FUSSBALL Der Missionar
Der Fotograf der örtlichen Boulevardzeitung lieferte vergangene Woche in seiner Redaktion ein Bilddokument ungeheuerlichen Inhalts ab: Ewald Lienen, sperriger und nach Einschätzung der einheimischen Bevölkerung auch etwas spleeniger Trainer des 1. FC Köln, stand da zwischen schunkelnden Jecken am Rosenmontagszug. Ein weltbilderschütternder Schnappschuss.
Als Westfale nach Definition des Kabarettisten Konrad Beikircher schon von Geburt ein »natürlicher Feind des Rheinländers«, musste sich Lienen in Köln bislang schlimmster Verdächtigungen erwehren - etwa der, ein Intellektueller zu sein. War der mutmaßliche Kauz plötzlich der kölschen Leichtlebigkeit anheim gefallen? Und des Frohsinns überführt? Lienen, 46, im Narrentrubel am Alten Markt - das ist, als hätte man Berti Vogts beim Kiffen erwischt.
Der »Kölner Stadtanzeiger« hatte den Coach zuvor allein schon deshalb als »Karnevals-Muffel« gerügt, weil er die Mannschaft vor dem wichtigen Heimspiel gegen den VfL Bochum nicht wie gewohnt im Stadthotel im Friesenviertel zusammenzog, sondern in der Sportschule Hennef kasernieren ließ. Lienen hatte in Erfahrung gebracht, dass in der Stammunterkunft an den tollen Tagen auch Kölns Dreigestirn nächtigen werde - und am Vorabend des Spitzenspiels unter demselben Dach eine Fastelovend-Party stattfindet.
Die Biografie des Ewald Lienen bedarf indes keiner Korrektur. Das fotografische Beweisstück von jenem Moment, da der Zoch kütt, zeigt nichts weiter als den FC-Trainer bei der Arbeit - nämlich bei der Feldforschung: »Um Köln zu verstehen, muss man mal beim Rosenmontagszug gewesen sein.« Eine gewisse ethnologische Neugier hatte schon der Mannschaftskapitän Dirk Lottner bei seinem Vorgesetzten festgestellt: »Unser Trainer ist sehr interessiert an fremden Kulturen.«
Seit seinem Amtsantritt im vorigen Sommer hat der Ostwestfale die Kölner Volksseele studiert, und er steht kurz vor dem Examen. Bald hat Lienen, ehemals bekennender »Öko-Sozialist« und noch als aktiver Bundesligaprofi Kandidat der »Friedensliste« bei der nordrhein-westfälischen Landtagswahl, den an seiner Mentalität krankenden Verein nicht nur durchschaut, sondern auch gleich revolutioniert.
Der verblüffte Vereinspräsident Albert Caspers, ehemals Vorstandschef bei Ford, sagt es so: »Er weiß mit der kölschen Lebensart umzugehen.« Mittlerweile hat dieser von missionarischem Eifer geprägte Umgang den Club in eine Position gebracht, von der aus die Rückkehr in die Bundesliga kaum noch zu verhindern sein wird: Vom vierten Tabellenrang, der am Saisonende nicht mehr zum Aufstieg berechtigt, trennen den Spitzenreiter aus Köln mehr als zehn Punkte.
Alles fing damit an, dass Lienen zum Dienstbeginn von einem Freund ein Kompendium geschenkt bekam. Die »Zehn kölschen Gebote« - von »Et kütt wie et kütt« (Es kommt, wie es kommt) bis »Et hätt noch immer jotjejange« (Es ist noch immer gut gegangen) - trug er fortan wie ein Vademekum durch die Stadt.
Schnell wurde ihm klar: Bei diesen Lehrmeinungen handelte es sich um jene Weltanschauung, an der das Urmitglied der Bundesliga fast zu Grunde gegangen wäre. Sein zwischen Selbstgefälligkeit und Schicksalsergebenheit schwankendes Unverwundbarkeitsdenken führte das »Real Madrid des Westens«, wie sich der sendungsbewusste FC noch im Abstiegsjahr 1998 in einer Jubiläumsfestschrift nannte, in die sportliche Bedeutungslosigkeit. Über Jahre, erkannte Lienen, sei »einfach zu viel Unsinn verbreitet worden«.
Dazu gehörte der Irrglaube, der einstmalige Vorzeigeclub habe sich qua Tradition ein Recht auf Erfolg erworben. Immerhin hatte in den sechziger Jahren sein damaliger Präsident Franz Kremer den Amtskollegen vom FC Bayern München empfangen, um ihn in die Geheimnisse des Profifußballs einzuweihen. Jürgen von Einem, bis vor kurzem Sportbeauftragter der Bayer AG im benachbarten Leverkusen, nannte die Haltung »das aristokratische Symptom: leistungsunabhängige Überlegenheit«.
