REITEN Doping gestrichen
So schnell kann das gehen. In der Warendorfer Zentrale der Reiterlichen Vereinigung sitzen nun keine Vertuscher mehr, sondern Tugendwächter im Kampf gegen das Doping. Sie sind jetzt keine Mitwisser mehr, sondern Saubermänner, die sich für einen »genialen PR-Coup« feiern.
Der besteht darin, dass die Reiterliche Vereinigung (FN), die monatelang Medikamentenmissbrauch ihrer Athleten verheimlicht hatte, kurz vor Pfingsten die Kader ihrer Spitzensportler auflöste. Der Verband, ein Zusammenschluss von 750 000 Pferdeliebhabern in Deutschland, suspendierte noch seinen Vorzeigereiter Ludger Beerbaum und setzte eine Kommission ein, die untersuchen soll, wie verseucht ihre Branche mit Pharmaka ist.
Die FN habe gezeigt, dass sie »einen sauberen Sport für die Zukunft will«, lobte Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Auch die ARD, die wegen der Manipulationsfälle die Verhandlungen über einen neuen Fernsehvertrag unterbrochen hatte, schwärmt vom Kurs der FN-Führung. Und Soenke Lauterbach, der Generalsekretär der FN, sprach nach dem positiven Echo von einem Befreiungsschlag.
Kaum ein Funktionär, weder Reiterpräsident Breido Graf zu Rantzau noch Sportchef Reinhard Wendt, wird um seinen Posten bangen müssen. Kein Reiter, auch nicht Beerbaum, muss um Einsätze bei lukrativen Springturnieren fürchten. Und auch der Pferdehandel, der Treibstoff dieses Sports, wird kaum Schaden erleiden.
Es herrscht Zufriedenheit bei der FN. Weil das Fitspritzen der Pferde ein Kavaliersdelikt bleibt und weil keiner das eigentliche Problem diskutiert: den Konflikt zwischen Tierschutz und Hochleistungssport, um die Frage, ob Pferde Sportgeräte sind oder schützenswerte Geschöpfe.
Zwei Sätze von Deutschlands bestem Springreiter, Ludger Beerbaum, hatten alles losgetreten. »Im Lauf der Jahre habe ich mich darin eingerichtet auszuschöpfen, was geht«, sagte Beerbaum der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« vor zwei Wochen, »ich hatte die Haltung, erlaubt ist, was nicht gefunden wird.«
Beerbaum ist ein Pferdeunternehmer mit Millionenumsatz. Er ist routiniert im Umgang mit Medien. So einem Mann rutschen solche Sätze nicht zufällig heraus. Zusammen mit Rodrigo Pessoa, dem Vorsitzenden der internationalen Profispringreiter aus Brasilien, setzt er sich seit einiger Zeit für eine »größere Rechtssicherheit« ein. In Wahrheit geht es den Reitern darum, Pferde als Hochleistungssportler zu betrachten - denen man mit Spritzen und Salben auf die Sprünge helfen darf.
Wird Beerbaum also vor der Kommission, die von dem früheren Verfassungsrichter Udo Steiner geleitet wird, detailliert beschreiben, mit welchen Mitteln er gearbeitet hat? Wie oft er seinen Pferden zu viel zugemutet hat? Und ob er sie im Training quälte? Warum sollte ein Reiter jetzt etwas zugeben, was die Erfolge der Vergangenheit relativiert und seine berufliche Existenz aufs Spiel setzt?
Ein Sport, der sich reinigen will, braucht mehr als nur Anschuldigungen und Gerüchte. Es gibt nicht viele Beteiligte, die wagen, die Wahrheit auszusprechen. Bisher sind es nur anonyme Berichte über die Praktiken im Pferdesport. Zum Beispiel von einer jungen Reiterin aus Süddeutschland, die sich dem SPIEGEL offenbarte.
Sie ist seit mehr als einem Jahrzehnt mit eigenen Pferden auf internationalen Turnierplätzen unterwegs, und ihre Geschichten erzählen von einer Welt, in der Geschäftsmänner abseits der Parcours industriell gefertigte Gamaschen anbieten. Gamaschen mit nach innen gerichteten Metallspitzen, die sich ins Fleisch der Pferde bohren, wenn sie beim Springen mit den Beinen die Hindernisse touchieren.
Sie erzählt, dass Capsaicin das gängigste Mittel zur Leistungssteigerung sei. Capsaicin wurde im vergangenen Jahr bei den Olympischen Spielen im Pferd Cöster des deutschen Reiters Christian Ahlmann gefunden. Die Salbe wird mit Haargel angemischt, dann auf die Beine der Pferde geschmiert und luftdicht verpackt, bis es richtig brennt. Kurz vor dem Start waschen die Pferdepfleger die Salbe wieder ab. Nach dem Umlauf shampoonieren sie die Beine und kühlen sie mit Manschetten, um die Manipulation zu vertuschen.
Sie erzählt, dass Pferden das Mittel Biodyl in die Muskeln gespritzt wird, es soll nach starker Anstrengung beim Abbau der Milchsäure helfen. Das Pferd spürt die Muskeln nicht mehr, springt wie neugeboren.
