Cha-Cha-Cha in Wimbledon - DER SPIEGEL
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TENNIS Cha-Cha-Cha in Wimbledon

• aus DER SPIEGEL 29/1959
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Unbewegten Gesichts trommelte der peruanische Modell-Athlet und Tennis, Crack Alex Olmedo, 23, innerhalb 72 Minuten seinen zwanzigjährigen australischen Gegner Rod Laver im Finale der Internationalen Tennismeisterschaften von Wimbledon mit knallharten Präzisionsschüssen in drei Sätzen zusammen.

Damit hatte Olmedo am vorvergangenen Wochenende jenen Erfolg errungen, von dem alle Tennisspieler der Welt träumen und der im Kalkül der Experten seit über sechs Monaten für ihn reserviert war:

Olmedo, wegen seiner federnden Sprungkraft im fachjournalistischen Vokabular als Panther apostrophiert, war Weltmeister im Amateurtennis* geworden und hat das Sprungbrett erreicht, von dem er in eine Berufsspielerkarriere jumpen kann, aus der er todsicher als wohlhabender Mann hervorgehen würde.

Als jedoch Olmedo aus den Händen der Herzogin von Kent den funkelnden Silberpokal empfing, gestattete sich der »Typus des ... grimmig-geschäftsmäßigen Spitzensportlers ... ein breites Grinsen, das erste, das die Photographen an diesem Turnier von ihm erwischen konnten« (so der in Zürich erscheinende »Sport"), und erklärte, ihm sei vorläufig weder an einer Profi-Karriere gelegen noch eine Berufsspieler -Offerte angetragen worden.

Olmedo scheint nicht nur die Bewegungsgeschmeidigkeit eines Panthers, sondern auch dessen Instinkt zu besitzen. Um jeden Makel von seinem Amateurstatus fernzuhalten, hielt es Perus Sportidol nämlich für klüger, zu verschweigen, daß er vor seinem Abflug nach London in New York von Jack Kramer, Direktor der amerikanischen Profi-Tennistruppe mit einem honorigen Professional-Angebot ausstaffiert worden war:

- 50 000 Dollar als Basisvertrag, falls Olmedo kein einziges Amateur-Match mehr gewinnt;

- 80 000 Dollar, falls sich Olmedo als Wimbledon-Sieger zum Übertritt entschließt;

- 100 000 Dollar, falls Olmedo nach dem Wimbledon-Sieg auch noch amerikanischer Tennismeister wird und außerdem die USA bei der Verteidigung des Davis-Pokals* unterstützt.

Auf der Galerie von Wimbledon lächelten daher die Auguren über den Eifer, mit dem Olmedo seine Absicht bekräftigte, Amateur bleiben zu wollen. Voller Mißtrauen warteten sie ab, was geschehen würde.

Es geschah nichts weiter, als daß sich beim Festball ein fröhlicher Olmedo in weißem Sakko am stilvollen Cha-Cha-Cha mit der neunzehnjährigen, mädchenhaften Damen-Siegerin Maria Esther Bueno (Brasilien) vergnügte und nach Verstreichen der von Turnierspesen gedeckten Wimbledon -Tage verschwand, ohne die in Wimbledon als abscheulich empfundene Komödie zu wiederholen, mit der vor zwei Jahren der Wimbledon-Sieger von 1956'und 1957, Lewis Hoad (Australien), die Tenniswelt schockiert hatte.

Hoad war das gewesen, was heute Olmedo verkörpert: als stärkster und zugkräftigster Tennis-Amateur der Welt begehrtester und meistumworbener Spieler aller Turniermanager. Obwohl er schon vor dem Wimbledon-Turnier 1957 unter dem drigenden Verdacht stand, dem Einfluß der Berufsspieler-Truppe Jack Kramers erlegen zu sein, hatte man ihn in die restliche internationale Turniersaison fest eingeplant. Kaltblütig wußte der Australier alle Besorgnisse zu zerstreuen.

