Der Musterknabe - DER SPIEGEL
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Stuck Der Musterknabe

Viele Autorennfahrer kamen nicht dazu, Familien zu gründen – sie starben vorher. Weltmeister Jackie Stewart rät seinen Söhnen ab, Rennfahrer zu werden. Anders Hans Stuck: Er managt seinen Sohn.
• aus DER SPIEGEL 19/1974
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zwischen Sao Paulo und Brasilia geriet der schwere BMW in dichten Regen. Als die Scheibenwischer aussetzten, rief der Beifahrer: »Halt an, ich bring das in Ordnung.« Doch Fahrer Hans-Joachim Stuck, 23, gab Gas: »Da muß man nur 100 Sachen schneller fahren.« Es stimmte. Bei Tempo 230 rann das Wasser links und rechts von der gekrümmten Windschutzscheibe ab.

Tage zuvor beim Großen Preis von Argentinien hatte schon die Rennfahrer-Elite in der Formel-1-Klasse über Stuck gestaunt. Unter 24 Wagen als einer der letzten gestartet, überholte der Grand-Prix-Neuling schon in der ersten Runde fünf Konkurrenten. Meist quer durch die Kurven schleudernd, arbeitete er sich bis zur 32. von 53 Runden an die elfte Position vor. Dann zerfetzten die Reifen, die Kupplungsseile rissen. Stuck schied aus. »Am besten ist, ich werde Skilehrer«, maulte er.

Doch eine Woche später beim Großen Preis in Brasilia saß er wieder in seinem March 741 mit BMW-Motor. Abermals schob er sich in den Kurven innen und außen an den Rivalen vorbei. Einige rutschten vor Schreck von der Piste. Diesmal erreichte Stuck das Ziel -als Siebter. Die Veranstalter, immer erfreut über Draufgänger, die den Zuschauern zusätzliche Spannung verheißen, überreichten Stuck den »Prix de rouge et blanc« (Branchenjargon: »Kamikaze-Orden«) für den mutigsten Kämpfer. Ex-Weltmeister Denis Hulme erkundigte sich; »Gab's nicht schon mal so einen?«

Die Erinnerung trog nicht. Zwischen 1922 und 1962 hatte der Vater, Hans Erich Stuck, 512 Autorennen gewonnen und 28 Weltrekorde aufgestellt, 50 1936 auf einem Auto-Union-Renner mit 312 km/h. Legendären Ruf errang der Sohn eines Fabrikbesitzers und einer Reichsfreifrau von Villiez in waghalsigen Bergrennen. Noch zehn Jahre nach der Geburt von Hans-Joachim ("Striezel") Stuck gewann der Vater, 60jährig, seinen letzten Bergtitel.

Derweil übte Sohn Striezel auf einem vom Vater geschenkten Go-Kart hinter dem Stuck-Haus in Grainau, unmittelbar am Fuß von Deutschlands höchstem Berg, der Zugspitze. Dort hatten US-Pioniere durch einen kleinen Tannenforst enge Waldwege gefräst. Die Stucks präparierten das Labyrinth von Bäumen und Schneisen als Trainingskurs. Mit 16 Jahren schon erwarb Stuck junior den Führerschein, mit 18 fuhr er die ersten Autorennen – meist allerdings weit vor dem Ziel ausscheidend. Der Vater blieb zuversichtlich: »Der wird noch einmal Weltmeister.«

Jahre später, 1973, nach dem Sieg im Sechsstundenrennen auf dem Nürburgring, mutmaßte auch Frankreichs Sportzeitung »L'Equipe«: »Er kann in die Fußstapfen der großen deutschen Rennfahrer Caracciola, Lang, Rosemeyer und Stuck senior treten.« Mittlerweile ließ der Vater schon 250 Silberpokale einschmelzen und zu Tischplatten umarbeiten, um Platz für die Preise des Sohnes zu schaffen. Im Stuck-Haus garnieren Rennpreise sogar das Klo.

Nur einmal zuvor hatten in der Grand-Prix-Elite Vater und Sohn Aufsehen erregt. Der Italiener Antonio Ascari fuhr nach dem Ersten Weltkrieg einige große Rennen, ohne je eines zu gewinnen. Beim Grand Prix von Frankreich verunglückte er 1925 tödlich. Sohn Alberto wurde zweimal Weltmeister, ehe er 1955 umkam.

Die ständig steigende Todesziffer – mehr als 100 Grand-Prix-Fahrer starben in den letzten 50 Jahren – verhinderte die Gründung von Fahrer-Dynastien. Viele, wie der Deutsche Graf Berghe von Trips oder der Schotte um Clark, starben kinderlos. Andere, wie der schottische Weltmeister Jackie Stewart, wollen ihre Söhne lieber Golfspieler werden lassen.

Stuck, der in seinen vier ersten Formel-1-Rennen um die Fahrer-Weltmeisterschaft (1974 insgesamt 15 Läufe) schon zweimal in die Punktwertung kam, was bislang nur wenigen gelungen ist, muß jetzt auf einige WM-Rennen verzichten. Denn oft überschneiden sich die Renntermine der Formel 1 und der Formel 2 (Fahrer-Europameisterschaft), in der Stuck schon zwei Läufe gewonnen hat und in der Gesamtwertung führt.

Die Vollbeschäftigung verdankt er seinem Vater, der den englischen March-Chef Max Mosley überredet hatte, seinen Sohn zu engagieren. So blieben Stuck die riskanten Wettfahrten in der Anfängerklasse Formel V und später in der Formel 3 erspart. »Er hat gutes Blut«, murrte der Engländer Derek Bell, der nur zweiter Mann im Mosley-Team ist. »Und er hat eben Beziehungen.«

Anders als die meisten Spitzenfahrer meidet Stuck Parties ebenso wie Barbesuche. Spätestens um 22 Uhr geht er auf sein Zimmer und telephoniert mit seinem Vater, auch aus Brasilia oder Johannesburg.

In der Rennfahrerfamilie besorgte sich CSU-Chef Franz Josef Strauß Tips zum Erwerb des Flugscheins. Seitdem hält sich Stuck jun., im Banne der »Energiekrise, mit der die Brandt-Regierung überhaupt nicht fertig wird«, an die Strauß-Politik. Er wählt nicht nur CSU, sondern klebte am vorletzten Sonntag in Madrid beim Großen Preis von Spanien unter den Namenszug »H. J. Stuck« auf das Chassis noch die Inschrift »Freistaat Bayern«.

Aber auch im Rennen fiel der Musterknabe wieder auf. Nach zehn Runden merkte er als erster, daß der Regen aufhörte. Sofort preschte er an die Boxen und ließ sich statt der Regenreifen profillose Pneus aufziehen. Als bald darauf die übrigen Fahrer zum Reifenwechsel vorfuhren, behinderten sie sich gegenseitig. So lag Stuck plötzlich an 3. Stelle. Stuck vermied es, die besseren Ferraris vor sich zu jagen, und versuchte, materialschonend das Ziel zu erreichen. Da schob sich noch Ex-Weltmeister Emerson Fittipaldi vor den Deutschen auf den dritten Platz.

Stuck protestierte: »Der dritte Platz gehört mir, Fittipaldi war zweimal an den Boxen. Da sind die Runden falsch gezählt worden.« Doch der abendliche Anruf beim Vater trug ihm die lapidare Rüge ein: »Halts Maul.«

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