LEICHTATHLETIK Dollar extra
Carl Lewis hielt hof, als wäre da nichts gewesen. In wallender türkisblauer Tunika trat er auf, einen breiten Ledergürtel um die schmalen Hüften, einen Goldreif um den Hals und eine Frisur über den großen, leicht verdrossenen Augen, die von weitem wie ein Brikett auf dem Kopf aussah.
Doch es war etwas geschehen: Im 100-Meter-Lauf des internationalen Leichtathletik-Meetings in Zürich wirkte »Carl der Große«, wie die Weltpresse ihn nach seinen vier olympischen Goldmedaillen von Los Angeles genannt hatte, wie ein erschöpfter alter Gaul, der vergeblich versucht, das vorgelegte Tempo mitzuhalten.
Vor dem Lauf, zu dem er mit buntem Gefolge im Mercedes anreiste, als ginge es zu einem Popkonzert, hatte Lewis noch alle Privilegien des Superstars genossen: die exklusive Suite im Luxus-Hotel, den devoten Gruß herumwieselnder Sportmanager und - natürlich - den Vorzug, ohne Qualifikations-Rennen, die alle seine Konkurrenten bestreiten mußten, fürs Finale gesetzt zu sein.
Doch nach seinem vierten Platz ging die Szene auf Distanz zum Champion. »Ich habe mich hinter den Säulen versteckt, wenn Carl oder sein Manager vorbeiliefen«, erzählte Fredy Schäfer, der das Koblenzer Sportfest organisiert, »damit die beiden ja nicht auf die Idee kamen, sich noch nachträglich bei uns einzuladen.«
Doch die 15 000 Dollar, mit denen sich Lewis jeden Start bezahlen ließ, ist keiner mehr bereit hinzublättern. 30 bis 50 Prozent, so schätzt der Berliner Veranstalter Rudi Thiel, hat Lewis durch seine Niederlage in Zürich an Wert verloren. Mißerfolge in Berlin und Köln senkten seinen Preis weiter.
»Stars und Weltrekorde«, sagt Schäfer, »sind alles bei Sportfesten. Vor allem Weltrekorde. Klappt einer, war dein Meeting Klasse, geht's daneben, auch nur um Zehntelsekunden oder Zentimeter, dann war es flau.«
Der Leichtathletikzirkus, der jeden Sommer von Juli bis September durch Europa zieht und von Brüssel bis Berlin, von Stockholm bis Rom seine Gala-Vorstellungen gibt, lebt von Superlativen: Wer hat die meisten Stars verpflichtet, wo finden die dramatischsten Duelle statt, bei wem wird Weltrekord gelaufen.
Ohne die Aussicht auf Spannung und Stars zum Anfassen erscheinen bei Eintrittspreisen von 20 bis 50 Mark keine Zehntausende von Zuschauern, ohne die jede Leichtathletik-Schau zur Pleite wird. Das Fernsehen überträgt nur, wenn Höchstleistungen zu erwarten sind, die Sponsoren geben nur dann gern, wenn ihr Firmen-Logo auf dem Bildschirm zu sehen ist.
So wackelten in Berlin zur Siegerehrung nach dem 1500-Meter-Weltrekord des Marokkaners Said Aouita zwei Männer zum Siegerpodest, die sich riesige Kaffeekannen übergestülpt hatten. Sie überreichten den Ehrenpreis von »Kaiser's Kaffeegeschäft«.
Zwei Millionen Mark hatte Res Brügger, der Manager von Zürich, zur Verfügung, um Stars einzukaufen. 1,2 Millionen Mark gab Rudi Thiel in Berlin aus, immerhin noch eine Million Mark Manfred Germar in Köln, und auch Schäfer in Koblenz kratzt jedes Jahr etwa 700 000 Mark zusammen.
Obwohl sie selbst ehrenamtlich und aus großer Begeisterung für die Leichtathletik tätig sind, machen Versicherungsmanager Brügger, Architekt Thiel, Kaufmann Germar und Postamtmann Schäfer knallharte Geschäfte. Angebot und Nachfrage bestimmen die Deals. Das Beiwort sozial kennt die Marktwirtschaft rund um die Tartanbahn nicht.
