Dann kommt Diego
Bedrängt von zwei Verteidigern, spielte US Profi Jim Gabarra den tausendmal eingeübten Doppelpaß. Erst tauschte er mit der Schulter eine Bewegung nach rechts an, dann schlug er den Ball nach links und stürmte zwischen den beiden Gegenspielern hindurch Richtung Tor. Doch die Aktion mißlang. Der Ball rollte ins Seiten-Aus, und Gabarra lief fluchend ins Leere - »fuck it«.
Der Zorn des Fußballer, Star der Amerikaner beim Hallenturnier in Budapest, galt keineswegs einem Mitspieler, sondern den Funktionären des Weltfußball-Verbandes Fifa. Die hatten Gabarras gewohnten Doppelpaß-Partner - die Seitenbande - entfernt, um das Spiel in der Halle möglichst dem großen Fußball im Freien anzupassen.
Es war der erste Test eines neuen, von der Hallenfußball-Kommission der Fifa ausgearbeiteten Regelwerks, das in Zukunft weltweit für Meisterschaften und internationale Turniere verbindlich sein soll. »Die populärste Sportart der Welt«, so die Auffassung der Fifa und ihres Präsidenten Joao Havelange, habe es auch in der Halle nicht nötig, »Anleihen beim Eishockey zu machen«.
Doch die Verfechter unverfälschter Fußballkunst sind längst nicht mehr auf Ballhöhe. Während sich die europäischen Turnierveranstalter großteils noch mit Seitenbanden als Spielfeldbegrenzung zufriedengeben, wird in der amerikanischen »Major Indoor Soccer League« schon lange - wie beim Eishockey - mit einer Rundum-Bande gespielt.
Das Spiel ohne Bande, urteilte Jim Gabarra, zwinge zwar die Akteure zu mehr Kombinationsfußball, sei aber weniger rasant und dynamisch. »No future« bescheinigte er den Plänen der Fifa in den USA.
Widerstand regt sich auch beim Deutschen Fußball-Bund und seiner Bundesliga. Bandenloses Spiel, kritisiert Mannheims Trainer Klaus Schlappner, ist so fad wie eine Suppe ohne Salz«. In der Halle müsse es weiter knallen, fordert Bremens Manager Willi Lemke. Nicht anders argumentiert Franz Beckenbauer. »Die Bälle«, so der Teamchef, prallen vom Plexiglas zurück, und dann kann man wunderschön draufnageln.« Das Spiel werde so zur richtigen Wissenschaft - »wie Billard«.
Die Fifa ist allerdings nicht bereit, ihr Bandenverbot zu korrigieren. Schon 1988 sollen, so Havelanges Wunsch, 16 Nationalteams unter einem Dach ein Weltturnier ausspielen - ohne Bande und möglicherweise ohne die Deutschen. Die könnten sich, so ein Funktionär, ja nicht einmal auf eine Meisterschaft im eigenen Lande verständigen.
Der Spott ist berechtigt, denn der Streit um einen Hallentitel hat schon Tradition. Einziger prominenter Befürworter ist seit Jahren Bayer Leverkusens Trainer Erich Ribbeck, für den das rege Interesse der Fans gerade in diesem Winter nur eine Konsequenz haben kann: »Wir brauchen endlich eine Meisterschaft.«
Tatsächlich waren die Hallen und Kassen der Turnierveranstalter noch nie so voll. 13000 Zuschauer kamen in die Bremer Stadthalle - ausverkauft. 21000 verfolgten das Spektakel in München. Auch Karlsruhe und Berlin, Köln und Stuttgart meldeten in seltener Übereinstimmung: ausverkauft.
Doch die Liga will partout nicht um Punkte spielen. Obwohl es längst konkrete Modelle für eine Hallenrunde gibt. So erarbeitete Erich Ribbeck zusammen mit einem Computerfachmann schon 1986 einen Spielmodus, nach dem die 18 Bundesligisten gegeneinander antreten könnten. Auch der DFB entwickelte ein eigenes Konzept für eine gemeinsame Hallenrunde der 1. und 2. Bundesliga.