Sie erzählt, dass den Pferden das Hormon ACTH intravenös gespritzt wird. ACTH wirkt auf die Nebennierenrinde und setzt körpereigenes Cortison frei. Kleine Verletzungen bleiben so folgenlos.
Sie erzählt, dass sechsjährige Pferde im Winter, um sie auf die ersten Springen im großen Sport vorzubereiten, Anabolika bekommen, um die Muskulatur aufzubauen. Im Frühjahr sind die Anabolika nicht mehr nachweisbar.
Sie erzählt, dass großgewachsenen Pferden mehrmals im Jahr ein Enzym an die Kniebänder gespritzt wird, um dort eine leichte Entzündung hervorzurufen. Bänder schwerer Pferde leiern bei starker Belastung schneller aus. Durch die Entzündung ziehen sich die Bänder zusammen und werden wieder fester.
Viele dieser Medikamente, die die Reiterin aus Süddeutschland gesehen hat, fallen unter die Dopingregel. Wer damit erwischt wird, bekommt eine Sperre. Andere Mittel wie Entzündungshemmer hingegen dürfen die Reiter zwischen den Turnieren zur Behandlung ihrer Pferde ganz legal einsetzen. Nur im Wettkampf gilt die Null-Lösung: Dort dürfen keine Medikamente mehr im Blut zu finden sein, es sei denn, der offizielle Mannschaftsarzt hat zuvor eine Verletzung angezeigt und sich die Behandlung genehmigen lassen.
Der internationale Verband FEI will nun die Regeln ändern. Das Wort Doping wird eliminiert, es wird nicht mehr vorkommen in den Statuten. Stattdessen soll es demnächst eine Klasse »verbannter Substanzen« geben, dazu werden etwa Psychopharmaka zählen. Positive Proben führen wie bisher zu einer Sperre. Daneben wird eine zweite Liste verbotener Medikamente erstellt. Anders als bisher soll nur noch verboten sein, was auf dieser Liste steht. Alle anderen Mittel sind erlaubt. Wer mit einem Präparat, das auf dieser Liste steht, erwischt wird, muss höchstens mit kleinen Geldstrafen und kurzen Sperren rechnen - mit Ausnahme bei einigen wenigen härteren Präparaten.
Mit dieser Regelung werden »die heutigen Verhältnisse etabliert«, sagt Michael Düe, Leiter der Abteilung Tierschutz bei der Reiterlichen Vereinigung und ein Kritiker im Hause. Auch in Zukunft werden die sehr verbreiteten Schmerzmittel und Entzündungshemmer nicht verfolgt. Wer lahme, nicht gesunde Pferde mit diesen Medikamenten aufrüstet und für den Start vorbereitet, wird allenfalls milde bestraft - es sei denn, er wird im Wettkampf damit erwischt. Ausdrücklich spricht sich das FEI-Papier gegen Kontrollen außerhalb des Wettkampfs aus, weil die zu teuer seien. In seinem Stall kann der Reiter also machen, was er will.
Womöglich wird die chemische Aufrüstung des Pferdesports sogar noch intensiver. Denn welche Mittel auf der Liste der verbotenen Medikamente stehen, das müssen die Funktionäre noch entscheiden. Die starke Lobby der Profireiter will die Liste möglichst klein halten. Diese Reiter brauchen die Bühne der Turniere, um ihre Tiere besser vermarkten zu können. Aber große Springen ziehen auch viele Verletzungen nach sich, die medikamentös behandelt werden müssen. Besonders ältere Pferde, die - wie man unter Reitern sagt - schon als etwas »angebraucht« gelten, sind oft nur noch in der Lage zu springen, wenn sie zuvor mit Pharmaka bearbeitet worden sind. Sie müssen aber erst recht erfolgreich auf großen Turnieren vorgestellt werden, um in der Zucht höhere Preise für sie erzielen zu können.
Dass die geplanten FEI-Regeln zu einem saubereren Reitsport führen werden, bezweifelt denn auch Eberhard Schüle, Vorsitzender des Ausschusses für Pferde der Bundestierärztekammer. In einem Schreiben an die FN hat er in der vergangenen Woche den »unabhängigen Sachverstand« der Ärzte angeboten. Schon im Herbst hatte er seine Hilfe in Warendorf offeriert, bis heute hat er keine Antwort bekommen. »Was jetzt noch illegal ist, soll legal werden«, sagt er. »Viele Reiter glauben, ohne Medikamente würden ihre Tiere den Leistungsanforderungen nicht standhalten.« Für die Tierärztekammer ist der Einsatz von Medikamenten aber nur dann »ethisch akzeptabel«, wenn er der »Gesundheit und dem Wohlbefinden« der Pferde diene.
Ein Pferd ist kein Rennrad, an dem man einfach rumschrauben kann. Ein Pferd ist auch kein Profisportler, der Medikamente nimmt, um seine Leistung zu steigern, und der nein sagen könnte. Ein Pferd weiß nicht, was mit ihm passiert.
MICHAEL FRÖHLINGSDORF, UDO LUDWIG,
CONNY NEUMANN