»Die Liebe ist erloschen« - DER SPIEGEL
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Fußball »Die Liebe ist erloschen«

Der Fußballtrainer Jupp Heynckes über die Gründe für das Scheitern der Deutschen, den Abstand zu Europas Spitze und die Suche nach einem neuen Teamchef
• aus DER SPIEGEL 26/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Heynckes, vor zwei Jahren wollten Sie nicht Nachfolger von Berti Vogts werden, jetzt auch nicht von Erich Ribbeck. Was haben Sie eigentlich gegen den Job des Bundestrainers?

Heynckes: Gar nichts. Mich würde die Aufgabe sogar reizen. Ich habe nur einen Vertrag bei Benfica Lissabon, und der läuft noch ein Jahr.

SPIEGEL: Wir wollen Sie ja nicht zum Vertragsbruch ermuntern, aber vielleicht kann man mit dem Präsidenten von Benfica Lissabon mal über eine Auflösung des Vertrags reden.

Heynckes: Ich habe hier gerade mit dem Präsidenten ein neues Konzept entworfen. Wir haben uns von 14 Spielern getrennt und 40 Millionen Mark in die neue Saison investiert. Was glauben Sie, was der mir sagt, wenn ich jetzt gehen wollte? Der würde mich wahrscheinlich verklagen, und das zu Recht. Es ist für mich eine verdammte Pflicht, dieses Projekt durchzuziehen.

SPIEGEL: Ihr Kollege Christoph Daum ist offenbar phantasievoller. Er konnte sich, bevor er am Donnerstag schließlich absagte, sogar vorstellen, die Nationalelf und Bayer Leverkusen gleichzeitig zu trainieren.

Heynckes: Ich hätte den Christoph Daum schon für geeignet gehalten, in den nächsten Jahren die Nationalmannschaft zu übernehmen. Aber nur, wenn er bei Bayer Leverkusen aufgehört hätte.

SPIEGEL: Daum galt als Favorit des designierten DFB-Chefs Mayer-Vorfelder sowie eines Großteils der Medien. Erscheint er als Idealbesetzung, weil er sich - im Gegensatz zu Ihnen - so gut wie nie der Spaßgesellschaft verweigert?

Heynckes: Das ist in der Tat ein Punkt, der gegen mich spricht. Ich fühle mich nämlich nicht als Entertainer des Fußballs, sondern immer noch als Fußball-Lehrer. Das Beruhigende daran ist für mich: In Deutschland rätseln jetzt alle über Nachwuchspflege. Und ich weiß, wie das geht. In Bezug auf Know-how habe ich keine Defizite.

SPIEGEL: Beschreiben Sie uns doch mal das Anforderungsprofil eines Teamchefs.

Heynckes: Er muss Autorität besitzen, Fachkompetenz und die Fähigkeit, das Produkt mit einer gewissen Eleganz nach draußen zu verkaufen. Nach den Erfahrungen der vergangenen Zeit sollte der neue Bundestrainer jemand sein, der eine ganz klare Philosophie vom Fußball hat und sie entsprechend vermitteln kann.

SPIEGEL: Wenn die anderen Länder schon besser Fußball spielen können, warum soll dann nicht gleich ein Ausländer die deutsche Nationalelf trainieren?

Heynckes: Wenn sich partout kein geeigneter Deutscher finden lässt, dann würde ich Louis van Gaal für eine gute Wahl halten. Der ist vielleicht manchmal ein bisschen halsstarrig und würde gelegentlich auch mit den Medien zusammenstoßen. Aber das wäre bei mir ja nicht anders.

SPIEGEL: Die Vorstellung, wie dieser kantige Holländer die subalterne DFB-Riege aufmischt, erscheint auch uns sehr reizvoll. Dagegen ist wahrscheinlich selbst der Italiener Giovanni Trapattoni mehrheitsfähig - wobei dieser Vorschlag Franz Beckenbauers auch von Harald Schmidt stammen könnte. Als Bayern-Trainer lieferte Trapattoni für dessen Late-Night-Show stets erstklassigen Stoff.

Heynckes: Trapattoni ist ein wunderbarer Mensch, aber er hat die italienische Philosophie des Fußballs. Und die ist nun mal destruktiv. Allein schon deshalb kann das nicht die richtige Lösung sein. Außerdem ist Trapattoni inzwischen 61 Jahre alt. Und ich meine, der neue Bundestrainer sollte vier bis sechs Jahre im Amt bleiben, um etwas Dauerhaftes aufbauen zu können. Wir sprechen nämlich über den wichtigsten Moment des deutschen Fußballs.

