FUSSBALL Die Königsmacher vom Rhein
Dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seinen Mitgliedern am Telefon Befehle erteilt, das war gestern. Heute ist es so, dass DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt abends um halb sieben den Funktionärskollegen vom Bundesligaclub Bayer Leverkusen wie verabredet im Mobilfunknetz erreicht, um zu hören, was der ihm aufträgt.
Es geht um einen Profifußball-Gipfel zur Krise der Nationalmannschaft; und dass sich solch ein Forum mittlerweile nicht mehr zwangsläufig in der Frankfurter Verbandszentrale treffen muss, ist in dem Telefonat schnell geklärt. Am Sonntagvormittag steige in der »BayArena« das Endspiel um die Deutsche A-Jugendmeisterschaft, erklärt Bayer-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser, wenn es also nachmittags ein Treffen geben solle, dann am besten »in der Nähe« von Leverkusen. Na schön, sagt der DFB-Mann und will schauen, was sich machen lässt.
Auch die Teilnehmerliste wird Schmidt von der Fußballabteilung des Bayer-Konzerns fernmündlich diktiert: Neben Vertretern des Deutschen Meisters Bayern München sähe Holzhäuser gern zumindest Hertha BSC und Borussia Dortmund eingeladen. Das findet er aus Leverkusener Sicht »taktisch klüger«, denn sonst »heißt es wieder: Die zwei Großen kungeln«.
Leverkusen und »groß«? Das mag anmaßend klingen, doch es entspricht den Realitäten. Aus dem ungeliebten Kind der Bundesliga-Familie - geschmäht als Plastikclub, beneidet von den Traditionsvereinen wegen seiner Alimentierung durch das Chemiewerk - ist ein Machtfaktor geworden, an dem keiner mehr vorbeikommt.
Deutlicher denn je war das vorige Woche zu erkennen, als im allgemeinen Geschnatter und hilflosen Taktieren um die Nachfolge von Teamchef Erich Ribbeck sich die Blicke schier flehend nach Leverkusen wandten, jener hässlichen Industriestadt zwischen Köln und Düsseldorf.
Dass der Schlüssel für eine nationale Angelegenheit wie die Bestallung des neuen Bundestrainers auf der rechten Rheinseite liegt, tut der Seele der Bayer-Riege hörbar gut. Auch wenn aus der Führungsperspektive »die Welt nicht einfacher« geworden sei, sagt Meinolf Sprink, Sportbeauftragter der Bayer AG, mit schelmischem Blick aus dem Werksgebäude »K 12« - »es ehrt uns, wenn der Trainer Christoph Daum so begehrt ist«.
Die Abhängigkeit vom Goodwill der Leverkusener hat sich der DFB bei der personellen Neuordnung freilich selbst zuzuschreiben. Monatelang blieb der weltgrößte Sportfachverband, der laut Paul Breitner »wie ein Dorfverein« werkele, seltsam inaktiv; eine Ausstiegsfrist, die Daum für die Nationalelf gewährt worden war, verstrich Ende März ungenutzt. Nach der Europameisterschafts-Havarie legte sich DFB-Unterhändler Gerhard Mayer-Vorfelder dennoch auf den inzwischen vertraglich gefesselten Daum fest.
So führte ausgerechnet der designierte DFB-Präsident den Verband noch weiter an die Kandare der Industrie. Bislang war der CDU-Politiker mehr durch scheinromantische Fensterreden aufgefallen, wonach sich die Clubs an die Geldgeber nicht »mit Haut und Haar verkaufen« sollten. Doch vorvergangenen Freitag fühlte sich »MV« gedrängt, mit Franz Beckenbauer im Schlepp, bei Bayer-Vorstand Manfred Schneider vorzusprechen. Die Antwort war kühl - man wolle auf den Mitarbeiter Daum nicht verzichten.
