Catch australisch - DER SPIEGEL
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OLYMPIA 1956 Catch australisch

• aus DER SPIEGEL 9/1953
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ohne zu zögern wirft jede europäische Regierung Millionenbeträge für Stadionbauten aus, wenn es gilt, zur Erhöhung von Ehre, Prestige und Fremdenverkehr die Olympischen Spiele ins Land zu holen. Der Australier Sir Frank Beaurepaire jedoch ergatterte für sein Land den Auftrag zur Ausrichtung der Olympischen Spiele 1956, um seinen heruntergekommenen Vereinssportplatz wieder konkurrenzfähig zu machen.

Mit diesem Kuriosum begann der bisher größte Skandal in der Geschichte des modernen Olympia, über den die Melbourner Arbeiterzeitung »Herald« bissig schrieb: »Wir brauchen jetzt keine Olympischen Spiele mehr, denn welcher Sportwettkampf könnte soviel Unterhaltung bringen, wie wir sie in den letzten vier Jahren allein bei dem Versuch hatten, den Platz für das Stadion auszuwählen?«

Durch ein derartiges Sakrileg am olympischen Sport-Tempel aufgestört, forderte letzte Woche in einem 12-Tage-Ultimatum

Gralshüter Avery Brundage, Präsident des Internationalen Olympischen Comitees, aus Melbourne einen ausführlichen Bericht über die Hintergründe dieses Zeitungs-Kommentars an.

Die Hintergründe sind folgende: Im Känguruhland ist der Sport seit jeher ein genau so offizielles Geschäft wie der Handel mit Schafwolle und ebenso rentabel. Die privaten Stadien-Gesellschaften erreichen selbst an Wochentagen Zuschauerzahlen, wie sie in Deutschland kaum bei der Deutschen Fußballmeisterschaft bekannt sind. Wie der Deutsche sein Abonnement im Stadttheater hat, so der Australier in der Sportarena.

Zentrum des australischen Berufssports aber ist die Eineinhalb-Millionen-Stadt Melbourne. Dort sitzen Abend für Abend

* im Melbourne Cricket-Ground 85 000 Tennis- und Cricket-Begeisterte,

* im »Show Ground« der Royal Agricultural Society (RAS) 60 000 Anhänger des Polo- und Trabrenn-Sports und

* in der Carlton Arena 50 000 American-Football-Fans.

Der »Olympische Park« aber, das vierte der Melbourner Sportstadien und einzige für den Amateursport, steht Tag für Tag leer. Denn trotz seines großen Namens hat der »Olympische Park«, Hauptquartier des Leichtathletik-Verbandes im australischen Bundesland Victoria, weder Sportbahnen noch Tribünen noch Kanalisation. Die Wettkämpfer müssen sich in zugigen, schmutzigen Räumen mit defekten Wasserleitungen umziehen.

Daß man mit einem derartig verlotterten Leichtathletikplatz überhaupt für die Olympischen Spiele 1956 kandidieren konnte, wo doch sich gegenseitig übertrumpfende europäische Angebote monumentaler Prachtstadien vorlagen, will bis heute in Australien niemand so recht glauben. Dennoch war es so.

Bereits sehr früh wurden die XVI. Olympischen Spiele 1956 vergeben. Der Kongreß des Internationalen Olympischen Comitees in Rom stand Ende 1949 noch unter den Eindrücken von London. Es sollte nicht wieder vorkommen, daß eine Nation nur eine Anlaufzeit von drei Jahren zur Ausrichtung der Spiele hat, wie - infolge des Krieges - London.

Außerdem: Hatte bisher nur die nördliche Hemisphäre das Vorrecht der Spiele gehabt, sollte nun auch einmal die südliche

Hälfte der Erdkugel eine olympische Chance bekommen.

In dieser toleranten Laune der olympischen Comitee-Mitglieder sah der australische Delegierte Sir Frank Beaurepaire eine gute Gelegenheit, aus dem verwahrlosten Leichtathletik-Hauptquartier im »Olympischen Park« von Melbourne Australiens schönste Sportanlage machen zu lassen.