SPIEGEL: Offensichtlich befindet sich der DFB jetzt in derselben Lage wie vor zwei Jahren, als ein Nachfolger für Berti Vogts gesucht wurde. Dass hinter dem Rücken eines amtierenden Trainers keine Gespräche mit Kandidaten geführt werden, mag ehrbar sein. Ist es auch professionell?

Heynckes: Man hätte ja auch einen professionellen Weg finden können, der ehrbar ist. Etwa, indem man sich mit dem Bundestrainer vor dem Turnier intern darüber verständigt, ob man weiter zusammenarbeiten will oder nicht. Wenn man zu dem Schluss kommt, dass man das besser nicht tun sollte, dann würde auch nichts dagegen sprechen, sich frühzeitig möglichst diskret um einen Nachfolger zu bemühen. Die Trai-

nerfrage kann doch nicht allein vom Verlauf einer EM abhängig gemacht werden. Man muss eine Vorstellung davon haben, ob einem die Arbeit eines Trainers grundsätzlich passt oder nicht.

SPIEGEL: Hat Ihnen Erich Ribbecks Arbeit gepasst?

Heynckes: Ich äußere mich grundsätzlich nicht zur Arbeit von Kollegen. Nur: Die Verantwortlichen glauben ja jetzt noch, dass diese Europameisterschaft nur ein Unfall war. Es ist aber nicht damit getan, nur den Bundestrainer auszuwechseln.

SPIEGEL: Wollen Sie den DFB gleich mit auswechseln?

Heynckes: Der DFB hat ja genug Aufgaben, um die er sich sorgen muss. Aber innerhalb dieses DFB muss es einen eigenen Stab geben, in dem sich hoch qualifizierte Leute ausschließlich um die Nationalmannschaft kümmern.

SPIEGEL: Kennen Sie welche?

Heynckes: Der neue Bundestrainer braucht ein Budget von circa 20 Millionen Mark, mit dem er ein kompetentes Team bilden kann. Dazu gehört ein Stab von Assistenztrainern, die etwas von ihrem Beruf verstehen. Ich spiele mal mit ein paar Namen: Herbert Neumann, Ewald Lienen, Hermann Gerland. Als Verantwortlichen für den gesamten Nachwuchsbereich gibt es keinen Besseren als Berti Vogts. Der Job des Medienmanagers ist mit Wolfgang Niersbach professionell besetzt. Aber es fehlt ein Generalmanager, einer wie Uli Hoeneß oder Michael Meier, der dem Bundestrainer alles vom Leib hält, was die Arbeit behindert, und der den Kontakt zu den Bundesligaclubs hält. Und es fehlt ein professioneller Funktionär, der ständig die Mannschaft begleitet. Karl-Heinz Rummenigge etwa.

SPIEGEL: Die rückständigen Strukturen im DFB beantworten allerdings noch nicht die Frage, warum die anderen besser Fußball spielen als die Deutschen.

Heynckes: Das hat auch etwas damit zu tun, dass Jugendliche bei uns schon alles haben. Warum sind denn in der Bundesliga die Ausländer aus sozial schwachen Ländern so erfolgreich? Weil sie aus der Armut fliehen wollen, weil sie sich vom Fußball soziale Anerkennung versprechen.

SPIEGEL: In Frankreich oder Holland sind die sozialen und ökonomischen Verhältnisse allerdings durchaus vergleichbar mit den deutschen.

Heynckes: Da sind aber Prozesse in Gang gesetzt worden, die eine neue Richtung gewiesen haben. Franzosen, Spanier und Holländer haben schon lange große Fußballinternate, da sind die Schüler gleichzeitig Fußball-Auszubildende. Der Ball ist der Mittelpunkt, und damit ist der Spaßfaktor dieses Spiels garantiert.

SPIEGEL: In München oder Leverkusen gibt es solche Internate inzwischen auch.

Heynckes: Sie können auf dem Papier die tollsten Projekte entwerfen, aber Sie müssen sie mit Leben füllen. Das heißt: mit hoch qualifizierten, engagierten Trainern. Und in diesem Bereich herrscht in Deutschland offensichtlich eine Flaute. Woran soll sich denn jetzt ein Jugendlicher orientieren, wenn es nicht mal mehr Spieler gibt, die er als Vorbild verehren kann?

SPIEGEL: Da fällt uns, im Sinne der Fans, allenfalls der »Anton aus Tirol« ein.

Heynckes: Den hatte ich vergessen. Wir haben zurzeit gerade mal noch einen einzigen Weltklassespieler, das ist Oliver Kahn. Und der ist Torwart. Die großen Erfolge der Deutschen bei Meisterschaften sind immer von großen Figuren begleitet worden, die den Fußball geliebt haben.

