SKI ALPIN »Das Gefühl für Schnee«
Wichtige Details des Skirennsports regelt ein Schriftwerk mit dem Namen »Pflichtenheft«. In dem 25-seitigen Kompendium des Internationalen Skiverbandes (Fis) steht festgeschrieben, welchen Komfort Skiprofis im Rahmen von Weltcup-Rennen genießen.
Martin Oßwald, 50, Cheftrainer der Herrenmannschaft des Deutschen Ski-Verbands (DSV), blättert auf die Rubrik »Unterkunft«. Dort steht, dass alle Nationen in Hotels untergebracht werden müssen, die dem »internationalen Drei-Sterne-Standard« entsprechen. Oßwald wiederholt laut: »Drei Sterne.«
Und wo wohnt Deutschland? Hotel Chalet du Lac, zwei Sterne. Die Zimmer sind beklagenswert klein, und statt der im Pflichtenheft vorgeschriebenen Ration Fleisch ("mindestens 200 Gramm") gibt es zum Abendessen Kartoffelauflauf.
Dass die Herren des DSV vorige Woche beim Weltcup in Val d''Isère vom Veranstalter wie Sportler zweiter Klasse einquartiert wurden, reflektiert den Status, den Oßwalds Mannschaft im internationalen Wettbewerb derzeit innehat. »Wir sind eben«, sagt der Mann aus Gunzesried im Allgäu, »ein Ski-Entwicklungsland.«
Im Februar hatte Oßwald das Amt als Trainer der deutschen Skifahrer übernommen. Als »Wunderheiler« hatte ihn manches Presseorgan begrüßt. Schließlich sollte der bedächtige Bayer dem ramponierten Image der alpinen Männer zu neuem Glanz verhelfen. Mittlerweile ist die Saison zwei Monate alt, und immer öfter scheint es, als operiere der Heilsbringer an einem toten Patienten.
Dabei hatte alles so gut angefangen. Bei der Abfahrt in Lake Louise (Kanada) raste Max Rauffer auf Rang acht. Doch kurz darauf verletzte sich Rauffer am Knie. Seither hat Oßwald keine Freude mehr.
Nicht nur, dass in Markus Eberle auch der beste Slalomfahrer noch bis Januar verletzungsbedingt ausfällt. Den Männern, die nun in die Bresche springen sollen, »fehlt es einfach an Biss«. Den Siegertypus »Wilder Hund«, so Oßwald, habe er nicht in seiner Athletenschar.
Am vergangenen Wochenende war es besonders schlimm. Samstags bei der Abfahrt von Val d''Isère belegten Florian Eckert und Stefan Stankalla die Plätze 50 und 54, am Tag darauf im Riesenslalom qualifizierten sich die einzigen DSV-Starter nicht einmal für den Finaldurchgang.
Lange vorbei die Zeiten, da der Verband Pistenkünstler wie Frank Wörndl, Armin Bittner oder Markus Wasmeier hervorbrachte. Dabei war in Oßwald eine Figur zurückgekehrt, die noch die guten Tage des deutschen Pistenwesens erlebt hatte. In seiner ersten Amtszeit als DSV-Coach fahren der Oberstdorfer Hansjörg Tauscher zum Weltmeisterschafts-Titel in der Abfahrt (1989) und der Schlierseer Wasmeier zu doppeltem Olympiagold in Super-G und Riesenslalom (1994).
Als der weitsichtige Coach trotz aller Erfolge eine bessere Talentarbeit anmahnte, wurde er aus dem Amt gemobbt. Oßwald ging als Trainer nach Norwegen, gewann mit Schützlingen wie Lasse Kjus und Kjetil-Andre Aamodt 4 Olympia- und 13 WM-Medaillen und sah zu, wie das MännerTeam in der Heimat immer stärker in der Bedeutungslosigkeit versank. Doch der Verband sah keinen Grund zur Reform - es gab ja noch das erfolgreiche Damen-Team um die Siegfahrerin Katja Seizinger.
Mit einer Verspätung von sechs Jahren soll Oßwald nun doch die überfällige Renovierung vornehmen. Angenommen hat er den Job, weil er der Meinung ist, dass der Skisport hier zu Lande lange genug von »Luschen« gelenkt wurde.
Zu seinen Grundsätzen gehört der Glaube, dass Sportler nur dann Leistung bringen, »wenn sie sich wohl fühlen«. Im Gegensatz zu manchen seiner Vorgänger, die wie Sonnenkönige regierten, mimt Oßwald deshalb nicht den strengen Chef. Im Teamkreis bewegt er sich in Jogginghose und Gesundheitslatschen. Seine Schützlinge dürfen ihn »Ossi« nennen.