Vergebens. Eine Meisterschaft, erklärte etwa Stuttgarts Trainer Egon Coordes, könne Ribbeck alleine ausspielen. »Da machen wir nicht mit.« Dortmunds Profi Frank Mill urteilte knapp: »Nein, danke.«
Hinter der Verweigerung der bundesdeutschen Elitekicker und ihrer Trainer steckt die Angst nun auch im Winter hohem Leistung- und Erfolgsdruck ausgesetzt zu sein. So glaubt DFB-Trainer Horst Köppel, wenn um einen Titel gespielt werde, komme zuerst die Taktik und dann die Technik. »Zuviel Härte« wäre für Bayern Münchens Trainer Udo
Lattek die Konsequenz. Zuviel Ehrgeiz befürchtet Werder Bremens Profi Manfred Burgsmüller. »Dann gäbe es Mord und Totschlag.«
Vor einem erhöhten Verletzungsrisiko beim Kampf um Titel und Punkte warnen seit Jahren die Sportmediziner. So hält der Kölner Professor Wildor Hollmann die Einführung einer Meisterschaft für »fatal, da die Belastung für die Profis einfach zu hoch ist«.
Der harte, oft stumpfe Hallenboden strapaziert vor allem die Fußgelenke den Bandapparat im Knie und die Wirbelsäule. »Ältere Spieler«, weiß HSV-Manager Felix Magath, »sind besonders gefährdet.« HSV-Verteidiger Manfred Kaltz, 34, braucht deshalb in der Halle gar nicht anzutreten, auch Kölns Torwart Harald Schumacher, 32, verzichtet: »Ein zu hohes Risiko für mein Wackelknie.«
Ginge es nach Münchens Erfolgstrainer Udo Lattek, würde Hallenfußball ganz verboten. Er gehört schon seit dem ersten Turnier 1972 in der Essener Grugahalle zu den hartnäckigsten Kritikern und behauptet: »In der Halle kann man nichts lernen. Die Turniere sind so unwichtig wie sonstwas.«
Zum Geldverdienen begeben sich die meisten Vereine dennoch unters Dach. 14 Turniere finden alleine in dieser, erstmals auf elf Wochen ausgedehnten, Winterpause statt - so viele wie noch nie. Für HSV-Manager Felix Magath, dessen Verein gleich in sechs Hallen antritt, sind sie »eine finanzielle Notwendigkeit, um über die Runden zu kommen«. Antrittsgagen für Topvereine bis zu 70000 Mark und Siegprämien bis 30000 Mark ersetzen die Einnahmen aus ansonsten notwendigen Freundschaftsspielen, die, so-Magath, bei eisigen Temperaturen ohnehin kein Mensch sehen will«.
Klubs wie Bayern München oder Bremen verdienen überdies als Ausrichter eigener Turniere. 200000 Mark Gewinn verbuchte Werders Manager Lemke ("Die sind in unserem Etat fest eingeplant"), 100000 Mark kassierte sein Kollege Uli Hoeneß in München, der schon jetzt für 1988 Großes plant: »Dann kommt Diego Maradona.«
Den argentinischen Superfußballer könnte die Hallenrunde tatsächlich gut gebrauchen, denn Fußball pur, mit Tempo, Tricks und Toren ist die Sache bundesdeutscher Geradeausläufer und Kraftfußballer nicht. Bejubelte Stars in diesem Winter waren die Ausländer: die roten Rastellis des sowjetischen Europapokalsiegers Dynamo Kiew, der trickreiche Techniker Ilyas Tüfekci aus Istanbul, der elegante Pole Smolarek von Eintracht Frankfurt.
Es gebe im deutschen Fußball keine Zauberer mehr, klagte HSV-Trainer Ernst Happel in Berlin. Der Wiener machte im übrigen noch nie ein Hehl aus seiner Abneigung gegen den Hallenkick. »Da darfst«, so Happel, »auf der Bank net amol rauchen.«