Er versicherte sowohl am Tage vor seinem Wimbledon-Endspiel in einem Fernseh-Interview als auch nach seinem Sieg, er werde dem Amateurtennis erhalten bleiben.

Zur grenzenlosen Überraschung der Tennisfunktionäre seines Landes entpuppte sich der Amateur Hoad einen Tag später als neuer Berufsspieler, der den fettesten Kramer-Vertrag in der Tasche trug, von dem man je gehört hat.

Warum Hoad in Wimbledon neben dem harten Turniertennis auch noch Theater spielen mußte, erfuhr man ein halbes Jahr darauf von ihm selber. In seinem Anfang 1958 erschienenen Tennisbuch konnte er offen aussprechen, was er ängstlich verschweigen mußte, als ihn noch die Amateur-Paragraphen bedrohten. Demnach hatte Hoad mit Kramer die geheime Abmachung getroffen, für

einen 100 000-Dollar-Kontrakt Berufsspieler zu werden. Zusätzlich war vereinbart worden, einen Wimbledon-Sieg Hoads mit weiteren 25 000 Dollar zu honorieren. Schrieb Hoad über seine Profi-Existenz:

»Das Leben ist hart, aber es bringt Geld ein. In weniger als zwei Jahren habe ich mit 200 000 Dollar so viel Geld verdient, wie ich es auf keinem anderen Gebiet hätte erreichen können. Wenn ich einen schweren Kampf gewonnen habe, freue ich mich nicht nur über den Sieg, sondern auch über meine Prämie.«

Offerten in ähnlichen Preislagen sind Kramer bisher - von keinem Wimbledon-Sieger abgeschlagen worden, weder von dem Australier Frank Sedgman (1952), dem Amerikaner Tony Trabert (1955) noch dem Australier Ashley Cooper (1958).

Nur Olmedo hat Kramers Köder (bisher) verschmäht. Er begründete das mit seinen Ambitionen, abermals im Davis-Cup und in Wimbledon zu siegen, und so schied er als doppelt bewunderter Sieger aus Wimbledon, denn jeder weiß, daß Olmedo kein Vermögen besitzt.

Das Motiv der Standhaftigkeit Olmedos gegen das Locken der Profis ist freilich unschwer zu erkennen: Er will durch weitere gewichtige Erfolge seinen Marktwert steigern. Dieses Bestreben schließt Olmedos Absicht ein, das USA-Tennis noch eine Weile zu unterstützen und damit einen Wunsch seiner kalifornischen Mäzene zu erfüllen, die ihn laut Deutsche Presse-Agentur zu einem jener Tennis -Amateure gemacht haben, »die sich nicht um ihren Lebensunterhalt zu bemühen brauchen, da (ihm) diese Sorgen, ein paar Gönner abgenommen haben«.

Tennispromoter Jack Kramer, hat allerdings noch eine andere Erklärung für Olmedos Zögern parat ADer Peruaner wollte sich schon in New, York für mehr Geld verkaufen, als Kramer zu zahlen bereit war, nämlich für 150 000 Dollar. Schnaubte der Tenniszirkus-Direktor entrüstet: »Bei mir nicht!«

* Im Tennis finden keine Weltmeisterschaften statt. Das Turnier von Wimbledon wird jedoch als inoffizielle Weltmeisterschaft gewertet.

* Der Davis-Pokal ist die Trophäe des wertvollsten Mannschaft-Länderwettbewerbs im Tennis (vier Einzelspiele, ein Doppel). Der Peruaner Olmedo darf laut Reglement des Internationalen Tennisverbandes für die USA spielen, weil er als Student, in den USA ansässig ist. Er hatte mit zwei Einzelsiegen erfolgreicher Teilnahme am Doppel entscheidenden Anteil am Davis-Cup -Sieg der USA gegen Australien Ende Dezember 1958.

Großverdiener Hoad, Großzahler Kramer

Der Panther ist zu teuer ...

... für den Tennis-Zirkus: Spesentänzer Maria Bueno, Olmedo

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