SKI ALPIN »Ein bisschen böse sein«
Kjus, 29, gehört zu den wenigen Skiprofis, die in allen vier Disziplinen Weltcuprennen gewonnen haben. Insgesamt holte der Norweger 13 Medaillen, darunter olympisches Gold 1994 in der Kombination und 3 Weltmeistertitel. 1996 und 1999 sicherte er sich als bester Fahrer der Saison den Gesamt-Weltcup, der am Wochenende in Park City (US-Staat Utah) seine Tour durch Amerika startet. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Kjus, der Weltcup-Zirkus erwartet sehnlichst Ihre Rückkehr als Gegenspieler Hermann Maiers. Deshalb zunächst die Frage: Wie geht es Ihnen?
Kjus: Ich bin gesund. Ein Zustand, der für mich zugegebenermaßen nicht unbedingt normal ist.
SPIEGEL: Sie leiden an chronischer Bronchitis. Letzte Saison konnten Sie nur sporadisch Rennen bestreiten. Bekommen Sie Ihr Problem diesen Winter in den Griff?
Kjus: Ich befinde mich in einer grotesken Situation. Ich übe einen Beruf aus, dessen Arbeitsbedingungen Gift für meine Schleimhäute sind: extreme Kälte, Reisestress, Höhenunterschiede. Dabei sind die Lungen für jeden Skiprofi so wichtig wie Oberschenkel oder Knie. Neuerdings werde ich aber mit einem entzündungshemmenden Kortisonpräparat behandelt, seitdem bin ich nicht mehr so anfällig.
SPIEGEL: Den Weltcup-Auftakt vor zwei Wochen in Sölden haben Sie dennoch krankheitsbedingt versäumt. Dachten Sie schon mal ans Aufhören?
Kjus: Vergangenen Winter sehr oft. Damals diente mir der Rennsport noch dazu, mich selbst zu beweisen. Nichts war mir wichtiger als der Wettkampf. Ich wollte immer zu den Gewinnern zählen. Deshalb fiel es mir schwer, mein Handicap zu akzeptieren. Jetzt habe ich gelernt, die Sache nicht mehr so verbissen zu sehen. Ich weiß, dass ich, wenn ich gesund bin, mit den Besten mithalten kann, das genügt mir.
SPIEGEL: Den Vermarktern wird das nicht genug sein. Sie setzen auf das Duell Maier gegen Kjus.
Kjus: Ich würde diese Rolle gern ausfüllen. Aber im Gegensatz zu mir ist Hermann Maier immer in der Lage, ein Rennen zu gewinnen. