Eigentlich albern
Wenn am Donnerstagmittag die Abfahrtsläuferinnen aus dem 2179 Meter hochgelegenen Starthäuschen am Mount Allan sich auf die Steilpiste in Richtung der schweren Bodenwelle »Big Mac« stemmen, werden die Fernsehkameras ein ungewohntes Bild einfangen: rasende Damen, deren Haare im Fahrtwind flattern.
Während Abfahrerinnen ihre Haare gewöhnlich kurz halten oder vor dem Rennen sorgfältig unter die aerodynamisch geformten Helme stopfen, haben Kanadas Rennläuferinnen im Herbst letzten Jahres Friseurverbot erhalten. Tests im Windkanal eines Forschungslabors in Ottawa hatten nämlich ergeben, daß Hinterkopfhaare, die unter dem Helm heraushängen, den Widerstand gegen den Fahrtwind um bis zu vier Prozent verringern können.
»Eigentlich hört es sich albern an«, sagt Currie Chapman, Trainer der kanadischen Abfahrtsläuferinnen, »aber die unter dem Helm hervorlugenden Haare vermindern den Auftrieb.« Ähnlich wie der Spoiler am Heck eines Autos das Fahrzeug bei hoher Geschwindigkeit auf die Fahrbahn drückt, sollen Chapmans Schützlinge ihre Bodenhaftung während der um die 120 Stundenkilometer schnellen Schlußfahrt verbessern und dadurch schneller werden.
Jene Zehntelsekunde, die der flatternde Schopf bringen soll, wird Kanadas Läuferinnen kaum zum Sieg verhelfen: Allzusehr sind etwa die Schweizerinnen überlegen. Aber der Haar-Fall belegt das schier unerschöpfliche Vertrauen, das die Gastgeber der Spiele von Calgary in die Weissagungen von Meßtechnikern, Materialforschern und Ingenieuren setzen.
»We Welcome the World« - wir heißen die Welt willkommen, heißt Calgarys offizieller Begrüßungsspruch. »We Welcome High Tech« ist das wahre Motto, unter dem Sportler und Veranstalter zu den bislang üppigsten Olympischen Winterspielen angetreten sind. 1800 Sportler aus 57 Nationen wollen »in den besten Sportstätten, die für Geld zu haben sind«, so das kanadische Sportfachblatt »Champion«, um 138 Gold-, Silber- und Bronzemedaillen kämpfen.
Böige Winde, Schneetreiben, hartes oder weiches Eis, klirrende Kälte oder plötzlich eintretende Warmluft waren in der Vergangenheit häufig ausschlaggebend etwa für Sieg und Niederlage bei den Eisschnelläufern. Nicht so in Calgary. Für knapp 40 Millionen Dollar wurde auf dem Gelände der University of Calgary das Olympic Oval erbaut, eine vollklimatisierte Halle von den Ausmaßen eines Fußballstadions. Als besonderer Gag läuft eine fahrbare Fernsehkamera mit den Läufern mit.
400 Meter mißt die Eisbahn im Olympic Oval, für die der bundesdeutsche Schnelläufer Uwe Streb vergangene Woche »ein einziges Wort« hatte: »super«. Sie sei zudem »für jede Überraschung gut, vor allem auf den Sprintstrecken«. Der Schweizer Christoph Neidhart hingegen erinnerte sich wehmütig an seine aktive Zeit, in der er »noch bei minus 27 Grad Rennen lief«, und befand über das windstille Oval: »Hier ist Eisschnelllaufen keine Wintersportart mehr.«
Wo immer sich die Natur den Stromlinien-Spielen entgegenstellte, beseitigten die Organisatoren jeglichen Widerstand. Der Mount Allan etwa, an dem die Torstangen für Slalom- und Abfahrtsrennen stecken, war nach Ansicht von Skiexperten
denkbar ungeeignet für die Wettkämpfe.
Der Berg liegt am Ostrand der Rocky Mountains so ungünstig, daß der warme Fallwind Chinook, der - wie regelmäßig im Februar - auch vergangene Woche über Calgary einsetzte, stets auch den Mount Allan bestreicht und dort den Schnee schmilzt. Darüber hinaus war der Berg so geformt, daß eine sinnvolle Verlegung von Wettkampfpisten nicht möglich schien.
Doch Peter Lougheed, bis 1985 Premier der Provinz Alberta, wollte am Fuße des 80 Kilometer westlich von Calgary gelegenen Bergs das Naherholungs- und Wintersportgebiet Nakiska einrichten. Lougheed setzte sein Lieblingsprojekt gegen starke Opposition schließlich durch.
Arbeiterkolonnen mit Preßlufthämmern und Bulldozern rückten dem flachen Mount Allan auf den Fels, bis er ein steiler Abfahrtsberg war. 25 000 Kubikmeter Gestein, genug um damit ein Dutzend Schwimmbecken zu füllen, schlugen die Kolonnen aus dem Berg.
Sie zerklopften und sprengten die Steilhänge und Bodenwellen, die weltweit Milliarden Fernsehzuschauer jetzt als »Big Mac«, »Whiskey Gap« oder »Hollywood Jump« kennenlernen. Kosten der Bergschnitzerei einschließlich Liften, Parkplätzen und Hamburger-Stationen: 30 Millionen Dollar.
Allein 5 Millionen kostete die gigantische, computergesteuerte Maschinerie: Mit Hilfe der Schneekanonen können am Mount Allan ebenso wie im einige Kilometer weiter nordwestlich gelegenen Canmore Nordic Center, dem Schauplatz der nordischen Skiwettbewerbe, die Olympischen Winterspiele getrost bei Temperaturen stattfinden, die im subarktischen kanadischen Winter beinahe frühlingshaft sind.
Vernarrt in das künstliche Weiß, das sich erst bei einigen Plusgraden auflöst, scheint Calgarys Organisatoren natürlicher Schnee beinahe zuwider. Als eisige Luftmassen Anfang vergangener Woche üppigen Schneefall brachten, wurde der Naturschnee sorgsam ab- und eine neue Kunstschicht aufgetragen.
Daß Laser nicht nur für SDI geeignet sind, beweisen die Calgary-Macher allabendlich vor ihrem Rathaus. Zur Siegerehrung wandern farbige Strahlen über den Himmel. Derweil werden auf riesige Leinwände, die von Hochhäusern herabhängen, prägnante TV-Bilder des abgelaufenen Tages projiziert.
Für den Olympia-Touristen, der nicht weiß, was Bob- und Schlittenfahrer, Skispringer und Abfahrtsläufer bei der Ausübung ihres Sports empfinden mögen, gibt es anschaulichen Unterricht. Während die Produzenten der TV-Gesellschaft ABC den sogenannten Vorläufern bei den alpinen Wettbewerben Mini-Kameras umschnallen, die live die
Schußfahrt durch die Tore übermitteln, sind im olympischen Besucherzentrum Simulationsräume für Bobfahrt und Skiflug eingerichtet.
Die beiden verdunkelten Zellen sind an den Stirnseiten jeweils mit Leinwänden ausgestattet. Darauf läuft je ein Film eines tatsächlichen Skisprungs oder einer Bobfahrt aus der Perspektive des Athleten ab. Die Besucher erleben die sportlichen Höchstleistungen ähnlich wie in einem Flugsimulator der Lufthansa. Sie stehen auf einer Plattform, die sich synchron zu den gezeigten Filmszenen bewegt - die Fahrt durch die Steilkurven des Eiskanals und das Abheben vom Schanzentisch eingeschlossen.