Das wird einer
Zwei Jahre nach dem Rücktritt tauchte Fußball-Weltmeister Gerd Müller erstmals im Trainingslager der bundesdeutschen Nationalmannschaft auf. »Du kannst sofort dein altes Trikot haben«, rief ihm der Zeugwart zu. Doch Müller wollte nur seinen Nachfolger Klaus Toppmöller, 24, sprechen: »Wo ist der Toppi?« Einen Tag später kam Ehrenspielführer Fritz Walter mit »dem gleichen Begehren ins Quartier.
Noch nie hatte ein Neuling in der Nationalmannschaft so viele prominente Fürsprecher. Sogar CDU-Kanzlerkandidat Kohl, oft in Kaiserslautern Ehrengast auf der Tribüne, wenn Toppi Tore schießt, sandte Grüße zum Einstand in der Nationalmannschaft.
Prompt ging der Fußballfreund vom Dienst bei der SPD. Hermann Schmitt-Vockenhausen auf Gegenkurs: »Aus dem Toppmoller wird nie ein Topp-Müller.« Dabei hatte der Mittelstürmer des 1. FC Kaiserslautern zum 2:0-Sieg über Spanien am vorletzten Wochenende ein Tor beigesteuert.
Auch die Presse mäkelte über den Neuling: »Zu langsam«, befand »Bild«, »keine Offenbarung«, meldete der Kölner »Express«. Bundestrainer Helmut Schön (Spitzname: der Lange) will jedoch an dem mit 1,85 Meter fast ebenso langen Sturmführer auch für die Endrunde um die Europameisterschaft Mitte Juni in Jugoslawien festhalten. »Toppmöller hat gut mitgespielt, es fiel nur nicht so auf, weil die anderen diesmal besonders gut gespielt haben.«
Tore hatten bei ihrem Länderspiel-Einstand einst nicht einmal Uwe Seelen und Gerd Müller erzielt. Seeler mußte nach zwei 1:3-Niederlagen der Nationalmannschaft zu Hause bleiben. Auch Gerd Müller fehlte nach der Premiere in der Länderelf dreimal. Erst dann schoß er in einem Heimspiel die ersten Tore; vier gegen Außenseiter Albanien. »Im ersten Länderspiel hatte ich sogar ein paarmal über den Ball getreten, das ist dem Toppi nicht passiert«, urteilt Müller über Toppmöller.
Tore von Toppi gab es schon zu Hause in Rivenich an der Mosel. Zwei Jahre lang ließ dann der benachbarte Regionalligaklub Eintracht Trier den Sohn des Rivenicher Krugwirts Tore für Geld schießen.
Eines Tages prüfte Willi Müller, Vorsitzender des 1. FC Kaiserslautern. den Torjäger im Abseits. »Zu hüftsteif für die Bundesliga«, warnten Fachleute. Doch Vorsitzender Müller entschied: »Das wird einer.«
Inzwischen meldeten auch andere Bundesligaklubs Ansprüche an. Bedingung: Toppmöller, der Versorgungstechnik studierte, sollte aufs letzte Semester verzichten und sofort die Torversorgung abstiegsbedrohter Vereine in Stuttgart oder Offenbach übernehmen. Kaiserslautern bot eine Alternative an: Das letzte Semester auf Vereinskosten und dann nur noch Torjagd.
In der ersten Bundesligasaison schoß Toppmöller 21 Tore für Kaiserslautern, nur Gerd Müller und Münchengladbachs Nationalspieler Jupp Heynckes trafen besser. »Ich kopiere niemanden«, verrät Toppmöller. »Das führt zu nichts.« Sein Trainer Erich Ribbeck präzisierte die Vorzüge des Torjägers: »Er kann mit beiden Füßen hart schießen, ist auch mit Kopfbällen gefährlich und hat viel Übersicht.«
Bayern Münchens zurückgetretener »Bomber der Nation« Gerd Müller lernte den Konkurrenten unlängst im Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern kennen. Bayern führte 3:1, Müller hatte kein Tor geschossen, Toppmöller eins. In der zweiten Halbzeit schoß Toppmöller noch zwei Tore und bereitete ein drittes vor. Kaiserslautern siegte 4:3. Müller erklärte: »Das wird mein Nachfolger.«
Seit Müllers Rücktritt nach dem siegreichen WM-Endspiel 1974 hatte Bundestrainer Schön acht Mittelstürmer ausprobiert, nur einer gefiel, der Duisburger Ronald Worm. »Torjäger kann man nie genug haben«, sagte Schön. Zum ersten Europameisterschaftsspiel gegen Spanien in Madrid nahm er Toppmöller mit. Doch dort durfte der graduierte Ingenieur nur die Mannschaftskoffer tragen.
Zum Rückspiel bot Schön Toppmöller auf. Der Neuling büßte in der halben Stunde vor dem Anpfiff fast das von den Fürsprechern Müller und Walter aufgepäppelte Selbstvertrauen ein. »Als draußen Schunkelmusik ertönte, wäre ich lieber fortgerannt.«
Im Spiel verspürte Müllers Schützling noch mehr Ungewohntes: »In Kaiserslautern kommen die Bälle meist hoch vor das Tor, in der Nationalmannschaft wird flach gespielt.«
Der nächste Gegner Jugoslawien vermag Toppmöller nicht zu irritieren. »Gegen Hajduk Split, das ja sieben Spieler der jugoslawischen Nationalmannschaft stellt, haben wir mit dem 1. FC Kaiserslautern mal 1:2 verloren. aber ich habe das Tor geschossen.«
Das erste Länderspiel ("Zwei Tage danach hatte ich ein dickes Knie") ist für Toppmöller zugleich die beste Geschäftswerbung gewesen. Am 1. Juni eröffnet er mit einem Kompagnon ein Ingenieurbüro in Kaiserslautern. »Ich selbst aber werde kaum im Laden sein, die nächsten fünf Jahre arbeite ich nur auf dem Fußballplatz.«