhr er das erste Autorennen. In China wäre das undenkbar gewesen. Dort ist Motorsport vornehmlich ein Zeitvertreib für reich gewordene Geschäftsleute aus den Metropolen. »Gentleman-Racing« nennt Tung es spöttisch.

Seine Dominanz fiel in der Münchner Unternehmenszentrale auf. Als er Ende Oktober in Peking als Meister gefeiert wurde, überraschte ihn ein BMW-Motorsportmanager mit der Einladung zur Formel-1-Testfahrt.

Bis Tung es wirklich in den erlesenen Kreis der 20 Grand-Prix-Piloten schaffen könnte, hat er harte Prüfungen vor sich. Zwar zeigt das Beispiel Malaysia, wo seit 1999 Formel-1-Rennen ausgetragen werden, wie schnell ein Pilot aus der zur Bühne gewordenen Motorsportprovinz ins Rampenlicht kommen kann. Doch der Malaie Alex Yoong, 27, juckelte 2001 und 2002 so langsam dem Feld hinterher, dass er nach nur 14 Einsätzen für Minardi als untauglich entlassen wurde.

Was Tung wirklich kann, darüber wird die Probefahrt im andalusischen Jerez nur einen ersten Aufschluss geben. Statt der 140 PS seines Formel-BMW-Gefährts muss er dabei nun die sechsfache Motorkraft bändigen.

Zu viel Ehrgeiz käme bei den Prüfern schlecht an: »Auf die Rundenzeiten legen wir gar nicht so viel Wert«, sagt BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen. »Darauf, dass der Wagen heil bleibt, schon.«

DETLEF HACKE

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