Champions unerwünscht - DER SPIEGEL
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TURNEN Champions unerwünscht

• aus DER SPIEGEL 23/1954
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Pfingstsamstag wird der Rheinische Turnerbund in Düsseldorf im Hauptausschuß des 1,1 Millionen Mitglieder zählenden Deutschen Turner-Bundes (DTB) beantragen, der Deutsche Turntag möge Mittel und Wege finden, »die Ausweitung des Kunstturnens zum Sensationssport mit den dabei zutage tretenden kommerziellen Kennzeichen zu verhindern«. Die Rheinländer wollen dabei vor allem auf das internationale Kunstturnen am vergangenen Ostern in Frankfurt am Main und auf die gegenwärtigen Vorbereitungen für die Ende Juni in Rom beginnenden Kunstturn-Weltmeisterschaften verweisen.

Der Mann, der nach rheinischer Ansicht die Ideen des Turnvaters Jahn verhöhnt, ist der Frankfurter Betten- und Matratzenfabrikant Albert Zellekens, 45, vor dem Kriege selbst Mitglied der Deutschlandriege, heute Kunstturnwart des DTB.

Als 1950 in der Frankfurter Paulskirche unter Leitung des leibesgeübten Frankfurter Oberbürgermeisters Dr. h. c. Walter Kolb der »Deutsche Turner-Bund« gegründet wurde, hätte die ehrgeizige Kunstturn-Vereinigung beinahe einen Verband im Verbande aufgemacht. Aber der Wunsch nach Einheit siegte: Die Kunstturner verzichteten auf eine Eintragung im Vereinsregister, und die Vereinigung wurde dem DTB angegliedert.

1951 mußte sie - mit DTB-Kunstturnwart Zellekens an der Spitze - trotz allem 25 Kunstturn-Lehrgänge selbst finanzieren, um bei den Olympischen Spielen in Helsinki wenigstens mit dabei zu sein. Im Olympia-Jahr 1952 gaben der DTB und das Olympische Komitee noch etwas dazu.

Beim »Deutschen Turntag« Pfingsten 1952 - wenige Wochen vor dem olympischen Beginn - protestierten die rheinischen Turner zum erstenmal gegen die Züchtung von Stars und beantragten kurzerhand, das Amt des Kunstturnwarts abzuschaffen. Der Antrag wurde abgelehnt. Aber erst dann, als die deutsche Mannschaft in Helsinki nur an vierter Stelle landete, kam Zellekens' Amt wieder zu Ehren: Es sei viel zu wenig für das Kunstturnen getan worden, hieß es plötzlich.

Doch die DTB-Kasse war leer. Von den 1,1 Millionen Beitragszahlern in den Landesverbänden bekommt der DTB als Dach-Organisation nur 30 Pfennig je Kopf und Jahr. So mußten sich die Kunstturner selbst helfen: Albert Zellekens tat es mit Schauturn-Veranstaltungen.

Auf seinem Schreibtisch in Frankfurts Hanauer Straße stapeln sich Briefe von Vereinen und Städten, die ein Gastspiel der deutschen Turnerriege wünschen. An 60 Plätzen könnten Deutschlands Turner-Asse heute an jedem Wochenende auftreten. Albert Zellekens geht mit seinen Leuten alle paar Wochen auf Reisen. Er stellt dabei nur eine Bedingung: die Gastgeber müssen Anreise und Verpflegung bezahlen und dazu 500 Mark für die Trainings-Kasse stiften.

Die Vereine, die beim Schauturnen oft viele Tausende einnehmen, zeigen sich nicht kleinlich und geben bisweilen freiwillig 1000 Mark. Damit stopft Albert Zellekens das Finanzloch, das der DTB und seine Landesverbände offen ließen, als sie Ende vorigen Jahres im Hinblick auf die Weltmeisterschaften in Rom für das Training der Turner und Turnerinnen ganze 31 000 Mark herausrückten.

Die Hälfte davon erhielt Zellekens für seine Turner. »Das reicht noch nicht einmal, um unsere 16 Spitzenkönner zu trainieren, und dabei müßten, damit der Nachwuchs nicht einschläft, dauernd 200 Turner trainiert werden«, versichert Albert Zellekens.

Seit Dezember absolvieren seine 16 Ausgesuchten, darunter die mehrfachen Deutschen Meister Helmut Bantz und Adalbert Dickhut, alle 14 Tage - von samstags 15 Uhr bis sonntags 14 Uhr - einen Trainingskursus. Außer dem Reisegeld erhalten Deutschlands Weltmeisterschafts-Aspiranten für beide Tage zusammen jeweils 7,50 Mark Verpflegungszuschuß. Schlafen müssen sie in Jugendherbergen oder Gemeinschaftsheimen, trotzdem schlägt ein Wochenend-Training jedesmal mit 1200 bis 1400 Mark zu Buch.

Dabei versieht auch der aus Odessa emigrierte Deutsch-Russe Alex Tananaki, der zusammen mit dem Traditions-Lehrwart der deutschen Turnerriege, Eugen Kopp, die deutsche Kunstturn-Elite für die Weltmeisterschaften präpariert, seinen Dienst ehrenamtlich. Der Turnerbund hat ihm lediglich eine Expedientenstelle bei einer Weberei in Zell im Schwarzwald vermittelt.

Tananaki, 40, macht jetzt genau das, was die rheinischen Volksturner so sehr verdammen: Er bildet Turn-Champions heran, die systematisch zur Spitzenleistung trainiert werden. Eine langjährige sowjetische Schule kommt Tananaki dabei zugute. Bevor er 1938 nach Deutschland ging, wurde er selbst sieben Jahre lang in hartem Training von Staats wegen an die Kandare genommen. 1937 und 1938 brachte er es in Sowjet-Rußland zum Meister des Sports im Geräteturnen.

DTB-Kunstturnwart Albert Zellekens wird in Rom noch eine andere Sache zu besorgen haben, die den Traditionsturnern vom Rhein nicht weniger Verdruß bereitet: Die Vollversammlung des Internationalen Turner-Bundes will in Rom über Zellekens' Vorschlag beraten, die Weltmeisterschaften der Nationalriegen

künftig in Rundenform - etwa wie beim Fußball - auszutragen. In fünf Gruppen sollen nach Zellekens' Plan jeweils die stärksten Mannschaften mit schwächeren gepaart werden. Die siegreichen Riegen sollen dann die Zwischenrunde bestreiten, bis die drei Besten für den Endkampf übrigbleiben. Eine solche Vielzahl von Länderkämpfen würde, meint Zellekens, auch die Finanzen des Internationalen Turner-Bundes kräftigen.

Die Angriffe der rheinischen Konservativen kontert Zellekens: »Man will in Deutschland kein Kunstturnen nach internationalen Maßstäben, aber gleichzeitig will man international mitmachen. Ich frage die Leute: Wenn ein russischer Turner in Deutschland 16 000 Menschen anlockt oder drei Japaner es auf 30 000 Zuschauer bringen, wird das nicht auch in den Schulen weiterwirken und manchen Abseitsstehenden für das Turnen gewinnen?«

Die »Frankfurter Allgemeine« schrieb noch deutlicher: »Wenn die konservativen Turnkreise in ihrer Haltung bleiben wollen, müssen sie noch mehr aufgeben als die Veranstaltungen ihres Kunstturnwarts. Unter anderem auch die Beteiligung an den Olympischen Spielen 1956.«

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