Lewis mußte das erfahren. Sebastian Coe, der britische Mittelstreckenweltrekordler und Olympiasieger, erfuhr es fast gleichzeitig mit ihm. Am Mittwoch vorletzter Woche fiel sein Kurs auf der Zielgeraden des 1500-Meter-Laufs fast um die Hälfte.
Da überspurtete der Schweizer Pierre Deleze, ein sehr guter, aber kein Ausnahmeathlet, beinahe mühelos den ausgepumpten Coe und machte aller Welt offensichtlich, daß die großen Tage des Briten vorüber sind, vorbei auch die Sonderrolle, die Coe sich über Jahre bei allen Meetings leistete.
Er hatte den Veranstaltern diktiert, wer in seinem Lauf gegen ihn antreten, ihn fordern, aber nicht überfordern durfte. So konnte er in Zürich verhindern, daß Aouita, zur Zeit der Weltbeste über 1500 und 5000 Meter, gegen ihn lief. Der Marokkaner mußte auf die Meile ausweichen.
Vorbei natürlich auch die Supergage von 15 000 Dollar: Vier Tage nach Zürich lief Coe in Köln für 8000 Dollar und verlor gegen das neue 800-Meter-As, den brasilianischen Olympiasieger Joaquim Cruz, den er nicht mehr aus seinem Rennen hatte fernhalten können.
Jetzt geben der Brite Steve Cram, Cruz und Aouita auf den Mittelstrecken, den attraktivsten Laufwettbewerben der internationalen Meetings, den Ton und das Tempo an. Sie kassieren die Spitzengagen und stellen für ihre Rekordversuche, die jeder Veranstalter von ihnen verlangt, Bedingungen: einige tausend Dollar zusätzlich, wenn sie glücken, etwa die Hälfte, wenn sie knapp, aber in Weltklassezeit scheitern.
Vor allem aber legen sie maßgeschneiderte Rennen bis in die Einzelheiten fest. So wurde für Aouitas Weltrekordlauf in Berlin mit dem Iren Frank O'Mara der derzeit weltbeste Tempomacher verpflichtet. Der »Hase« muß bei einem Rekordangriff etwa zwei Drittel der Distanz gleichmäßig schnell vor den Rekordanwärtern laufen und ihnen das nötige Grundtempo vorgeben. Dann darf er ausgepumpt auf den Rasen plumpsen.
»Was ein Athlet fordern kann?« Rudi Thiel überlegt keinen Moment. »Das ist
einfach die Frage, wie dringend du ihn für das Gelingen des Sportfestes brauchst.« Bundesdeutsche Athleten sind kaum noch gefragt.
Seit dem Rücktritt der Hochsprung-Olympiasiegerin Ulrike Meyfarth bilden deutsche Mädchen sowieso nur noch Beiwerk. »500 Mark«, stellt Rudi Thiel lakonisch fest, »so über den Daumen.« Aber auch deutsche Männer tun sich schwer im Leichtathletik-Zirkus. »Also Harald Schmid, Patriz Ilg, Dietmar Mögenburg, wenn er nicht verletzt ist, und mit Abstand Carlo Thränhardt und Thomas Wessinghage«, zählt Schäfer die Gutverdiener unter den deutschen Leichtathleten an fünf Fingern auf. Sie bekommen zwischen 3000 und 10 000 Mark pro Auftritt.
Die anderen, die Statisten, liegen in der untersten, der »Reisespesen- und Übernachtungskategorie« oder in der »blauen Klasse«, wie die Aktiven Sportler nennen, die nach den Wettkämpfen bis tief in die Nacht vor der Tür des Organisationsbüros Schlange stehen und auf ein paar Hundertmarkscheine in die Hand warten.
»Klar, Mann, das wichtigste ist 'ne Topleistung«, sagt der US-Dreisprung-Weltrekordler Willie Banks, »aber die Leute kommen auch wegen der Schau ins Stadion.« Daher zahlen viele seinetwegen Eintritt, Banks ist der Showmaster im Leichtathletik-Zirkus. Er hat aus einer Randdisziplin eine Spitzennummer gemacht.
