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FUSSBALL Die Ratte und der Libero

Trübe Zeiten für den FC Energie Cottbus: Weil ein Spielerberater ausgepackt hat, ist aus dem »Schalke des Ostens« ein Fall für die Staatsanwaltschaft geworden.
• aus DER SPIEGEL 46/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Einmal war Klaus, der Libero, so richtig stürmisch. Das war an einem Samstag im Jahre 1973, als Abwehrchef Stabach beherzt nach vorne marschierte und seine Betriebssportgemeinschaft Energie Cottbus im Aufstiegsspiel gegen Vorwärts Stralsund in die DDR-Oberliga schoss. Für dieses Tor wurde der eisenharte Klaus vom Volk geliebt.

Heute ist Klaus Stabach, 62, Manager des Fußball-Bundesligisten FC Energie Cottbus. Ergraut und eigentlich schon im Rentenalter, konzentriert er sich nun voll auf die Verteidigung.

Denn seit vorvergangenem Dienstag ermittelt die Staatsanwaltschaft Cottbus gegen den einstigen Helden aus dem Braunkohlerevier. Der Vorwurf: »Untreue gemäß § 266 StGB zum Nachteil des Vereins.« Unter dem Aktenzeichen 1756 Js 31550/01 ebenfalls beschuldigt: Dieter Krein, der Präsident des Clubs, und der Cottbuser Bauunternehmer Wolfgang U. Ermittler hatten drei Banken, Wohn- und Geschäftsräume von Präsidiumsmitgliedern und Spielervermittlern durchsucht. Die Beute: über 300 Aktenordner und Festplatten.

Augenscheinlich hat sich Stabach zum Ausklang seiner Karriere im Dickicht des Millionengeschäfts verheddert. Der Energie-Geschäftsführer soll, so der Vorwurf der Behörde, im Doppelpass mit Vermittlern beträchtliche Summen bei Transfers zur Seite geschafft haben. Außerdem soll ein Geschäftsmann, der einen Auftrag beim Umbau der VIP-Logen im »Stadion der Freundschaft« erhalten hatte, Stabach und Krein auch bei privaten Aufträgen geholfen haben.

Ausgerechnet Energie Cottbus, von den Fans als »Schalke des Ostens« verklärt, nun ein Club von Abzockern und Betrügern? Das Selbstwertgefühl einer breiten Fußballgemeinde in Brandenburg steht vor einer schweren Prüfung. Sogar Kanzler Gerhard Schröder hatte seine Sympathie für die blühende Mannschaft verkündet: »Mein Herz schlägt für Energie.«

Es ist ja nicht so, dass krumme Deals im Profifußball eine Besonderheit wären. Wie Vereinsbosse ihre Mannschaften mit Schwarzgeld aufpäppeln, haben Fahnder immer wieder mal ans Licht gebracht. Doch sollten die Cottbuser Macher tatsächlich Clubvermögen in die eigenen Taschen geschaufelt haben, wäre dies ein neues Kapitel in der Geschichte der Bundesliga.

Die Affäre kam ins Rollen, als ein Spielervermittler aus Basel mit einem ehernen Gesetz der Branche ("Kassieren und schweigen") brach. Der Berater Ludwig Kolin fühlte sich von seinem Verhandlungspartner Stabach gelinkt. Da bündelte er mehr als 100 Seiten Papier, fuhr Mitte September über die Grenze nach Lörrach und ließ sich über neun Stunden von mehreren Staatsanwälten vernehmen.

Es ging um einen besonders obskuren Fall von Menschenhandel. Cottbus hatte den mäßig talentierten Abwehrmann Kevin McKenna in diesem März für 1,05 Millionen Mark zum schottischen Erstligisten Hearts of Midlothian verkauft. Für den FC Energie sollten 650 000 Mark abfallen - 50 000 davon sofort, der Rest bis Mitte Dezember.

Doch was geschah mit den übrigen 400 000 Mark? Fest steht: Das Geld landete umgehend auf dem Konto der Agentur Moreno Soccer in Lima. Von dort floss ein Teil weiter nach Zypern. Einer der Anteilseigner von Moreno Soccer ist der Spielervermittler Willi Hoppen. Nach Peru gehörte das Geld auch hin, sagt nun der Verein, als Prämie für besonderes Verhandlungsgeschick. Kolin, der sich ausgebootet wähnt, behauptet indes, die 400 000 Mark seien Schmiergeld, das sich zwei Vermittler und die Vereinsbosse teilten.

Wer Recht hat, weiß auch die Staatsanwaltschaft noch nicht. Doch sie wundert sich sehr, dass ein Club bereitwillig fast 40 Prozent Provision zulässt und dass Transfers von Deutschland nach Schottland über südamerikanische und zypriotische Konten abgewickelt werden.

