Der Code der Gewinner - DER SPIEGEL
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FUSSBALL Der Code der Gewinner

Computeranalysen und sportwissenschaftliche Erkenntnisse verändern das Spiel und die Arbeit der Trainer - und sie werfen die Frage auf, ob es vielleicht doch eine unbekannte Ordnung gibt hinter dem Getümmel auf dem Rasen.
• aus DER SPIEGEL 11/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Netzer kam aus der Tiefe des Raums, und Buschmann versuchte sie zu erkunden. Am Abend des 29. April 1972 hatte die deutsche Nationalmannschaft zum ersten Mal in England gewonnen, und die Wissenschaft wollte den historischen Sieg ausforschen. Sie wollte genau verstehen, wie das Wechselspiel zwischen dem Libero Franz Beckenbauer und dem Spielmacher Günter Netzer funktionierte. Sie wollte eine Anatomie des Spiels entwerfen, also wurde gezählt: Wer hatte den Ball zu wem gespielt? Wer die meisten Zweikämpfe gewonnen? Wie viele lange Pässe und wie viele kurze waren für den Triumph in Wembley nötig gewesen?

Die Strichlisten mit den Ergebnissen bewahrt Professor Jürgen Buschmann noch heute auf, sie sind Erinnerungsstücke an seine Zeit als Sportstudent. Buschmanns damaliger Dozent wollte einem der besten Spiele der deutschen Nationalmannschaft das Geheimnis entlocken. Er wollte das Genie des Teams an einem seiner größten Tage erklären. »Fertig waren wir mit der Auswertung gut zwei Jahre später«, sagt Buschmann und lacht. Die deutsche Mannschaft hatte mittlerweile die Weltmeisterschaft im eigenen Land gewonnen - ohne die Ergebnisse der Sportwissenschaftler.

Heute dauert es keine zwei Tage, bis Spieldaten vorliegen, die weit über Buschmanns alte Listen hinausgehen, denn Computerprogramme schlüsseln alle der gut 2500 Aktionen auf, die es während eines Spiels gibt. Doch erklären genauere Daten, Statistiken und Grafiken auch, was auf dem Platz passiert? Kann man das Geheimnis des Fußballs auszählen?

»Was wissen wir denn überhaupt genau über Fußball?«, fragt Hans Meyer. Der Trainer des 1. FC Nürnberg ist 64 Jahre alt und verfügt über fast vier Jahrzehnte Berufserfahrung. Wenn nicht er, wer dann sollte etwas darüber wissen?

Doch Fußball ist trotz seiner so einfachen Spielidee unglaublich komplex. Wenn 22 Spieler im Laufe von 90 Minuten auf dem rund 7000 Quadratmeter großen Platz einem Ball nachjagen, ergibt sich eine fast endlose Zahl von Möglichkeiten. Geduld, Finesse und Improvisation - der Fußball lebt vom Unkalkulierbaren, und niemand scheint eine genaue Vorstellung davon zu haben, was auf dem Platz entscheidend ist. Dennoch gibt es derzeit eine schleichende Revolution des Fußballs, nie zuvor wurde so eifrig geforscht und wurden mehr wissenschaftliche Erkenntnisse genutzt. Im Stillen hat ein Wettlauf darum begonnen, sich auf dem Platz einen Vorsprung durch Wissen zu verschaffen.

Der FC Sevilla zum Beispiel beschäftigt gleich zwölf der im Fußball so lange besonders skeptisch gesehenen Psychologen. »Sie gehören bei uns genauso zum Trainerteam wie Fitnesstrainer und Physiotherapeuten«, sagt Miguel Gómez, der die Gruppe leitet. Ganz selbstverständlich sind die Psychologen auf den Trainingsplätzen sogar mit dabei, wenn die Achtjährigen spielen. Noch weiter ist der AC Mailand mit seinem geheimnisumwitterten Milan Lab, in dem die Spieler regelmäßig sportmedizinischen,

biochemischen und psychologischen Tests unterzogen werden.

