CONNY RUX Die Karten logen
Die Presse und das Publikum sind schuld daran, motivierte Conny Rux am Donnerstag in München seine Unterschrift unter einen Vertrag, der ihn für zwei Jahre als Freistilringer an den Catcher-Veranstalter Rudolf Zurth bindet.
Zurth, bisher als Erfinder eines Patentaschenbechers und Autor zahlloser Gedichtchen hervorgetreten, hatte den größten Fang seines Promoterlebens gemacht: den seit seinem Titelkampf gegen Willi Schagen im Juli 1952 ungeschlagenen Europameister im Halbschwergewichtsboxen, den 26jährigen Conny Rux.
Rux ist der erste europäische Champion, der auf dem theoretischen Höhepunkt seiner körperlichen Entwicklung den Boxring mit der Catchmatte vertauscht. Diesen Wechsel hatten bis dahin nur abgetakelte Fighter riskiert:
* Verarmte oder altgewordene Boxer wurden auf die Catcher-Matte gezwungen: Kanada-Neger Larry Gains, 50, vor 25 Jahren k.o.-Sieger über Schmeling; Primo de Carnera, von 1933 bis 1934 Weltmeister im Schwergewicht.
* Boxer, die ihre Lizenz verloren hatten, suchten sich ein neues Metier: Jack Doyle, einst Irlands Schwergewichtshoffnung, und Peter Müller, beide durch zahllose Affären diffamiert.
* Berühmte Stars von einst und jetzt lassen sich als Catcher-Ringrichter ihre Namen hoch bezahlen: die Ex-Weltmeister im Schwergewicht Jack Dempsey, Jack Sharkey und Joe Louis sowie der gegenwärtige Champion Rocky Marciano*).
Sollen sich seine vielstelligen Freistilträume erfüllen, so muß Rux einen neuen Boxer-Catcher-Typ schaffen - den jugendlichen Helden, der aus matchdramaturgischen Gründen zunächst mancherlei Unbill erleidet, aber immer der guten Sache zum Siege verhilft.
Für Conny Rux sei das eine Kleinigkeit, behaupten die Berliner. Schauspielern
*) Vor drei Jahren sollte Max Schmeling als Ringrichter großer Berliner Catcher-Turniere fungieren. Schmeling ließ sich gegen Tagegeld einmal vorstellen und verzichtete dann dankend auf weitere Mitwirkung. könne er, seit er 1947 in einer RIAS-Matinee Klaus-Günter Neumanns Lied von dem Boxer sang, der einst ein Mägdlein liebte. In der Kunst des Zubodengehens habe er bei Belgiens Karel Sys drei Runden Nachhilfe bekommen.
Mit geradezu kleinstädtischer Klatschsucht war seinerzeit der Werdegang des Publikum-Lieblings Conny Rux in Berlin registriert worden, angefangen bei den ersten Erfolgen als Radfahrer, die ihm viele bunte Schleifen und nach einem Sturz ein gebrochenes Nasenbein eintrugen, bis zu seinem Debüt als Berufsboxer im Garten des Prater-Restaurants.
Connys erste Profi-Starts offenbarten vorwiegend Schwächen, aber Fachleuten war jeder neue Fight eine neue Offenbarung. Reaktionssicherheit, das Vermögen, einen angreifenden Gegner blitzschnell zu kontern, eine günstige Chance entschlossen auszunützen, das alles besaß dieser blonde Junge, der sich damals noch Conrad nannte.
Bei Altmeister Richard Naujocks ging Conny in die Lehre, dem kleinen, grauhaarigen Mann, der nach dem ersten Weltkriege durch seinen vernichtenden Punch Deutschlands Leichtgewichtler jahrelang beherrschte. Er war nicht der rechte Mann, um aus dem Talent den Meister zu formen. Pressezeichner Wassi, einst selbst Amateur-Boxer, brachte Rux von Naujocks zu dem Manager, mit dem Conny bis zum letzten Tag seiner Boxerkarriere verbunden blieb, zu Bruno Müller.
1948 stand Müller bei Rux in der Ecke und freute sich, als Conny in der fünften Runde Heinz Seidler zusammenpunchte, denn acht Jahre zuvor war Seidler den Managerhänden Müllers entglitten. Bruno Müller, der seinen Familiennamen wie »Miller« ausspricht, ist zwar ein ausgezeichneter Taktiker des Berufsboxsports, aber Stratege war Müller nie.
Ihm fehlt der Weitblick für große Entscheidungen. Sonst hätte er nicht am 26. April 1950 in Connys Namen auf den deutschen Halbschwergewichtstitel verzichtet, nur weil Rux seine Würde gegen den ungefährlichen Herbert Kleinwächter für eine Börse verteidigen sollte, die Müller wie Rux als Trinkgeld empfanden.