Für den neuen Cheftrainer, den zehnten seit 1990, fiel das willkommene Stichwort nach einem lokalen Testspiel. Der FC, bemerkte Lienens Kollege vom rechtsrheinischen Amateurclub SCB Preußen arglos, steige ganz sicher auf - denn er gehöre »einfach in die Bundesliga«. Da schäumte der zugereiste Verkünder: »Niemand« gehöre ganz einfach in Liga Eins - »mit diesem Denken ist der FC ganz einfach dahin gekommen, wo er ist«.
Diese Einsicht muss der Fangemeinde wie ein Kulturschock vorgekommen sein. Denn auch auf den Fußball bezogen galt für den Kölner von jeher die oberste Regel aus dem rheinischen Thekenkodex: »He stonn die die immer he stonn« - hier stehen die, die immer hier stehen. Und zwar, was den FC angeht, an der Spitze.
Lienens sonderbare Weisheit, wonach man sich Erfolge »erst erarbeiten und verdienen muss«, hat den hoch talentierten Dirk Lottner, aufgewachsen im Arbeiter-Stadtteil Zollstock, »total wachgerüttelt«. Dank empfohlener Trennkost nahm er mehr als drei Kilogramm ab, auch Zigaretten rührt er nicht mehr an.
Der letzte Trainer, der FC-Profis derart Gewinn bringend in preußischer Berufsauffassung unterwies, war in den späten Siebzigern der Rheinländer Hennes Weisweiler - ein autoritärer Knochen, der seine Zöglinge 1978 zu Meisterschaft und Pokaltriumph trieb. Nach den Ovationen, die seinem Geistesverwandten bei der Jahreshauptversammlung Anfang Dezember entgegenschlugen, notierte die Lokalpresse sogar: Selbst ein Weisweiler sei »nie so euphorisch empfangen worden« wie Lienen.
In der Domstadt kam die Doktrin des Trainers besonders auf der Kanzel an. Pfarrer Ivo Masanek pries Lienens Überzeugungsarbeit in seiner Weihnachtspredigt: »Ein Mensch, der Demut und Bescheidenheit sät, wird Erfolge ernten.«
Orthodoxe Lienen-Anhänger fanden sich bald auch in der Mannschaft. Claus-Dieter Wollitz gefiel, dass sein Trainer »das Menschliche reingebracht« habe. Lottner meidet jetzt »überhebliche Sprüche«, weil der Trainer »die Euphorie bändigen will«.
Das ging so weit, dass Lienen im Einklang mit Sportmanager Hannes Linßen, der »zu viel positive Berichterstattung« fürchtete, die Öffentlichkeitsarbeit auf das Allernötigste reduzieren ließ.
Anlass waren voreilige Zeitungsserien über »die Helden des FC« und eine zwölfseitige Sonderbeilage ("Ihr packt es") zum Rückrundenstart. Als dann ein Hörfunkreporter die Ausführungen des Trainers als »zu lasch« empfand, kratzte sich Lienen am Nasenflügel und enttarnte die Bitte um eine Einschätzung der Aufstiegschancen als »Fangfrage«.
Es hat lange gedauert, bis die Zeit für einen wie Lienen reif war. Vereinschef Caspers führt den FC seit Ende 1997 nach dem Trial-and-Error-Prinzip. Anfangs wollte er noch einen Beraterstab um den verantwortungsscheuen Ex-Helden Wolfgang Overath installieren. Später war er froh, dass sich der Altstar, der nach bewährtem Klüngel-Prinzip die Berufung des früheren Weggefährten Harald »Toni« Schumacher zum Trainer nahe gelegt hatte, aus allen Gremien verabschiedete.
Caspers verpflichtete den gewissenhaften Übungsleiter Lorenz-Günther Köstner. Der bodenständige Franke wurde »Pater Leppich« genannt, weil er Volksreden in byzantinischer Länge über »viel, viel Feuer und Herzblut« hielt. Von den Einflüsterern des Vorstands als »Zweitliga-Trainer« bespöttelt, setzte Caspers den uncharismatischen Prediger in jenem Moment ab, da der FC wirklich in die Zweite Liga gestürzt war.
Nachfolger Bernd Schuster redete am Ende seines einjährigen Gastspiels praktisch gar nicht mehr: Caspers Wunschcoach, der das gebotene Weltflair zurückbringen sollte, hielt die Bemühungen seiner Eleven gelegentlich für »Zeitverschwendung«.
Das war die Phase, in der der klamme Club die Leasingraten für jenes Kurierfahrzeug nicht mehr zahlen mochte, das den Geißbock ins Stadion brachte. Und es war der Nährboden für die nüchterne Arbeitsethik eines Ewald Lienen: »Wir haben hier angefangen, eine neue Philosophie zu installieren.«
Natürlich sind sich die kölsche Gemütlichkeit und Lienensche Ernsthaftigkeit fremd. Aber weil das so ist, scheint der ehemalige Linksaußen jetzt genau der Richtige. So sieht Aufklärer Lienen auch die Zahl seiner Verbündeten wachsen. In der ersten Etage des Clubheims am Stadtwald sitzt seit vier Monaten der Hauptgeschäftsführer Claus Horstmann und schmiedet Marketing-Pläne. Er will »die Hochnäsigkeit aus den Köpfen rausbringen«.
Zwar verwechselt der ehemalige Manager eines norddeutschen Ferienparks bei der morgendlichen Begrüßung den sambischen Abwehrspieler Moses Sichone schon mal mit dem nigerianischen Mittelfeldmann Pascal Ojigwe - weiß jedoch ganz genau, was »unser Key Business ist«. Nämlich Fußball. So hat er das Fanartikelgeschäft in die Obhut einer DaimlerChrysler-Tochter nach Stuttgart ausgelagert und die ehrwürdige Clubgaststätte, die »dringend ein Facelifting« brauchte, einem Pächter überlassen.
Außerdem sucht er Investoren für den Neubau einer vereinseigenen Fußballarena, die 150 Millionen Mark kosten soll. Wegen der Planungssicherheit, sagt Präsident Caspers, sei in diesem Zusammenhang der frühzeitig entschiedene Bundesligaaufstieg noch im April »ungeheuer wichtig«.
So viel Zeitdruck muss Lienen aushalten. Der Vorstand hatte ihm beim Einstellungsgespräch versprochen, man sei wild entschlossen, »ein seriöser Verein zu werden«. Lienen, zunächst »aus der Entfernung skeptisch«, hat seinen Arbeitgeber beim Wort genommen - auch auf dem Feld der Öffentlichkeitspolitik, bei der er eher knausert. Weil er keiner sei, der gern »jeden Tag provozierende Thesen in die Blöcke diktiert«, ist er dankbar, dass sich die Lokalpresse selbständig bei der Themensuche bedient.
Wenn die Zeitung also seine Frau Rosi ziemlich frei zitiert, ihr »toller Mann, der FC-Trainer« könne nach einer verlorenen Rommee-Partie schon mal »brüllen wie ein Ochse«, regt ihn das genauso wenig auf wie der Wirbel um sein hellblaues Hemd. Seit Spätsommer greift er vor jedem Spiel, einem Glücksbringer gleich, zum selben Designer-Modell. Und als die Siegesserie nicht enden wollte und die Außentemperatur empfindlich frisch wurde, kam er nicht mehr raus aus der Nummer.
Vom Teamarzt ließ er sich beraten, wie viele Unterhemden nötig sind, um das »kölsche Kultur-Objekt« ("Express") auch bei Eiseskälte zur Schau zu stellen, ohne dass es von einer wärmenden Jacke verdeckt werden muss. Nun erzählt das Boulevardblatt täglich »Neues vom Hemd«, Kopien gelangten für 69 Mark das Stück in den Fanartikelverkauf.
Lienen weiß: Solange sein bloßes Outfit die Verehrer entzückt, sind keine weiteren Kulthandlungen nötig. Und wenn das Volk dafür seine Spieler in Ruhe lässt, mimt der einstige Anti-Held, der als Profi in Bielefeld, Mönchengladbach und Duisburg den Fans aus Überzeugung Autogramme verweigerte, sogar selbst den Star. Inzwischen läuft er Ehrenrunden vor dem Anpfiff - weil »der Fan das Allerwichtigste« sei.
Lienen wehrt sich gegen die neumodische Erkenntnis, wonach das Geld der Zuschauer nur noch einen geringen Teil der Vereinseinnahmen ausmache: »Jede Mark, die in den Fußball fließt, kommt doch nur wegen des Interesses der Zuschauer.«
Sein Publikum zu bedienen versteht er wie lange keiner mehr in Köln. Weil es alle hören wollten und um »kein Sakrileg« zu begehen, gab er der Mannschaft über Karneval zwei Tage frei - nicht ohne jedoch davor zu warnen, sich »mit Genussgiften zu umnebeln«. Zur Präparation auf die stimmungsvollsten Tage hatte sich der Verstandesmensch Lienen in seiner Innenstadt-Wohnung zwei Compact Discs mit kölschem Liedgut vorgespielt. Und wenn dann im Stadion »et Trömmelche jeit«, wie es in einem der einprägsameren Hits heißt, huldigt er rhythmisch klatschend dem Fanblock.
Was er von derlei kölschen Umtrieben wirklich hält, hat er in seinem ersten Erfahrungsbericht von der traditionellen FC-Karnevalssitzung angedeutet: »Mehr oder weniger kostümierte Mitbürger sitzen sich gegenüber oder bewegen sich vereinzelt.«
Ein Karnevalsorden wird ihm mit solchen Bemerkungen sicher nie verliehen. Wohl schon deshalb, weil sie Humor verraten. JÖRG KRAMER