Rad Dumpfes Eisenstemmen
Einige Mädchen hängen am Reck, quälen sich mit Klimmzügen. Andere, die schwere Langhantel im Nacken, üben Kniebeugen. Junge Männer, ebenfalls mit Gewichten bepackt, hüpfen wie Frösche über eine Kunststoffbahn.
»Maximalkrafttest« nennt Rad-Bundestrainer Siegward Lychatz, 51, die von ihm angeordnete Schinderei, die er im tristen Kraftraum der Oderlandhalle in Frankfurt/Oder beobachtet.
Je heftiger die Mitglieder des Kaders der deutschen Bahnradverfolger unter der Eisenlast stöhnen, desto zufriedener wirkt Lychatz. Mit diesen Übungen, preist der Coach sein Programm, »haben wir früher in der DDR Sieger gemacht«.
Als Lychatz sich 1988 während einer Mittelmeerreise von der DDR-Mannschaft absetzte, war er beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR) herzlich willkommen. Die westdeutschen Funktionäre glaubten, über ihn die Erfolgsgeheimnisse der weltbesten Bahnsprinter zu erfahren. Doch die Verpflichtung des Meistermachers, dem der BDR nach einjähriger Arbeit auf Honorarbasis im vergangenen Jahr einen Vierjahresvertrag gab, entpuppt sich womöglich als teurer Fehlgriff: Mit seinen brachialen Methoden gefährdet Lychatz die Gesundheit deutscher Radamateure.
So laboriert der siebenmalige Schüler- und Juniorenmeister Holger Stach, 20 (Dortmund), seit einem Jahr an einer »Lähmung der rechten Schultermuskulatur«. Der Muskel, so der behandelnde Arzt Michael Misterowicz, habe »praktisch keine Funktion« mehr und drohe abzusterben.
Für die Lähmung macht der Sportmediziner eine Nervenverletzung verantwortlich, die »in jedem Fall« auf das von Lychatz verordnete »schwachsinnige Krafttraining« zurückzuführen sei.
Seinem Patienten, glaubt Misterowicz, hätte es auch schlimmer ergehen können: Stach habe »Glück gehabt, nicht von der Hantel erschlagen worden« zu sein. Ehemalige DDR-Kollegen sind nicht verwundert, daß Lychatz mit seinem Trainingskonzept im Westen aneckt. Er sei gespannt, sagt der einstige ostdeutsche Spitzentrainer Klaus Ampler, »wann ihr uns den wieder zurückschickt«.
Den Radexperten in den fünf neuen Bundesländern ist bekannt, was den erfolgssüchtigen West-Funktionären nicht auffiel: Das angeblich so subtile Trainingsprogramm von Lychatz, der sich nach seiner Flucht imagefördernd gerühmt hatte, den Cottbusser Lutz Heßlich 1980 und 1988 zum Olympiasieger gemacht zu haben, besteht vor allem aus dumpfem Eisenstemmen.
Zudem arbeitete der »Doktor der Methodik« nicht mit den Athleten - wie die Westdeutschen glaubten -, sondern war einer der Apparatschiks des DDR-Sports. Als Leiter des wissenschaftlichen Zentrums für Radsport in Leipzig klügelte er die Trainingspläne aus.
Bei den rabiaten Kraftproben mußten die DDR-Radler im Training und bei Tests mit einer Eisenlast, die dem Zweifachen ihres Körpergewichts entsprach, immer wieder in die Knie gehen, wobei Kniegelenke und Wirbelsäule aufs äußerste belastet wurden.
Ohne saubere Technik, erklärt der dreimalige Weltmeister Michael Hübner aus Chemnitz, »kann man sich dabei ganz schnell was holen«. Die großen Erfolge der DDR seien eben nur mit einem »extrem hohen Menschenverschleiß« möglich gewesen. So entging Heßlich wegen eines Bandscheibenvorfalls und einer chronisch entzündeten Wirbelsäule nur knapp dem Rollstuhl. Der Doppelolympiasieger kann nie wieder als Sportlehrer arbeiten, er ist zwei Jahre nach Karriereende ein Sportinvalide.
Doch der BDR greift nicht ein, obwohl Bundestrainer Lychatz selber einen »gewissen Verschleiß« bei seinen Schützlingen »nicht verkennen« mag. Damit paßt er nur zu gut an die Seite seines Westkollegen Wolfgang Oehme, der tolerieren will, »wenn von 40 Athleten 30 verschlissen werden, damit 10 schnell fahren«.
So darf Lychatz auch im Westen seine Vorstellungen von einem »geordneten System« verwirklichen. Als Stach über das Training klagte, drohte er, ihn bei Ungehorsam aus dem WM-Kader zu werfen. »Aus Angst«, so Stach, der wegen »stechender Schmerzen« gar die Notaufnahme des Dortmunder Knappschaftskrankenhauses aufsuchte, hätten die Amateure auch mit »viel zu hohen Gewichten« trainiert. Zudem hätten konkrete Anweisungen für die gefährlichen Übungen gefehlt, jeder habe »aufs Geratewohl gestemmt«.
Doch Lychatz verteidigt seinen harten Kurs. Stach habe sich verletzt, weil er »eine schwere Werkzeugkiste« getragen habe. Und in einer Trainerprüfung kanzelte er den Neusser Krafttrainingsspezialisten Ralf Meutgens, der sich kritisch mit seinen Methoden befaßt hatte, nach SED-Manier ab. »Einen wie Sie, mein ganz spezieller Freund«, blaffte Lychatz, »dürfte man eigentlich gar nicht zum A-Trainer machen.«
Meutgens' erste Zulassungsarbeit über »Die Problematik des Tiefkniebeugetrainings mit der freien Hantel« wurde zunächst abgelehnt.
Dabei werden Meutgens' Einwände von Sportwissenschaftlern unterstützt. So sieht der Leipziger Sportmethodiker Harold Tünnemann diese Trainingsformen »äußerst kritisch«. Und selbst die Verbandsärzte des BDR melden Bedenken an. Der Freiburger Georg Huber schätzt falsches Krafttraining als »längerfristig schädigend« ein, sein Kollege Albert Güßbacher hält die Lychatz-Methode für »nicht mehr zeitgemäß«.
Die notwendigen Kraftübungen könnten an isokinetischen Maschinen ebenso effektiv gestaltet werden. Den Umgang mit diesen modernen Geräten will Lychatz »demnächst lernen«.
Für Stach kommt die Einsicht zu spät. Der Dortmunder wollte Polizist werden. Er fiel beim Gesundheitstest jedoch durch, »weil das Schulterblatt wie ein Buckel raussteht.« Dadurch ist auch seine Lehre als Brauer gefährdet.
Den Verband informierte Stach im Oktober letzten Jahres, auf eine Antwort jedoch wartet er immer noch. Nun will er »wegen Körperverletzung klagen«. o