Willi Hoppen, Branchenname »Die Ratte«, hat sich schon häufig für Energie nützlich gemacht. Viermal organisierte er Trainingslager im Mittleren Osten - auch wenn die Dienstreisen nach Dubai die Kicker immer wieder quälten. Mal plagte die Profis Baulärm im Fünf-Sterne-Hotel Le Royal Méridien Jumeira Beach; mal fuhr der bestellte Bus in der Wüste von Adschman nicht vor; mal trat der Testgegner nicht an. Und als einmal ein Ball ins Seitenaus flog, köpfte Hoppen ihn so unglücklich zurück, dass sich Präsident Krein vor lauter Schreck den Tee über die Jacke kippte.

Die Staatsanwaltschaft brütet nun über der Abrechnung der Reisekosten. Der Verdacht: Es habe auch hier Unregelmäßigkeiten gegeben. Gefunden haben die Fahnder bisher offenbar nur pauschale Aufstellungen mit Summen, die sie noch nicht nachvollziehen können. Alles sei korrekt gelaufen, behauptet Krein, die Staatsanwälte hätten keine Ahnung, wie solche Trainingslager organisiert würden.

Hinweise von Kolin führten die Ermittler zu einem guten Dutzend Spielerberater, die im Angebot hatten, was Energie in Osteuropa suchte: billige Arbeitskräfte mit festen Waden. Allein in den letzten vier Jahren wechselten über 40 Kicker zu dem Club.

Dem Fachmann für den ungarischen Markt etwa, Lászlo Kleber, zeigt sich Trainer Eduard Geyer besonders erkenntlich. Der 50-Jährige mit den Rudi-Völler-Locken darf manchmal sogar beim Training mit den Profis üben. Als der Berliner am vorvergangenen Dienstag mal wieder in Cottbus war, klingelten auch bei ihm zu Hause die Fahnder. Klebers Schwiegervater öffnete die Tür. Jetzt fehlt sein Computer, und die Ermittler erwarten von ihm als Zeugen Aufklärung.

Die Lektüre aller beschlagnahmten Unterlagen kann Monate dauern. So lange hält sich die Staatsanwaltschaft mit der Veröffentlichung von Ermittlungsergebnissen zurück. Sie prüft etwa, wie es sich mit Ferenc Horváth verhält. Für den Profi aus Ungarn soll Cottbus vorigen Sommer rund eine Million Mark gezahlt, sein belgischer Club Genk aber nur 175 000 Mark Ablöse erhalten haben. Auch der albanische Nationalspieler Rudi Vata und Millionenmann Vasile Miriuta gerieten ins Blickfeld. Die Fahnder fühlen sich nach erster Durchsicht bestätigt: Belastendes Material stapelt sich in zwölf Umzugskartons.

Sollte sich herausstellen, dass der rasante Aufstieg des Clubs mit Finanzmanipulationen bezahlt ist? Ernsthaft kontrollierte bisher wohl niemand. Das Präsidium von Energie beherrschten Stabach und Krein; weder der Mann für die Amateurabteilung noch der Vorstand der Sparkasse hatten etwas zu melden, erst recht nicht Oberbürgermeister Waldemar Kleinschmidt. Ein Aufsichtsgremium, wie in der Bundesliga längst Standard, gibt es nicht.

Berauscht vom eigenen Erfolg, nahmen es die Generäle von Energie gar mit dem FC Bayern München auf. Als »Sabbelköpfe« beschimpfte Krein die Kollegen von der Isar, und Uli Hoeneß, giftete er, sei »ein relativ unflätiger Mensch«. Dann gewann Cottbus 1:0, und die Gemeinde tobte.

Doch auch jetzt, wo die Not am größten ist, wähnt sich das Duo unantastbar. Reflexartig wittern beide eine Verschwörung gegen den »Sympathiebotschafter Ostdeutschlands« - und drohen fast täglich mit Einsprüchen und Klagen, anstatt die Vorwürfe zu entkräften.

Inzwischen ist es selbst dem Oberbürgermeister zu arg geworden. Bei einer Präsidiumssitzung am vorigen Mittwoch haute er auf den Tisch und forderte Fakten. Denn zu lange wabern ihm schon Gerüchte durch seine Stadt, die sich nun zwischen den Aktendeckeln der Staatsanwälte wiederfinden.

Dass ausgerechnet die Holzbaufirma aus Cottbus, die am Umbau der Stadiontribüne mitarbeitete, segensreich an den Eigenheimen der beiden Vereinsbosse wirkte, hat die Ermittler alarmiert. »Einbauten in Privathäuser«, betont das Energie-Präsidium, stünden in keinem Zusammenhang mit Umbauten der VIP-Logen im Stadion.

Doch jetzt rechnen die Ermittler nach, wie viel Manager Stabach fürs Renovieren seines Hauses wirklich zahlte. Und Präsident Krein muss noch erklären, wie er zu seinem Gartenhaus mit Sauna kam. UDO LUDWIG, MICHAEL WULZINGER

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