Drei Meter vorhalten - DER SPIEGEL
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Drei Meter vorhalten

Auf leichtes Spiel bei der Weltmeisterschaft hoffen Fußballgroßmächte wie Brasilien und Argentinien, Deutschland und Italien: Noch nie reisten so viele Außenseiter an.
• aus DER SPIEGEL 48/1981
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Nach Siegen über Finnland und Albanien wünschte Bundestrainer Jupp Derwall seiner Fußball-Nationalmannschaft für die Weltmeisterschaft 1982 in Spanien weiteres Kanonenfutter. Derwall: »In der ersten Runde wären uns je ein Gegner aus Afrika, aus Asien und Mittelamerika recht.«

Unrealistisch ist der Wunschtraum des Europameisters Deutschland nicht. Aus Afrika nehmen Algerien und wahrscheinlich Kamerun an der WM-Endrunde teil. Asien entsendet vermutlich erstmals China zum Kampf um den höchsten Fußballtitel.

In Mittelamerika qualifizierte sich Honduras, außerdem wird am 16. Januar 1982 in Madrid womöglich die Equipe des Ölscheichtums Kuweit zugelost.

Erstmals spielen in Spanien 24 Nationalmannschaften statt bisher 16 um den Worldcup. Wie die Deutschen hoffen in der Vorrunde mit sechs Spielgruppen zu je vier Mannschaften auch Weltmeister Argentinien und Brasilien, Italien und England, Spanien und die UdSSR auf leicht verdauliches Fußball-Fallobst.

Doch die Deutschen erlebten bei WM-Turnieren mit den vermeintlichen Fußballzwergen auch schon Überraschungen. 1970 in Mexiko siegten sie nach einem 0:1-Rückstand gegen Marokko nur 2:1. Zuletzt, 1978 in Argentinien, gelang nicht einmal ein Sieg. Tunesien ertrotzte gegen den damaligen Weltmeister Deutschland ein 0:0 und war dem 1:0 näher als die deutschen Recken.

Bis heute unterschätzen die Fußballgroßmächte die Fußball-Davids. 1978 in Argentinien kam Goliath Schottland über ein 1:1 gegen den Iran nicht hinaus. Bei der Junioren-Weltmeisterschaft 1981 spielte Deutschland im Finale nicht gegen Brasilien oder England, sondern gegen deren Bezwinger Katar vom Persischen Golf. Strömender Regen half dann den Deutschen zum 4:0-Sieg.

Der am meisten in der Welt herumgekommene deutsche Trainer Dettmar Cramer behauptete schon vor zwei Jahren: »Im nächsten Jahrhundert werden die Chinesen die meisten Welttitel im Fußball gewinnen.«

Mehr als zwei Jahrzehnte hatte China dem Weltverband nicht angehört. Weil dort auch Taiwan ordentliches Mitglied war, verzichteten die Chinesen auf die Teilnahme an der Weltmeisterschaft. Erst 1974 luden sie Weltmeister Deutschland nach Peking ein, baten aber darum, daß die Gäste eine Mannschaft aus Arbeitern und Studenten, Beamten und Angestellten, Selbständigen und Betriebsleitern bildeten. Die Deutschen schickten Amateure.

Präsident Hermann Neuberger und Bundestrainer Jupp Derwall reisten mit. »Fußball dürfen in China zwar nur Leute spielen, die in irgendeiner Kommune organisiert sind«, berichtete Neuberger, »es genügt aber, wenn man pro forma irgendeiner Obstbaukommune angehört, ohne je auf einen Apfelbaum gestiegen zu sein.«

Bundestrainer Derwall entdeckte auch fußwerkliche Qualitäten. »Sie spielen schön wie die Südamerikaner«, berichtete er. »Nur mit der Kraft hapert es noch.« 1979 fühlte sich China für die Weltmeisterschaft kräftig genug und meldete sich beim Weltverband zurück.

Vor den ersten WM-Qualifikationsspielen verbrachten die Chinesen den Sommer 1981 in deutschen Sportschulen. Nach einer 1:2-Niederlage gegen Portugals Meister Benfica Lissabon besiegten sie viermal bundesdeutsche Amateurauswahlmannschaften und sogar den Bundesligaklub MSV Duisburg mit 2:1.