»Das Milan Lab ist unser großes Vorbild«, sagt Holger Broich, Leistungsdiagnostiker im Trainerteam von Bayer Leverkusen, einem Verein, der seine Spieler im Rahmen des Forschungsprojekts »Momentum« an der Deutschen Sporthochschule Köln untersuchen lässt. Vor Beginn dieser Saison und noch einmal in der Winterpause durchliefen sie eine umfangreiche Testserie, wozu auch ein Sehtest gehörte. Einige Spieler mussten danach zum Augenarzt. Differenzierte Muskelanalysen und 3-D-Bodyscans wurden gemacht, um Fehlhaltungen oder muskuläre Disbalancen zu ermitteln. Seitdem hat Coach Michael Skibbe das Training weiter individualisiert. »Schon nach dem ersten Retest gab es eine signifikante Verbesserung«, sagt Broich, der die Ergebnisse auch zu Forschungszwecken nutzt.

Vor allem Jürgen Klinsmann, der mit Fitnesstrainern, Psychologen und Spielbeobachtern arbeitete, hat Wissenschaftlern und Spezialisten die Tür zum deutschen Fußball geöffnet. Mirko Slomka macht derzeit sogar seine Vertragsverlängerung bei Schalke 04 mit davon abhängig, dass er wissenschaftliche Unterstützung bekommt. Der Trainer möchte die Zusammenarbeit mit dem Wuppertaler Bewegungswissenschaftler Jürgen Freiwald intensivieren, um sein Training auf dem neuesten Stand zu halten. »Ich habe ein Hochschulstudium absolviert und fühle

mich besser, wenn ich mich weiterentwickle«, sagt Slomka.

Was aber wirklich entscheidend dafür ist, ein Spiel zu gewinnen, das kann niemand sicher sagen. »Im Fußball werden Millionen ausgegeben, und wir wissen nicht einmal, ob ein langer Abschlag oder ein kurzer Abwurf des Torhüters zum Erfolg führt«, sagt der Sportwissenschaftler Roland Loy. Ende vergangenen Jahres erschien sein Buch über »Taktik und Analyse im Fußball«, zwei Bände mit über tausend Seiten. 17 Jahre lang hat Loy geforscht, 3000 Fußballspiele ausgewertet und stellt nun fest, dass sich kaum einer für seine Erkenntnisse interessiert. Vor Saisonbeginn etwa hat er alle Bundesligisten angeschrieben und ihnen Schulungen in Sachen Elfmeter angeboten. Nachweislich gibt es nämlich Schussvarianten, die deutlich erfolgsträchtiger sind als andere. Gemeldet auf das Angebot hat sich niemand, obwohl in der Bundesliga immer mehr Strafstöße verschossen werden.

Schon Franz Beckenbauer hat auf Loys Analysen bei der WM 1990 zurückgegriffen, inzwischen berät der 45-Jährige das ZDF, doch vor allem kämpft er gegen all die ungesicherten Behauptungen, die zu Wahrheiten erhoben werden. »Wie oft hat Rudi Völler gesagt, dass man bei der Flanke bis zur Grundlinie vorstoßen muss, um gefährlich vors Tor zu kommen, ohne dass es je bewiesen wurde?« Loy hat auch ermittelt, dass in nur etwas mehr als 40 Prozent der Spiele jene Mannschaft siegt, die mehr Zweikämpfe gewinnt, und beklagt die »Zweikampfgläubigkeit« im Fußball.

Loy würde gern erleben, dass im Fußball die Subjektivität von der Objektivität abgelöst wird. Bei der Aufarbeitung zumindest verlässt sich in der Bundesliga kein Trainer mehr nur auf sein Gefühl. Fast alle Erstligisten verfügen über Systeme zur Spielanalyse. Das Dortmunder Unternehmen Sports Analytics bietet Mitschnitte an, die anders als bei einer TV-Übertragung stets alle Feldspieler erfassen. Die Bilder werden digital aufgeschlüsselt, und die Kunden finden schnell die gewünschten Szenen, um das Verhalten ihrer Mannschaft oder des nächsten Gegners nach Ballverlust, bei Ecken und Freistößen zu überprüfen. Slomka schiebt den USB-Stick mit dem aufgezeichneten Spiel oft schon auf der Rückfahrt von einem Auswärtsspiel in seinen Laptop. »Ich kontrolliere, ob ich alles richtig gesehen habe, und bereite mich auf die Besprechung am nächsten Morgen vor.«