Banks fordert das Publikum zum rhythmischen Mitklatschen auf, bevor er anläuft, und das Publikum klatscht wie besessen. Nach jedem guten Sprung stößt er die Hände theatralisch in die Luft, und die Leute jubeln. Nach sehr guten Sprüngen tanzt er auf der Tartanbahn, und das Stadion rast. »Willie Banks bucht jeder blind«, sagt Schäfer, »das ist Sammy Davis jr. im Stadion.«
Banks macht sein Geld mit Show, der Kenianer Mike Boit verdient durch Zuverlässigkeit. Seit 13 Jahren läuft er die Mittelstrecken gegen Bares. Präzis und freundlich liefert der fast vierzigjährige einstige Weltrekordler, der wie eine Diva schon länger sein Alter mit 36 angibt, gute bis sehr gute Zeiten ab. Nicht mehr ganz vorn, aber immer unverdrossen in der Spitze mit dabei.
»Ich laufe, solange ich laufen kann«, so Boit, »meine vier Brüder studieren in den USA, und als Ältester habe ich nach unserer Stammessitte für sie zu sorgen.« Zum Glück stehen seine Brüder jetzt vor dem Examen; good old Mike kann sich zurückziehen und sich seinen drei Töchtern widmen. Sie heißen übersetzt »Kleine Sprinterin«, »Tempo-Tempo«, und die Jüngste, die während des Olympias von Los Angeles zur Welt kam, »Während eines Sportfestes«.
Weniger als problemlose Einzelkämpfer wie Boit schätzen die Veranstalter Stars, die nur zusagen, wenn außer ihnen ein Troß von Sportkollegen mitengagiert und mitbezahlt wird. Berüchtigtster Taktiker auf diesem Gebiet war der Kubaner Alberto Juantorena, Olympiasieger von 1976 über 400 und 800 Meter. »Juantorena und 20 andere aus Kuba«, pflegte er zu fordern, »oder kein Juantorena.« Meist griffen die Organisatoren zu.
Bei DDR-Athleten haben die Veranstalter überhaupt keinen Einfluß auf die Auswahl. »Da wird uns angekündigt, wer teilnimmt. Aber man ist ja froh«, so Thiel, »wenn die DDR überhaupt Leute nach West-Berlin herüberschickt.« Und die Bezahlung? »Die kennen unser Preisniveau genau.«
Der übrige Zirkus tingelt wochenlang durch Europa. Besonders die große amerikanische Truppe nimmt jedes Sportfest mit. »Für die ist Europa ganz toll«, sagt der frühere deutsche Stabhochsprung-Meister Günther Lohre, »hier kriegen alle Flugtickets, Hotelzimmer, Mahlzeiten und den Transport ins Stadion gratis. In den USA gibt's Dollar nur für die Leistung auf dem Platz. Um alles andere muß sich jeder selbst kümmern.«
So hängen die Athleten zwischen Wettkampf und Training tagelang in Hotelhallen, Flughäfen und Spielsalons herum, durch einen Walkman vor der Umwelt abgeschirmt. Dolce vita ist selten. Zu sehr achten sie alle auf ihren Körper, ihre Form. Denn Form ist Geld.
Nur manchmal, wenn der Frust sie übermannt, brechen sie aus. »Die Sprinter und Werfer sind dann die Aktivsten. Langstreckler müssen immer früh ins Bett, die sind viel zu kaputt«, sagt Lohre. Meist aber bleibt es beim Anruf in die Heimat. Lewis' Telephonrechnung betrug für zwei Tage Berlin 3600 Mark. Er mußte sie selbst bezahlen.
Ein polnischer Stabhochspringer versuchte seinem Durchhänger auf andere Weise beizukommen. Der junge Mann rief sämtliche Hostessen und Modelle am Ort an, um das preisgünstigste Angebot herauszufiltern. Für die Telephonrechnung kam der Veranstalter auf.