Die Sportler sind begeistert. Von einem »ganz neuen Umgangsstil« schwärmt Stefan Stankalla. Auch der Arbeitseifer des Neuen sei beeindruckend. Wenn nötig, schmiert Oßwald, zu dessen Stammlektüre Bücher über Menschenführung zählen, seinen Schützlingen sogar das Brötchen.
Indes: Seit der »Ossi« ein Wohlfühlklima geschaffen hat, fahren die DSV-Läufer auch nicht deutlich schneller den Berg hinunter. Das Niveau ist einfach zu schwach - längst gibt Oßwald zu, »den Ernst der Lage unterschätzt« zu haben.
Um die deutschen Männer technisch auf den neuesten Stand zu bringen, verpflichtete Oßwald den Österreicher Hans Flatscher. Der Mann aus dem Salzburger Land ist eine ausgewiesene Fachkraft auf dem Gebiet der rasanten Talfahrt. Im vergangenen Jahr trainierte Flatscher die Weltcup-Stars aus Österreich. Doch wenn er heute nach einem Rennen im Zielraum steht, dann kommt es vor, dass ihm ehemalige Kollegen mitleidsvoll auf die Schulter hauen.
Jahrelang galt in Deutschland die Lehrmeinung, dass gute Rennläufer nur durch stupides Training zwischen den Torstangen aufzuziehen sind. Die Monokultur, so Flatscher, hat offenkundig zu einem Verlust essenzieller motorischer Abläufe geführt. Mal haben seine Profis bei der Kurvenfahrt amateurhaft die »Hüfte zu weit innen«, mal »sitzen die zu tief in der Hocke«. Flatschers Analyse ist erschütternd: »Denen
fehlt das Gefühl für Schnee.« Deshalb gehören zum Trainingsalltag der deutschen Ski-Elite nun Übungen aus der Wintersport-Grundschule: »Pflugbogen« und »Seitwärtsrutschen mit verdrehter Hüftposition«.
Sofortmaßnahmen wie diese haben dazu geführt, dass Martin Oßwald in ruhigen Minuten von »diesem positiven Trend« spricht. Gemeint ist damit zum Beispiel, dass der Abfahrer Stankalla in Val d''Isère auf einem Teilstück die zehntbeste Zeit herausgefahren hatte. Das Dumme ist nur, dass dieses Detail am nächsten Tag in keiner Zeitung steht. Dort hieß die Wahrheit vielmehr, dass Stankalla für die gesamte Piste am Ende über vier Sekunden länger benötigte als der Sieger Alessandro Fattori aus Italien. Und schon hat Oßwald wieder ein Problem.
Was die Alpinen brauchen, ist ein neuer Held. Denn längst haben sich die Kräfteverhältnisse im deutschen Winter verändert. Die neuen Stars im Schnee kommen aus der DSV-Abteilung Skisprung und heißen Sven Hannawald und Martin Schmitt. Selbst die einstige Randsportart Biathlon ist dabei, die Skirennläufer medial zu überholen. »Wenn wir die Wahl haben«, sagt ein ZDF-Mann, »dann fliegen die Alpinen aus dem Programm.«
Um den Skirennsport in Deutschland davor zu bewahren, als Auslaufmodell abgeschrieben zu werden, geht Oßwald ungewöhnliche Wege. Einen der renommiertesten deutschen Trainer, der vormals die DSV-Besten in Slalomtechnik geschult hat, zog er für die Talentsichtung in den örtlichen Vereinen ab: Franz Ringswandl hat auf der Suche nach einem kleinen Hermann Maier eine Menge Kilometer durch Allgäu, Chiemgau und Berchtesgadener Land hinter sich gebracht. Doch neulich traf sich der Trainerstab in München, um den Zwischenstand zu besprechen. Weit und breit, vermeldete Ringswandl, sei kein Hoffnungsträger zu sehen: »In den nächsten zwei bis drei Jahren kommt da nichts nach.«
Wie also über die Zeit kommen? Im Februar stehen die Weltmeisterschaften in St. Anton auf dem Programm, und bis zu den Olympischen Spielen in Salt Lake City ist es auch nur noch ein gutes Jahr hin - zwei gute Gelegenheiten, sich zu blamieren.
Bislang ist es nur ein familieninterner Sieg, der Oßwald Anlass zu Hoffnung gibt. Seine Tochter, einst Riesenslalom- und Slalom-Spezialistin im C-Kader, wechselte vor Jahren genervt vom stupiden Trainingsalltag ins Lager der Snowboarder. Seit der Vater wieder in der Heimat arbeitet, steht sie wieder auf Ski. GERHARD PFEIL
* Nach Markus Wasmeiers Olympiasieg in Lillehammer 1994.