SPIEGEL: Haben Sie den Eindruck, dass die Spieler von heute den Fußball nicht mehr lieben?

Heynckes: Denken Sie nur mal an das EM-Spiel Frankreich gegen Niederlande. Das war eine Liebeserklärung an den modernen Fußball. Die Liebe der Deutschen zum Fußball ist schon länger erloschen.

SPIEGEL: Müssen wir uns darauf einrichten, dass die Weltmeisterschaft 2002 ohne die Deutschen stattfindet?

Heynckes: Keinesfalls. Ich bin davon überzeugt, dass die Nationalelf bei entsprechender Arbeit auch kurzfristig Erfolge erzielen kann. Und mittelfristig werden junge Spieler dem Unternehmen eine Zukunft geben.

SPIEGEL: Welche Spieler denn?

Heynckes: Ich kann mir nun wirklich nicht vorstellen, dass ein Volk von 82 Millionen Menschen keine talentierten Fußballspieler mehr hervorbringt. Ich bin auch davon überzeugt, dass es schon jetzt welche gibt. Aber so, wie beispielsweise der Michael Ballack bei der EM gespielt hat, muss etwas schief gelaufen sein. Dass der Ballack Talent hat, steht ja außer Frage. Das muss man nur herausarbeiten.

SPIEGEL: Ein Führungsspieler stünde den Deutschen auch nicht schlecht.

Heynckes: Weil es den nicht gab, ist bei dieser EM das Schlimmste passiert, was im Fußball überhaupt passieren kann: dass eine Mannschaft resigniert, weil sie nicht mehr weiß, wie sie sich wehren soll.

SPIEGEL: Lothar Matthäus hat seine Autorität erst ausgespielt, als es vorbei war. Er beklagte sich darüber, dass »einige nach so einem schlimmen Turnierverlauf in der Öffentlichkeit durchsaufen«.

Heynckes: Das war ja auch nur ein Spiegelbild der gezeigten Leistung.

SPIEGEL: Die Fans feiern Siege ihrer Mannschaften bei dieser EM als nationale Feste. Bei den Deutschen kommt so etwas gar nicht erst auf - man hat den Eindruck, den Spielern sei es nicht mehr wichtig, ihr Land zu repräsentieren. Stefan Effenberg will gar nicht erst mitspielen und dreht lieber zynische Werbespots.

Heynckes: Wenn sich so etwas ein Spieler aus Spanien oder Portugal erlauben würde, bekäme er fortan in seinem Land kein Bein mehr auf die Erde. Vielleicht haben wir uns aber auch nicht bemüht, den Stefan Effenberg zu verstehen. Es kann nicht von ungefähr kommen, dass diese wunderbare Europameisterschaft mit ihrem inspirierten Fußball ausgerechnet an den Deutschen vorbeigegangen ist.

SPIEGEL: Hollands »Algemeen Dagblad« schrieb über die Deutschen: »Eine Fußballnation stirbt«. Ist das übertrieben?

Heynckes: Dass unser Fußball vom schleichenden Tod bedroht ist, lässt sich nicht abstreiten. Noch viel bezeichnender fand ich aber, was die Spanier geschrieben haben: »Fußball aus der Steinzeit.« Dagegen gibt es keine Argumente.

SPIEGEL: Wer hat bei dieser EM den Fußball der Neuzeit gespielt?

Heynckes: Die Mannschaften, die Fußball als Automatismus begreifen. Im Gegensatz zu den Deutschen müssen Italiener, Franzosen, Holländer, Spanier oder Portugiesen nicht überlegen, was sie mit dem Ball anstellen sollen. Sie wissen es.

SPIEGEL: Haben Sie beim 0:3 gegen Portugal so etwas wie Mitleid empfunden?

Heynckes: Ich habe jedenfalls meine Wurzeln wieder gespürt. Ich kann mich als Deutscher ja nicht herausstehlen aus dem, was da geboten wurde. Das hat mich zum einen deprimiert, zum anderen hat es mich emotional herausgefordert, etwas von meinen Fähigkeiten einzubringen.

SPIEGEL: Was machen Sie denn, wenn Sie demnächst zu Benfica Lissabon zurückkehren, beim ersten Training über modernen Fußball dozieren, und die Spieler feixen: Was will uns denn dieser deutsche Verlierer da eigentlich erzählen?

Heynckes: Ich habe die Hoffnung, dass ich durch meine Arbeit in Spanien und Portugal inzwischen als halber Südländer durchgehe. INTERVIEW: MATTHIAS GEYER

* Nach dem Champions-League-Sieg mit Real Madrid 1998.

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