»Da wird man neidisch«
Rabe, 29, gewann in Barcelona mit dem Achter Bronze. 1988 war er in Seoul Olympiasieger geworden.
SPIEGEL: Herr Rabe, Sie verließen Olympia eine Woche früher als geplant. Sind Sie frustriert, weil die sicher geglaubte Goldmedaille verlorenging?
RABE: Für uns war das keine Überraschung. Das Klima hat sich seit 1988 kontinuierlich verschlechtert. In Barcelona kam in der ganzen Rudermannschaft trotz zehn Medaillen keine Stimmung auf. Ob Gold, Bronze oder gar nichts - es fehlte der Spaß.
SPIEGEL: Die deutschen Funktionäre haben den Teamgeist aber gelobt.
RABE: Unser Trainer Ralf Holtmeyer ist gleich nach dem Endlauf verschwunden und hat uns nur einen Gruß ausrichten lassen. Von Funktionären kam kein nettes Wort. Im Gegenteil: Als wir von Banyoles, wo die Ruderer gleich nach dem Finale aus den Zimmern geworfen wurden, ins olympische Dorf nach Barcelona ziehen wollten, war nichts frei, obwohl uns das NOK eine Unterkunft versprochen hatte. Jeder schob das Problem weiter, ich habe dann auf einer Luftmatratze bei Kollegen auf dem Balkon geschlafen.
SPIEGEL: Wären Sie als Olympiasieger anders behandelt worden?
RABE: Wahrscheinlich. Vorher waren wir der Deutschland-Achter, von dem jeder eine Goldmedaille zum Ruhm der Nation erwartete - jetzt haben wir Bronze und sind Versager, um die sich keiner kümmert.
SPIEGEL: War die Belastung des Gewinnen-Müssens zu groß?
RABE: Der Trainer hat den Druck weitergegeben. Holtmeyer kann sich im Fernsehen zwar toll verkaufen. Aber sonst saß er oft apathisch herum und verbreitete im Gegensatz zu Seoul eine unheimliche Kälte und Härte. Er gilt als Trainer, der aus beliebigen Ruderern einen Weltklasse-Achter formt - doch damit ist er wohl überfordert: Ein richtiges Wir-Gefühl ist bei uns in diesem Jahr nicht entstanden. Den ostdeutschen Trainer Dieter Grahn hat er 1991 gedeckelt, um seinen Einfluß am Dortmunder Olympiastützpunkt zu sichern.
SPIEGEL: Wie wirkten sich diese Machtkämpfe auf die Ruderer aus?
RABE: Holtmeyer hat Leute, die ihm nicht paßten, unter Druck gesetzt und eingeschüchtert. Im Gegensatz zu 1988 hat er die Athleten auf Distanz gehalten und viele rüde behandelt. Zudem gab es für uns keine Erfolgserlebnisse mehr, weil Siege als selbstverständlich abgehakt wurden. Auf die Dauer schlägt diese strenge Erfolgsorientierung ins Gegenteil um. Wir waren stärker als in Seoul, fuhren aber hinterher, weil die Begeisterung fehlte.
SPIEGEL: Kamen Ihnen nie Zweifel am Leistungssport?
RABE: Ich habe mich oft ausgenutzt gefühlt, wenn sich bei großen Siegen die Funktionäre in unserem Glanz gesonnt haben. Von denen interessiert sich keiner dafür, daß wir 40 Stunden die Woche fürs Rudern arbeiten und meine Eltern mir pro Monat 600 Mark geben müssen, damit ich über die Runden komme. Auf die Großverdiener wird man da richtig neidisch.
SPIEGEL: Als nationales Symbol hätte sich der Deutschland-Achter doch gut vermarkten lassen müssen?
RABE: Das dachten wir anfangs auch. Aber wir hatten selbst im Olympiajahr nur eine Bonbonfirma als Sponsor. Da wäre es sicher vernünftiger, endlich mein Informatikstudium zu beenden. Mein Problem ist, daß ich zu sehr am Rudern hänge - so lasse ich mir viel zuviel von Funktionären und Trainern gefallen. Mit einer Goldmedaille um den Hals hätte ich das alles für einen Moment vergessen.