Die französische Firma Sport Universal Process bietet das Analysesystem »Amisco Pro« an, bei dem acht Kameras unterm Tribünendach angebracht werden, mit denen sich das Geschehen auf dem Spielfeld komplett erfassen lässt. Die Daten werden nach Abpfiff per Internet nach Nizza übertragen und dort aufbereitet, anderthalb Tage später liegen sie der Kundschaft vor. Wie transparent das Spiel von Fußballmannschaften dadurch wird, erkennt man in der Trainerkabine des SC Freiburg. Auf dem Schreibtisch von Volker Finke liegen Papierstapel voller Daten, 62 Seiten für jedes Spiel. Finke weiß genau, welcher Spieler wie viele Zweikämpfe bestritten hat oder wie lange die durchschnittlichen Pausen zwischen Momenten hoher Intensität

im Spiel waren. Sogar ein Soziogramm erstellt der Computer, das zeigt, welcher Profi welchen Kollegen wie oft angespielt hat. Das macht auch die Diskussion mit seinen Spielern einfacher, denn die Daten hebeln die, wie Finke es sagt, »Kritikverweigerungshaltung« aus. Sie hängen in der Kabine, jeder Profi kann nachsehen, was er geleistet hat.

»Amisco Pro« ist in Frankreich, Spanien und England weit verbreitet. Hierzulande benutzen es neben dem SC Freiburg noch die Erstligisten Bayer Leverkusen, VfL Wolfsburg und der Hamburger SV. Es ist relativ aufwendig, die Installation der Kameras und das Verlegen der Datenleitungen kosten rund 25 000 Euro, die Aufbereitung und Pflege der Daten pro Saison noch einmal rund 60 000 Euro. Bislang ist eine Aufbereitung nötig, weil auch der Computer in unübersichtlichen Spielsituationen nicht immer erkennt, wer am Ball war. »Einige unserer Kunden träumen aber davon, das Material schon zur Halbzeit zu haben«, sagt Jens Urlbauer, Geschäftsführer von Mastercoach, dem deutschen Vertriebspartner für »Amisco Pro«.

Vielleicht werden Trainer dann sogar mit Laptop auf der Trainerbank sitzen, wie man es im vergangenen Jahr bei der Hockey-WM sehen konnte. Oder sie werden wie beim American Football Headsets tragen, um sich in Echtzeit mit Daten versorgen zu lassen über die Abstände in der Viererkette.

Das russische »Ascensio System« verwandelt Videobilder in 3-D-Ansichten, die es dem Trainer erlauben, Spielsituationen auch aus der Perspektive seiner Profis zu betrachten. Und Tracab, ein Ableger des schwedischen Rüstungskonzerns Saab, benutzt ein System zur Bildverarbeitung, das sonst Raketen ins Ziel führt. 16 Kameras, die innerhalb von nur fünf Stunden aufgebaut werden, liefern die Daten zwar sofort, doch auch hier werden Spieler in unübersichtlichen Situationen nicht mehr präzise vom Computer erfasst. Deshalb gehören zur Kundschaft der Schweden bislang vor allem Fernsehsender, denen es mehr auf die Schnelligkeit als die Genauigkeit der Daten ankommt.

Wahrscheinlich wird es nicht mehr lange dauern, bis ein Anbieter alle Vorzüge zusammenfasst. Und dann? Werden wir den Fußball dann endlich verstehen? Professor Joachim Mester von der Deutschen Sporthochschule in Köln, der das »Momentum«-Projekt leitet, ist auf der Suche nach den geheimen Mustern des Spiels. In Zusammenarbeit mit IBM plant er, die Fußballdaten einem sogenannten Data Mining zu unterziehen. Dieses Verfahren wird an Börsen eingesetzt, um mögliche Insidergeschäfte zu erkennen, oder bei der Analyse von Wirkstoffwechselwirkungen von Medikamenten. Ziel ist es, in massenhaften Daten Zusammenhänge zu erkennen, die bislang unerkannt geblieben sind. »Früher hielten wir schließlich auch das Wetter für zufällig«, sagt Mester.