Es liegt nicht nur an der Personalie Daum, dass Bayer inzwischen mehr Einfluss hat als ehemalige Meister wie Borussia Dortmund, Werder Bremen und der 1. FC Kaiserslautern zusammen. Denn während das muntere Brautstrauß-Werfen um die Ribbeck-Nachfolge weiter- ging, formulierten die Macher aus Leverkusen - stellvertretend für die Liga - neue Forderungen an den Verband: etwa ein Nationalmannschaftsgremium aus Vereinsmanagern oder ein Leistungszentrum für das DFB-Team.
Und leisten sich treue Geschäftspartner wie DaimlerChrysler oder Fernsehmogul Leo Kirch öffentlich allenfalls zarte Kritik am DFB, sind die Töne aus Leverkusen gern von schrofferer Art. Wolfgang Holzhäuser, den Bayer vor zwei Jahren aus dem DFB-Management abwarb, attestierte seinen ehemaligen Vorgesetzten, es fehle ihnen an »unternehmerischem Denken« - was dazu geführt hat, dass Mayer-Vorfelder mit Holzhäuser nicht mehr redet.
Das Selbstbewusstsein, das in solchen Sätzen zu Tage tritt, haben sich die Männer von der Bayer-Tochter erarbeitet. Nicht nur dass Holzhäuser im DFB-Ligaausschuss die so genannte Strukturreform maßgeblich vorbereitete, die den Clubs ab Herbst mehr Selbständigkeit zubilligt. Auch Bayer-Sportmanager Reiner Calmund hat sich als Ideenlieferant für die Verbandsspitze etabliert. So schaffte er mit seiner Drohung, einen Bundesliga-eigenen Fernsehkanal zu installieren, in den DFB-Verhandlungen mit dem Pay-TV-Monopolisten Kirch eine künstliche Konkurrenzsituation - und trieb den Preis in die Höhe.
Wo immer Gremien berufen werden, ein Bayer-Mann ist stets dabei: Holzhäuser wirkte in der TV-Kommission der Bundesliga mit, Teammanager Rudi Völler gehörte zur offiziellen DFB-Delegation bei der Europameisterschaft und warb unter anderem in Brasilien für Deutschland als WM-Veranstalter 2006.
Lange bevor sie zu Königsmachern bei der Bundestrainer-Kür erkoren wurden, waren die Sachwalter vom Pharmawerk auch im Kleinen mit Rat, Tat und Geld zur Stelle. Ob es eine Schiedsrichter-Tagung oder einen »Tag des Ehrenamtes« auszurichten gilt oder drei Greenkeeper gebraucht werden, die während der EM die Trainingsplätze der Nationalelf pflegen - Bayer hilft.
Selbstredend hat sich der Chemiekonzern zudem an die Spitze jener acht Unternehmen gesetzt, die Deutschlands WM-Kandidatur fördern. Als ARD und DFB die Kampagne mit einer Show aus der Kölnarena feierten, war es Bayer-Chef Schneider, der dem Fernsehpublikum live die volkswirtschaftliche Bedeutung des Events erklärte. Schneider empfing, als Vertreter der deutschen Industrie, auch die Abgesandten des Weltverbands Fifa bei deren Stadien-Inspektion. Und die mexikanische Bayer-Dependance ließ es sich nicht nehmen, Gäste aus aller Welt zu bewirten, als Kampagnen-Chef Beckenbauer in Guadalajara die DFB-Bewerbung präsentierte.
Umso ärgerlicher für die Konzernstrategen, wenn ihre Fördermaßnahmen bei der Entscheidung am Donnerstag dieser Woche im Zürcher Geschacher versanden sollten. Meldungen, wonach die Stimmen der südamerikanischen Fifa-Wahlmänner dem wohl schärfsten DFB-Konkurrenten Südafrika zufallen würden, lösten jedenfalls schon Irritationen rund um das Bayer-Hochhaus aus. In Leverkusen will man nämlich erfahren haben, dass dieselben Stimmen zuvor den Deutschen »über dubiose Kanäle« angeboten worden seien. Der DFB habe abgelehnt.
