DFB-Torfrau Angerer 100 Länderspiele? Na und!
Für Michael Ballack bleibt es eine unerfüllte Sehnsucht, für Nadine Angerer ist es nichts Besonderes. "Ich wusste bis vor kurzem überhaupt nicht, dass ich gegen Nigeria mein 100. Länderspiel bestreite", sagt die deutsche Torfrau. Bei anderen wäre ein solcher Satz vermutlich pure Koketterie. Angerer dagegen glaubt man das. Die 32-Jährige, die am Donnerstag beim Vorrundenspiel gegen den Afrikameister in Frankfurt (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ihr Jubiläum zwischen den Pfosten feiert, hat an manchen Dingen kein gesteigertes Interesse. Fußballstatistik gehört dazu.
Eine dreistellige Länderspielzahl - das haben im aktuellen Aufgebot nur Angerers Frankfurter Vereinskolleginnen Birgit Prinz (213), Ariane Hingst (173) und Kerstin Garefrekes (127) vorzuweisen. Alle vier standen schon bei den WM-Triumphen 2003 und 2007 im Aufgebot. Gemeinsam mit Inka Grings und Martina Müller, beide ebenfalls jenseits der 30 Jahre, sind sie die Generation der Erfahrenen im deutschen Team.
Als Angerer sich in den achtziger Jahren für den Fußball entschied, da war ihre elf Jahre jüngere Teamkollegin Kim Kulig noch nicht geboren. Frauen und Fußball - das war damals noch lange nicht so selbstverständlich wie heute. Man kann sagen: Fußballspielen war für sie ein Statement - bewusst die Sportart zu wählen, die eigentlich den Jungs vorbehalten war.
DFB-Frauen: Neids Luxusproblem
Bajramaj ist der klassische Gegenentwurf
Mit der Lebenswelt der heute 20-Jährigen im Kader, die sich in der Werbung als attraktive junge Frauen vermarkten, hat Angerer wenig gemein. Die Torfrau zelebriert seit vielen Jahren ihr Anderssein in der Öffentlichkeit. Dass sie sich ihre Möbel vom Sperrmüll holt, jahrelang mit einem alten VW-Bus durch die Gegend gefahren ist, das WG-Leben einem schicken Apartment vorzieht - das sind die Geschichten, die Angerers öffentliches Bild ausmachen und die sie selbst offensiv nach außen transportiert.
Angerer würde sich nie selbst als "Tussi" bezeichnen, wie es Angreiferin Fatmire Bajramaj mit einem Hauch Selbstironie getan hat. Bajramaj mit ihrer Vorliebe für Haarspray und Fotoshootings ist so eine Art klassischer Gegenentwurf zu der Torfrau.
"Das Thema jung gegen alt gibt es bei uns nicht", hat die erfahrene Hingst dieser Tage gesagt. Dies sei lediglich ein Versuch, "eine Art Konflikt zu konstruieren". Tatsächlich ist das Miteinander der Angerers und Hingsts auf der einen, der Bajramajs und Kuligs auf der anderen Seite reibungsfrei. Was aber vor allem daran liegt, dass die Führungsrolle, die Prinz und Angerer für sich beanspruchen, von den Jüngeren zurzeit noch ohne Einschränkung anerkannt wird.
Generationswechsel vollzieht sich langsam
Der Generationswechsel - er vollzieht sich bei dieser Weltmeisterschaft, aber er vollzieht sich langsam. Der knappe Sieg im Auftaktspiel gegen die Kanadierinnen (2:1) hat deutlich gezeigt, wie unverzichtbar Garefrekes Erfahrung noch ist, wie sehr die Ruhe gebraucht wird, die Angerer auf ihre nicht immer sicheren Vorderleute in der Verteidigung ausstrahlt. "Nadine ist jederzeit in der Lage, einen unhaltbaren Ball zu parieren", sagt Bundestrainerin Silvia Neid. Zudem sei sie ein "wunderbarer Charakter, ein toller Typ mit einer riesigen Persönlichkeit".
Bei so viel Lob muss sich die Torhüterin um ihre Position in der Stammelf keine Sorgen machen. Angerer ist bei Neid die unumstrittene Nummer eins. Ursula Holl und Almuth Schult, die beiden Torfrauen dahinter, akzeptieren dies. Beide wissen, dass ihre Zeit noch kommen kann. Das Beispiel Angerer dürfte ihnen dabei Ermutigung sein.
Frauen-WM: Nigeria mit Problemen, Frankreich stark
Elf Jahre brauchte Angerer seit ihrem ersten Länderspiel, bis sie endlich Stammkraft im DFB-Team war. Elf Jahre hinter der großen Silke Rottenberg, die sowohl unter Bundestrainerin Tina Theune als auch zunächst unter deren Nachfolgerin Neid unangefochten war. Erst als sich Rottenberg kurz vor der WM 2007 verletzte, war Angerers Stunde gekommen. Ohne Gegentreffer und als Weltmeisterin beendete sie das Turnier. Für Rottenberg war das Thema Nationalmannschaft danach erledigt.
Erledigt ist seit dem Freistoßtreffer der Kanadierin Christine Sinclair aus der Auftaktpartie auch das Thema Null-Gegentor-Rekord für Angerer. Es war der erste Treffer, den sie in ihrer WM-Karriere kassierte. Man merkte der 32-Jährigen noch am Abend des Spiels an, dass sie das Ende dieser Serie eher erleichtert als belastet hat.
"Es war von Anfang an total unwahrscheinlich, noch einmal ein ganzes Turnier ohne Gegentreffer zu bleiben", hatte sie versucht, sich den öffentlichen Druck fernzuhalten. Dass sie vor dem Kanada-Spiel dennoch regelmäßig darauf angesprochen wurde, hat sie am Ende spürbar genervt. "Ich bin heilfroh, dass das Thema schon mal vom Tisch ist", sagt Abwehrspielerin Linda Bresonik, Angerers Zimmergenossin bei der Nationalmannschaft.
Nadine Angerer spricht gerne davon, sie könne sich vorstellen, nach Abschluss ihrer Karriere ein Backpacker-Hostel in Afrika aufzumachen. Auch Fatmire Bajramaj weiß schon, was sie nach dem Fußball tun will: Sie eröffnet einen Schönheitssalon.