Vielleicht stoßen Sportinformatiker dabei sogar auf eine Ordnung im Zufall, der den Fußball bestimmt wie keinen anderen Mannschaftssport. Professor Martin Lames von der Universität Augsburg hat alle Tore analysiert, die bei der WM 2006 fielen, und fand heraus, dass bei 41,8 Prozent der Treffer die Schüsse abgefälscht wurden, Abpraller von Latte und Pfosten waren oder andere zufällige Elemente hineinspielten.

Vor allem aber will Lames dem Computer das Analysieren von Spielen beibringen. »Wir wollen aus der räumlichen Konstellation zu einer Situationsbewertung kommen«, sagt er. Dabei soll ein Verfahren zum Einsatz kommen, das Robotern hilft, variabel auf ihre Umwelt zu reagieren.

In zehn Jahren sollen die Computer so weit sein, im Moment spricht Lames vorsichtig von »Science-Fiction«. Denn zunächst muss ein Modell des Fußballs entwickelt werden, das Wertungen überhaupt ermöglicht. Lames Grundannahme: Man muss die Ordnung auf dem Platz stören, um ein Tor zu erzielen. »Spieler müssen etwas machen, womit der Gegner nicht rechnet«, sagt er, und kein Trainer würde ihm widersprechen. Die Störung der Ordnung kann durch taktische Vorgaben geplant geschehen oder spontan. Womit auch der Zufall seinen Platz in der Theorie hätte. Lames hofft, auf der Basis einer solchen Theorie einen Torgefahrindex entwickeln und dann ermitteln zu können, wodurch er ansteigt oder abfällt.

Vielleicht werden Computer also das wilde Durcheinander auf dem Platz in Datenketten verwandeln, an deren Ende so etwas wie die Weltformel des Fußballs steht. Oder es wird zumindest mal geklärt, ob ein langer Abschlag besser ist als ein kurzer Abwurf.

»Als Abfallprodukt könnten wir die Qualität der Spieler bewerten«, sagt Lames, und über etwas mehr Objektivität bei ihren Transfers würden die Vereinsmanager bestimmt nicht unglücklich sein. Schon heute spielen Ausdauer- und Sprintwerte bei Verpflichtungen eine Rolle, doch vor allem regiert die Intuition. Und beruht die nicht auf den gleichen ungesicherten Annahmen wie so vieles im Fußball?

Es gibt allerdings auch gesicherte Annahmen. Zum Beispiel die, dass im Fußball viele Tore nach sogenannten Standardsituationen fallen. Allerdings brauchte es dazu einen Redakteur des Fachmagazins »Kicker«, der sich in der Winterpause alle Bundesligatore der Hinserie anschaute und klassifizierte. Das Ergebnis seines Data Minings in Handarbeit: Jedes dritte Tor fällt nach einem Freistoß oder einem Eckball.

Ralf Rangnick verblüfft, dass es so viele sind. Früher hat er den FC Schalke 04 trainiert, heute arbeitet er beim Drittligisten TSG Hoffenheim, der als eine Art Labor für den Fußball von morgen gilt. Der Club wird von dem Software-Unternehmer Dietmar Hopp unterstützt und beschäftigt nicht nur den Psychologen Hans-Dieter Hermann aus Klinsmanns Trainerteam, sondern auch Bernhard Peters, der im vergangenen Jahr mit dem deutschen Hockeyteam die Weltmeisterschaft gewann. TSG-Manager Jan Schindelmeiser sagt: »Wir wissen so wenig und wollen so viel dazulernen.«

Das ist auch nötig, nicht nur in Hoffenheim. »Wir alle verwenden zu wenig Zeit auf die Standardsituationen«, sagt Rangnick. Von zehn Wochenstunden auf dem Trainingsplatz ist es selten mehr als eine. CHRISTOPH BIERMANN

* Die Farben kennzeichnen das Lauftempo, Gelb steht für langsam, Schwarz für Sprint.

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