Rux und Müller trainierten damals in ihrer gemeinsamen Sportschule. Mitten im zerbombten Tiergartenviertel, auf dem Dach des unversehrten Hauses Bendlerstraße 11-14, dem ehemaligen OKH, schlugen sie einen Freiluftring auf. Sieben Stockwerke über der Stelle, wo die Exekutionssalven des 20. Juli das Mauerwerk zerfetzt hatten.
Noch verkehrten die beiden freundschaftlich - obwohl es Rux nicht gern sah, wenn sich Müller die Hälfte der gespendeten Prämien auszahlen ließ. Ihr Verhältnis änderte sich aber sofort, als Müller erfuhr, Rux heirate die gerade geschiedene Frau des Mediziners Dr. Rust, Ada Rust, geschiedene Weihmayr, geborene Tschechowa.
Ob Bruno Müller wirklich dafür verantwortlich gemacht werden kann, ist stets fraglich geblieben - unbestreitbar war die Pressekampagne gegen das junge Paar. »Ada ging nicht mit Conny zum Charlottenburger Standesamt, sondern mit der Hoffnung auf seine Börsen.« Das glaubten die Berliner.
Niemand sprach davon, daß auch die Boxer Max Schmeling (Anny Ondra) und Kurt Penzel (Fern Andra) mit Filmstars glücklich geworden waren. Als Beispiel angezogen wurde allenfalls Jack Dempsey, den die Heirat mit Estelle Taylor verweichlicht
und um den Weltmeistertitel gebracht hatte.
Conny Rux ließ sich, wie immer, leicht aus der Fassung bringen, obwohl doch jede Heirat eines jungen Sportidols mit einer älteren Frau willkommener Anlaß zu Lästereien und Verdächtigungen ist. Rux war trotz aller weltmännisch-philosophischen Tünche stets ein großer Junge geblieben. Er fühlte sich und seine Gattin ehrenrührig attackiert. Denn er allein wußte, daß ihm nach brüskem Auszug aus der Wohnung seiner Eltern außer einer Couch und einigen Sesseln kaum etwas geblieben war, und daß er kein Brautgeschenk für Ada hatte, die einen Teil ihres Schmucks versetzte, um die Hochzeit zu finanzieren. Nach der Hochzeit schrieb sie broschierte Romane, um ihren Teil zum Wirtschaftsgeld beizusteuern.
Jene jäh aufgerissene Kluft zwischen Boxer und Manager wurde nie wieder überbrückt. Um die Lästermäuler zu stopfen, erschien Rux mit Frau samt Müller mit Frau bei einer Boxveranstaltung.
Hinter den Kulissen aber prallten die Meinungen schroff aufeinander. In seiner chevaleresken Abwehrstellung übersah Conny Rux alle Warnschilder der Klugheit. Er verließ vor einem schweren Kampf das Trainingskamp, was nur noch die Meinung bestärkte: »Diese Frau wird Conny Rux ruinieren.«
In der Berliner Waldbühne nahm ein schon bei Vertragsabschluß unsinniger Fight das erwartete Ende. Gene Tiger Jones, ein schlaggewaltiger schwarzer Außenseiter, der in den USA ohne Chance geblieben und von Fred A. Kirsch*) nach Deutschland exportiert worden war, bereitete Rux die schlimmste Niederlage seiner Laufbahn. Ausgerechnet an diesem Tage verkauften Programmhändler die ersten Exemplare der dilettantischen Rux-Biographie »Ich schlage mich durch«. Nach dem Knockout schalteten die Ausschreier schnell um: »Conny Rux wird durchgeschlagen für eine ganze Mark!«
Ada Rux behandelte das verquollene Gesicht ihres Mannes durch Auflegen von rohem Fleisch. Als sie vom Metzger in der Berlin-Zehlendorfer Ihnestraße eine neue Auflage holen wollte, wurde sie von Bauarbeitern mit Steinen beworfen. Bei Adas nächstem Boxkampfbesuch war sie Ursache einer Schlägerei. Wenn sie das Haus verlassen mußte, tat sie es abends mit einem Tuch um den Kopf. Ada Rux war verfemt als vermeintliche Ursache eines sportlichen Debakels.
Boxer Rux hatte gegen Journalisten und Ringer Fußball gespielt, Kellner-Derbys gestartet und Seifenkistenrennen besucht. Vergeblich - für Publikumseffekte hatte der große Junge kein Verständnis.
Er bereitete den Umzug nach Bayern vor, den er gleichzeitig dementierte. Auf dem teuer bezahlten Grundstück in Winkel bei Berchtesgaden, getrennt von dem Berliner Wirbel und seinen Eltern, denen er gleichsam als Lösegeld ein Zigarrengeschäft gekauft hatte, lebte Conny Rux in einer Atmosphäre weltvergessener, primanerhafter Liebe, bestrebt, das höhere geistige Niveau seiner Gattin zu erreichen.