Duisburgs Verteidiger Dubski, der sonst Deutschlands beste Nationalstürmer wie Rummenigge zu bewachen hat, berichtete: »Noch nie hatte ich einen so schnellen Fußballer wie den Gu Guangming erlebt, bei dem muß man beim Reingrätschen mindestens drei Meter vorhalten.«

Derwalls Stellvertreter Erich Ribbeck beruhigte deutsche Bundesligaprofis, denn er hatte die Chinesen in Deutschland betreut: »Sie spielen immer noch betont körperlos.«

Jüngere Fußballberichte aus China enthalten jedoch Hinweise auf ähnlich rauhe Sitten wie in der großen Fußballwelt. In Schanghai stürmten mehrmals Zuschauer zu Hunderten auf den Platz und verprügelten den Schiedsrichter. Sie demolierten sogar die wenigen Autos, die in der Nähe des Stadions parkten.

Während die Deutschen immerhin als Kenner des chinesischen Fußballs gelten dürfen, ist die Fußball-Nationalmannschaft aus der ehemaligen deutschen Kolonie Kamerun hierzulande eine unbekannte S.204 Größe. Das erste Spiel beim Favoriten Marokko gewannen die Afrikaner 2:0.

Vor zehn Jahren hatte der deutsche Trainer Peter Schnittger Kameruns Equipe für das Turnier um den Afrika-Cup in der Hauptstadt Jaunde trainiert. Doch in dem 15-Millionen-Mark-Stadion, das 50 000 Zuschauer faßt, lag die Heim-Mannschaft zur Halbzeit gegen Kongo-Brazzaville mit 0:1 zurück. Weil Staatspräsident Amadou Ahidjo sehnlich Umschwung und Sieg wünschte, ließ der Kulturminister Trainer Schnittger ausrichten, welche Spieler er auswechseln solle. Doch der Deutsche reagierte nicht auf »den Vorschlag von Laien«. Kamerun verlor und schied aus. Schnittger sollte inhaftiert und aus dem Land gewiesen werden.

Seitdem bevorzugte Kamerun französische und jugoslawische Trainer, schaltete in der laufenden Qualifikation für 1982 Zimbabwe, das frühere Rhodesien, und Zaire aus, das noch 1974 an der WM-Endrunde teilgenommen hatte. Vor den Spielen gegen Kamerun sah sich Marokkos französischer Nationaltrainer Just Fontaine in Hamburg den HSV beim Europacupspiel gegen Girondins Bordeaux an und erklärte siegesgewiß: »In Blickrichtung Spanien kann man nicht genug Bundesligaklubs studieren.« Jetzt scheint Kamerun statt Marokko dabeizusein, falls es am kommenden Sonntag nicht höher als mit einem Tor Unterschied das Rückspiel zu Hause verliert.

Ausländische Lehrmeister engagierte auch Kuweit, um endlich an einer WM-Endrunde teilzunehmen. Für 12 000 Dollar Monatsgage wurde der Brasilianer Mario Zagallo als Trainer verpflichtet.

Aber 1978 fuhr die Equipe des Iran statt Kuweit zur Weltmeisterschaft nach Argentinien. Nach einer 0:3-Niederlage in Peking siegten die Kuweitis unlängst 2:1 in Neuseeland und 2:0 in Saudi-Arabien.

Die Nationalmannschaft von Honduras war zwar noch nie dabei, steht bei den WM-Veranstaltern jedoch trotzdem in schlechter Erinnerung. 1969 lieferten sich die Mittelamerikaner mit den Nachbarn aus El Salvador drei hitzige Fußball-Kämpfe. Honduras verpaßte nicht nur die Endrunde, sondern wurde auch durch den Einmarsch der Armee von El Salvador überrascht. Über der Hauptstadt Tegucigalpa warfen feindliche Flugzeuge Bomben ab. 3000 Tote soll der Krieg gefordert haben. Jetzt ließ Honduras Mexiko und Kanada hinter sich - auf den Fußballfeldern.

»Es wäre verkehrt, wenn die Mannschaften der Dritten Welt so spielen würden wie ihre Lehrmeister«, warnt Weltenbummler Dettmar Cramer. »Denn das können Brasilianer, Jugoslawen und Deutsche besser.« Überrumplungen sind, so Cramer, nur durch »das Abgründige im Außenseiter möglich«.

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