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Handball Echt was wert

Handball-Star Wieland Schmidt pendelt zwischen Ost und West. Er lebt in Leipzig und spielt in Hameln.
• aus DER SPIEGEL 3/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er ist es nicht mehr gewohnt, Schlange zu stehen. Ungeduldig blickt Wieland Schmidt auf die Trabis vor und neben ihm, die voll bepackt mit den Gütern aus dem Reich von Kaufhof und Ikea dem Grenzübergang Helmstedt entgegentuckern. Schmidts Kalkulation - in vier Stunden Fahrzeit von Hameln (West) nach Leipzig (Ost) - droht an der neuen Reiselust seiner Volksgenossen zu scheitern.

Endlich steuert er seinen roten Ford Sierra vor die Kontrollstelle, streckt den blauen DDR-Ausweis aus dem Seitenfenster. Da rüffelt ihn der Grenzposten barsch: »Ham'Se das Stoppschild nicht gesehen?« Die Zufahrt sei erst auf seinen Wink hin frei. Schmidts Ungeduld wächst zum Zorn: »Der hat die Wende noch nicht mitgekriegt. Und der wird sie nie mehr lernen.«

Schmidt will nicht verstehen, wieviel Zeit manche Leute benötigen, eine veränderte Situation zu erfassen. Drei Tage im Dezember brauchte er, um seine Zukunft zu wenden: Aus Wieland Schmidt, 36, dem Verdienten Meister des Sports, dem Torwart im Ruhestand der DDR-Auswahl, dem Jugendtrainer des SC Leipzig und Studenten der Deutschen Hochschule für Körperkultur, wurde der Torhüter des bundesdeutschen Zweitligaklubs VfL Hameln.

Der gebürtige Magdeburger, Olympiasieger 1980 und in Fachkreisen über ein Jahrzehnt als »weltbester Torhüter« gepriesen, griff zu, als der Westen mit harter Währung lockte. Wie ein Brückenbauer auf Montage pendelt Schmidt jetzt zwischen Wohnung und Arbeitsplatz, trainiert und spielt von Dienstagabend bis Samstag in Hameln, für den Rest der Woche fährt er stets nach Hause zu Familie und Studium in Leipzig.

Als Wanderer zwischen zwei Welten realisiert Schmidt vorläufig bis zum Saisonende im April den Wunschtraum vieler DDR-Bürger, der allen um sozialen Frieden und den Ausverkauf der Republik besorgten Politikern ein Alptraum ist: im heimischen Osten leben, im goldenen Westen arbeiten.

Wie fix der reaktionsschnelle Torwart auch im Alltag kapiert und agiert, erfuhren die neuen Arbeitgeber schnell. Am Tag nach seiner Ankunft in Hameln rückte ein TV-Reporter des NDR an. Aufnahmen erlaubte Schmidt erst, nachdem er den Pulli des Vereinsausrüsters übergestreift hatte.

Vorige Woche staffierte ihn ein Modehaus aus, mit einem »richtig feinen Anzug«. Als Gegenleistung durfte die lokale Presse dabeisein. Sein Leihwagen, faßt Schmidt vier Wochen West-Erfahrung zusammen, sei schon so oft in Zeitungen abgebildet worden - »den müßte ich glatt geschenkt bekommen«. Denn für die Sponsoren, hat er in der freien Marktwirtschaft erkannt, »bin ich echt was wert«.

Als habe er in Leipzig nicht Marxismus-Leninismus studieren müssen, sondern Marketingkurse an einer bundesdeutschen Uni belegen können, verkörpert Schmidt locker den Prototypen des westlichen Modellathleten, der seinen Preis exakt taxieren kann.

In Hameln ist für ihn das Leben umsonst: frei wohnen, frei essen, frei tanken. Das hat Dieter Teraske, den Manager des Tabellenführers der Zweiten Liga und Macher dieses bisher einmaligen Coups im deutsch-deutschen Sportverkehr, lediglich ein paar Telefonate mit Gönnern des Vereins gekostet. Die Provinz adoptiert nur zu gern einen berühmten Sohn.

Schmidt will seine grenzüberschreitende Popularität nicht allein als frei konvertierbare Währung nutzen. Zu »Leistung«, wie er sie beim ersten Kneipenbesuch in Hameln bei den »flinken Kellnern« bestaunt hat, fühlt er sich verpflichtet. »Er arbeitet professioneller als die meisten hiesigen Sportler«, sagt Hamelns Trainer Jürgen Kloth.

Offiziell erhält der Leipziger für seine Auftritte im Hamelner Tor nur ein »Taschengeld« (Teraske). Ein runder Tausender pro Spiel, bar auf die Hand, werde es schon sein, heißt es in VfL-Kreisen. Das meiste davon spart Schmidt - in Hameln. Aber vor jeder Heimfahrt kauft er auch ein.

Im Supermarkt nimmt er »Persil«, weil ihm die Frau des Managers gesagt hat, das sei das beste Waschmittel. Abends, beim Werbefernsehen sieht er sich bestätigt: »Richtig gemacht.« Markenbewußt führt er auch Erdbeermarmelade, Apfelsaft, Zahnpasta, Schinken und das unvermeidliche Kinder-Überraschungsei in den Osten ein.