Australien war weit. Aus dem Sportplatz-Torso am Rande von Melbourne, auf dem seit Jahren nur einige Unentwegte Waldläufe veranstalten, zauberte Sir Frank vor den Augen seiner Comitee-Kollegen eine fast fertige, olympiareife Sport-Anlage. Aus der Leidenschaft der Australier für den Profisport wurde die »unbegrenzte Unterstützung des Amateursports durch den ganzen Bundesstaat von Australien«.

Beeindruckt von der (angeblichen) Olympia-Verehrung im fernen fünften Erdteil stimmten im vierten Wahlgang am 29. April 1949 in Rom dann 21 von 41 olympischen Comitee-Mitgliedern gegen Buenos Aires, für Melbourne.

Eine lakonische Mitteilung, Sir Frank Beaurepaire sei aus »gesundheitlichen Gründen« von seinem olympischen Auftrag zurückgetreten, war dann das einzige, was das Internationale Olympische Comitee in den nächsten zwei Jahren aus Australien zu hören bekam. Was sich aber in diesen zwei Jahren in Melbourne abgespielt hatte, blieb bis heute dem Olympischen Präsidium verborgen.

Voller Hoffnung, daß mit dem Ausbau des »Olympischen Parkes« in Melbourne zum Olympia-Stadion endlich der vernachlässigte leichtathletische Amateursport Australiens Zustrom bekomme, war Sir Frank von Rom nach Hause gefahren. Indes, entgegen aller Berechnung fand der »Olympische Park« in Melbourne keine Unterstützung bei der Regierung des australischen Bundeslandes Victoria, dessen Hauptstadt Melbourne ist.

Victorias damaliger Premier- und Finanzminister I G. B. McDonald tat sogar, was er nur konnte, um einen Ausbau dieses einzigen Amateur-Stadions in Süd-Australien zu verhindern.

Voller regierungs-finanzieller Unterstützung erfreute sich dagegen die Royal Agricultural Society (RAS), die Finanzierungsgesellschaft der »Show Ground-Trabrennbahn«. »Diese Anlage allein ist

würdig, zu einem Olympia-Stadion ausgebaut zu werden«, erklärte Premierminister McDonald vor dem Bewilligungsausschuß.

Nun ist es in Melbourne kein Geheimnis, daß Premier McDonald auch privatgeschäftlich an der RAS interessiert ist. Und die RAS, schon lange auf den Ausbau ihrer Sportanlage bedacht, sah in den Olympischen Spielen eine gute Gelegenheit, ohne eigene Kapitalinvestitionen in wenigen Jahren zu erreichen, was normalerweise zwei Jahrzehnte benötigt.

Die Amateursportler, durch die Verquickung von Politik und Geschäft um den erhofften Ausbau ihres eigenen Sportplatzes geprellt, weigerten sich aber, den durchsichtigen Vorschlag ihres Premierministers anzuerkennen. Sie begründeten, nach den Olympischen Spielen würden alle olympischen Neubauten der RAS übergeben und damit für den Amateursport, dem sie ja gerade dienen sollten, verloren sein.

Premierminister McDonald jedoch beendete jede weitere Diskussion um den Bauplatz für das Olympia-Stadion 1956 mit einem Ultimatum an Sir Frank Beaurepaire: »Wenn Sie sich mit dem Show Ground nicht einverstanden erklären, wird die Ausrichtung der Olympischen Spiele in Melbourne überhaupt keine staatliche Unterstützung erhalten.«

Beleidigt über derartige Geschäftemacherei mit dem hehren olympischen Gedanken, trat Sir Frank von seinem Posten als Vorsitzender des vorbereitenden olympischen Organisations-Comitees zurück.

Erst die anlaufende Kampagne für die fälligen Parlamentswahlen Victorias befreite die Olympische Idee aus dem australischen Catch-Griff. Premier McDonald, der fürchten mußte, daß seine Haltung in Sachen Olympia in der Wahlschlacht von seinen politischen Gegnern ausgenutzt werden könnte, annullierte sein Ultimatum.