Je länger er Adas Hände hielt, je mehr er seine Muskeln durch Radfahrten auf den Bergstraßen verkrampfte, desto schlechter wurde Connys Form, weil er lockernde Waldläufe verabscheute, weil
*) Im Jahr darauf versprach Rux dem Kirsch 15 Prozent jeder Börse jeden Kampfes, den Kirsch ihm in England vermitteln könne. Rux hat nie zahlen müssen, denn Fred A. Kirschs vielzitierte Beziehungen reichten zu einer solchen Vermittlung nicht aus. er kein einsames Trainingskamp bezog, und weil er zum wichtigsten Mann kein Vertrauen mehr hatte, zu Bruno Müller, seinem Manager, Trainer und Chefsekundanten, der in seinem Restaurant in Berlin-Dahlem, Klee-Allee 54, mit Gästen Skat spielte, während Conny hinter der nächsten Tür am Sandsack schwitzte.
Connys boxerischer Höhepunkt hatte in der Frühsaison 1950 gelegen. New-Yorker und Londoner Fachblättern schien Rux reif für höchsten Meisterlorbeer. Jean Kreitz, Walter Neusel und den Amerikaner Lloyd Marshall, alte Träger berühmter Namen, hatte Conny ausgeknockt.
Die bittere Niederlage durch Gene Jones wurde zum Wendepunkt seiner Laufbahn. Nie wieder erreichte Rux die glänzende Form jener Zeit. Was folgte, war eine Kette verpaßter Gelegenheiten.
Das kühne Phantom eines Kampfes gegen Jersey Joe Walcott platzte. Box-Zar Jack Solomon war für den Londonfahrer Conny Rux nicht zu sprechen. Europameister Don Cockell, durch Solomon gestützt, wich seinem Herausforderer Rux Monat um Monat aus. Ein Niederschlag in der letzten Runde verpatzte Rux den Punktsieg über Neuhaus.
Als Conny nach des Herausforderers Cockell Verzicht endlich den Holländer Schagen im Kampf um die freie Europameisterschaft vor die Fäuste bekam, besaß er nicht mehr das ehrgeizige Fighterherz eines Weltmeisterschaftskandidaten. Zwar schlug Rux den Holländer in der 11. Runde k.o., doch innerlich hatte er sich vom Wesen seines rauhen Sportberufs längst weit entfernt. Die Karten logen, die ihm Erfolge prophezeiten. Warum, darüber diskutierte ganz Berlin.
Als unbekümmerten, forschen Jungen in ledernen Sepplhosen hatten die Berliner Conny Rux kennengelernt. Sie sahen in ihm ein Proletenkind, das sie sein ganzes Leben lang am Gängelband führen mußten, und verziehen ihm nie, daß er, statt irgendein Lieschen Müller aus Moabit, eine Filmschauspielerin geheiratet hatte.
Conny Rux gab dem Publikum nicht, was ihm nach dessen Meinung gebührte. Aus begeisterten Anhängern wurden unentwegte Gegner. Rux war kein Diplomat. Er gab offen zu verstehen, er boxe nur des Geldverdienens wegen. Nach dem enttäuschenden Kölner Punktsieg über den Italiener Tontini argumentierte Rux: »Kann ein Zuschauer für ganze 15 000 D-Mark Börse mehr verlangen?« Damit entfachte er eine Empörung, die schließlich so groß wurde, daß Conny Rux vor ihr kapitulierte. Er wurde Catcher und wählte eine Branche, die er noch wenige Wochen vorher als »unterste Stufe sportlichen Proletariats« bezeichnet hatte.
Von einem Sieg über Karel Sys hatte Rux die Riesenbörse einer dann fälligen Revanche gegen Neuhaus erwartet und damit die Sicherstellung der Zukunft für sich, Ada und ihren Sohn Mischa. Als Rux am 7. September 1952 die Berliner Waldbühne betrat, rührte sich keine Hand zum Applaus. Conny wurde leichenblaß. In diesem Augenblick wußten seine Freunde, der Kampf ist verloren. Karel Sys schlug Conny Rux in der dritten Runde k.o.
41 Tage später präsentierte sich Conny Rux, von Manager Müller und dessen Rechtsanwalt wegen seines Vertragsbruchs bombardiert, nach Verzicht auf seinen Europatitel erstmals als Catcher. Natürlich siegte Rux. Aber ringen kann er nicht. Den schüchternen Beifall im ausverkauften Münchener Zirkus Krone übertönten gellende Pfiffe.