Wieland Schmidt, seine Frau Michaela, 28, und Sohn Benjamin, 4, wohnen in der Leipziger Bosestaße in einem jener Mietshäuser, die der alte Sozialismus seinen Helden zuschusterte: drei Zimmer, Zentralheizung, im Wohnzimmer - Ausdruck architektonischer Extravaganz - ein Erker, dessen Fenster den Blick auf die frisch restaurierte Fassade eines gegenüberliegenden Altbaus erlaubt. Das Wohnungsamt hatte ursprünglich eine Bleibe »im Getto vor der Stadt« (Schmidt) vorgesehen. Doch der zweite Parteisekretär besorgte, von Genosse zu Genosse, »Neubaukomfort«. Das war wenige Wochen vor der Wende.

Einen Block weiter, in der Zentralstraße, wohnt die sechsfache Schwimm-Olympiasiegerin Kristin Otto. Den Peugeot 309, den sie zur Anerkennung ihrer Plansoll-Erfüllung erhielt, parkt sie vorsichtshalber nicht mehr vor ihrem Haus - aus Angst vor dem Unmut der Bevölkerung.

Die neue Demokratie hat die alten Hätschelkinder des Sozialismus enteignet. Die großzügigen Gelder zur Förderung des Spitzensports sind storniert, die Privilegien abgeschafft. Über Vorteile, wie sie dem Ost-Star Schmidt ehemals zuteil wurden, kann der West-Star Schmidt indes nur noch müde lächeln.

Heute, den Westen fest im Blick, summiert er keine Extras, sondern rechnet auf, was ihm ein Sportlerleben lang verwehrt wurde. Noch 1988 lehnte der Deutsche Handball-Verband der DDR Angebote aus Barcelona, Paris und der Bundesliga aus »ideologischen Gründen« ab. Auch für ein Handballbuch, das er schreiben wollte, fand sich kein Verlag. Zur Republikflucht konnte sich Schmidt nie entschließen - »aus Angst vor einem Absturz« im kapitalistischen Dschungel nach Ende der aktiven Laufbahn. So sei er »der brave Junge mit 1000 Mark Monatsgehalt« geblieben.

Schmidt ist ein unpolitischer Mensch. SED-Mitglied wurde er, weil er »sonst im Sport nicht weitergekommen wäre«. Als sei die Partei ein Handballverein, trat Schmidt ein und, so seine Sicht der Dinge, jetzt auch aus: Seit er Honeckers Gemächer in Wandlitz im DDR-Fernsehen gesehen hat, zahlt er keinen Mitgliedsbeitrag mehr.

Während durch die Bosestraße Menschen mit Fahnen und Spruchbändern zur ersten Montagsdemonstration im neuen Jahr auf den Karl-Marx-Platz ziehen, sitzt ein alter Kumpel in Schmidts schwarzer Kunstledergarnitur. Peter Hofmann, noch aktiver Nationaltorwart, findet Schmidts schnelle Westkarriere »dufte«, möchte auch rüber, sucht Rat, erwartet insgeheim Hilfe vom Kollegen.

Athleten wie Hofmann, keineswegs nur Handballer, geben sich bei Schmidt die Klinke in die Hand. Alle sehen ihre Chancen im ehemaligen Sportler-Wohlfahrtsstaat schwinden, bekommen aber glänzende Augen, wenn Schmidt bei Dosenbier, Marke Holsten, berichtet, daß die staatlich verordneten Privilegien von hüben drüben Sponsorship heißen.

»Die wollen alle raus«, sagt Schmidt, »und wissen nicht, wie.« Mangelnde Eigeninitiative sei eine Folge der früheren Vollversorgung der DDR-Sportler: »Uns wurde das Denken abgenommen.«

Das westliche System hat ihn infiziert, motiviert und den Träger des Vaterländischen Verdienstordens in kurzer Zeit in seiner Heimattreue verunsichert. Auf dem Rückweg in den modernen Sportkapitalismus, irgendwo zwischen Braunschweig und Hannover, bei Tempo 160 auf der Überholspur, sagt er selbstzufrieden: »Die Welt ist in Ordnung für mich.« »Angst« habe er lediglich vor der immer größer werdenden Verlockung, nach vier Monaten nicht mehr vom neuen Lebensstandard lassen zu können.

»Benjamin«, stellt Schmidt beklommen fest, unterscheide bereits zwischen Ost- und West-Schokolade, zwischen »Coca-Cola und DDR-Brause«. Aber seinem Sohn bringt er jede Woche Videobänder mit, auf denen er die Kinderstunden des West-TV aufgezeichnet hat.

Mit jedem Kilometer, den Schmidt sich Hameln nähert, mit jedem Tag, den er dort erlebt, wächst die gedankliche Distanz zu Leipzig. Vergangenen Montag hat er sich erkundigt, ob er den unbezahlten Urlaub als Jugendtrainer ausdehnen und das Studium für ein Jahr aussetzen könne.

Der Grenzgänger schmiedet nämlich längerfristige West-Pläne. Der neue Klub steht vor dem Aufstieg, Hamelns Manager Teraske lockt mit einer Weiterverpflichtung, und Schmidt weiß, was in der Bundesliga für Spitzenspieler gezahlt wird: »Bis zu 150 000 Mark.«

Visionen, die einst sizilianische Gastarbeiter in Scharen zu VW nach Wolfsburg lockten, gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf: die Familie rüberholen, seiner Frau durch einen VfL-Gönner eine Stelle als medizinisch-technische Assistentin verschaffen, die verdienten Devisen in einen Sparstrumpf stecken und als gemachter Mann »in ein neues Leipzig« zurückkehren: »Vielleicht hat sich bis dann ja politisch was bewegt.«

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