Da aber bereits zwei Jahre über dem Stadion-Streit verstrichen waren, sah sich das olympische Vorbereitungs-Comitee schnell nach einem anderen Bauplatz um. Die auf Befehl der McDonald-Regierung bereits halb fertiggestellten Baupläne für ein Olympia-Stadion auf dem »Show Ground« waren zum größten Teil auch für die Carlton-Arena zu verwenden. So

wurde ein Baumeister gewählt und kurz vor der Wahl in Victoria, am 6. Dezember 1952, mit den Bauarbeiten an der Carlton-Arena begonnen.

Doch kaum war der Grund planiert, kaum waren die Arbeiter dabei, den Bauzaun aufzurichten, da stoppte der neue Premierminister John Cain durch Regierungsanordnung die Fortsetzung der Bauarbeiten an der Carlton-Arena.

Amtlich erklärte er, daß der Kostenvoranschlag von 1,1 Millionen Pfund (9,8 Millionen DM) für das Olympia-Stadion auf der Carlton-Arena voraussichtlich noch um 750 000 Pfund (7 Millionen DM) überschritten würde. Das Bundesland Victoria stehe aber in einer finanziellen Krise und sei nicht in der Lage, den Regierungszuschuß von 312 000 Pfund (2,9 Millionen DM) zu erhöhen.

Doch zu plötzlich, um nicht Verdacht zu erregen, erklärte sich schon einen Tag nach Premierminister Cains Baustop der Melbourner Cricket-Ground bereit, seine Sportanlage für den Ausbau zum Olympia-Stadion zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus offerierte der Melbourne Cricket-Club als Besitzer des Cricket-Ground-Geländes 300 000 Pfund, die er selbst zur Vergrößerung des Fassungsvermögens von 85 000 auf 125 000 Zuschauer beisteuern würde. Auf Grund dieses Angebotes beharrte Victorias Premierminister Cain darauf, daß der Regierungszuschuß von 312 000 Pfund für kein anderes Projekt als den Melbourne Cricket-Ground verwendet werden dürfe. Zu den Geschäftsführern des Melbourne Cricket-Ground gehört Mister John Cain, Victorias Premierminister.

»Damit ist für den Melbourne Cricket-Ground und deren Geschäftsführer nun endgültig die Gefahr beseitigt, daß ihnen für die Zeit nach den Olympischen Spielen durch Ausbau der Carlton-Anlage ein Konkurrent entstehen könne«, kommentierte der Melbourner »Herald«.

Inzwischen ist auch Avery Brundage, der Präsident des Internationalen Olympischen Comitees, zu der Auffassung gekommen, daß »die Nation Australien die Olympische Sache nicht zu ihrer eigenen gemacht hat, wie es in Finnland beispielhaft geschehen ist«. In einem Begleitbrief zu seinem 12-Tage-Ultimatum hat Brundage den Australiern nahegelegt, freiwillig auf die Ehre von Olympia 1956 zu verzichten.

Bis die Hauptversammlung des Internationalen Olympischen Comitees vom 14. bis 17. April 1952 in Mexiko endgültig darüber entscheidet, welcher der 17 Städte, die sich als Lückenbüßer für Melbourne gemeldet haben, sie den Zuschlag geben sollen, haben die Einwohner Südaustraliens genau soviel Spaß am Spiel Olympia, wie sie es vorher beim Stadion-Streit von Melbourne hatten.

In allen Wettbüros des fünften Erdteils liegen Wetten auf: »Wo werden die Olympischen Spiele 1956 stattfinden:

* In Buenos Aires, das mit nur einer Stimme Mehrheit bei der Olympia-Wahl für 1956 von Melbourne geschlagen wurde und wie Melbourne die erste Olympia-Stadt der südlichen Hemisphäre wäre oder

* in Rom, womit die Olympia-Hegemonie Europas*) gewahrt bliebe?«

Hoher Favorit für Olympia 1956 ist Rom. Im letzten »Bulletin« (Nr. 37) des Internationalen Olympischen Comitees sind wie zufällig auf den Seiten 17 bis 20 eine Beschreibung und drei ausgezeichnete Bilder des neuen Stadions in Rom zu finden.

*) Seit 1896 die I. Olympischen Spiele der Neuzeit in Athen stattfanden, wurden die Wettkämpfe nur zweimal außerhalb Europas ausgetragen: 1904 die III. Olympischen Spiele in St. Louis und 1932 die IX. Olympischen Spiele in Los Angeles.

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