Als Gegenwert für die Bemühungen im Interesse des deutschen Fußballs erwartet die Bayer AG mehr als nur Gehör in der Debatte um das Nationalteam. Für den Fall, dass dem DFB die WM nun doch zugesprochen wird, will der Konzern 2006 sein werkseigenes Stadion der Welt präsentieren - ein »Referenzprojekt« der Firma, wie es der Sportbeauftragte Sprink unter Hinweis auf Materialien aus der hauseigenen Fertigung nennt: Makrolon-Sitze und wasserfester Außenwandanstrich seien schon den Fifa-Inspektoren angenehm aufgefallen. Mit dem WM-Zuschlag stünde der weiteren Modernisierung der Immobilie nichts mehr im Weg: Geplant ist etwa der Einbau interaktiver TV-Schirme. Via Internetanschluss könnten die Stadionbesucher dann vom Sitzplatz aus Devotionalien einkaufen oder Tickets ordern. Dass die BayArena mit ihren 22 500 Plätzen nach den Fifa-Richtlinien für WM-Spiele zu klein wäre, gilt bestenfalls als Schönheitsfehler. Abgemacht ist, dass sich der DFB für eine Ausnahmeregelung einsetzen will.
Es wäre nicht das erste Mal, dass der Fußball-Bund dem potenten Partner mit einer Lex Leverkusen unter die Arme greift. Vereine, die ihre Profiabteilung in eine Kapitalgesellschaft umwandeln, müssen gemäß DFB-Statut mehr als 50 Prozent der Anteile behalten. Damit Kirsten & Co. fortan ganz offiziell »als Werbeträger der Bayer AG« kicken dürfen, ergänzte der DFB seine Paragrafen jedoch um einen Sonderpassus. Der bisherige Sponsor durfte, weil er »mehr als 20 Jahre« den Mutterverein gefördert hatte, sämtliche Geschäftsanteile der neuen Fußball-GmbH übernehmen.
Der Vorgang hatte Präzedenzcharakter: Der VfL Wolfsburg beantragte beim DFB eine Mehrheitsbeteiligung des Volkswagenwerks, das den Bundesligisten schon lange unterstützt. Kaum hat sich VW gleiches Recht erstritten, denken die Leverkusener bereits an die nächste Sonderklausel. Noch ist es ihnen laut DFB-Statut nicht gestattet, an eine fremde Firma Gesellschaftsanteile zu veräußern. Im Vorgriff auf künftige Gewogenheit in der DFB-Zentrale hat die Bayer AG indes ihrem neuen Werbepartner, dem Energiekonzern RWE, bereits ein Vorkaufsrecht eingeräumt.
Solches Entgegenkommen findet Bayer nur korrekt. Die »jahrelangen freundschaftlichen Beziehungen«, die Meinolf Sprink, zuständig für 30 Bayer-Vereine mit 50 000 Mitgliedern, so gern hervorhebt, könnten den Chemie-Riesen bald in den DFB-Sponsorenpool lenken.
Das würde zum Trend des Hauses passen. Zwar unterstützt das Werk derzeit noch den Bau von Breitensporthallen in Dormagen und Wuppertal - die größte Anziehungskraft übt aber der Fußball aus. Der Return on investment sei beträchtlich: Auf 160 Millionen Mark jährlich schätzen die Bayer-Manager den globalen Werbewert ihrer Kicker - die Sponsorverträge mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband und dem Deutschen Sportbund lässt das Unternehmen zum Jahresende auslaufen.
Bayers Fußball-Offensive führt beim DFB zuweilen zu skurrilen Bekenntnissen. Bei der Einweihung des neuen Leverkusener Jugendfußballzentrums eröffnete Verbandspräsident Egidius Braun den staunenden Werkstalenten, warum er sich als »Freund des Hauses« betrachte: Ursprünglich habe er, bevor ihn der Gang der Dinge in die Kartoffelbranche trieb, »Chemiker werden« wollen. JÖRG KRAMER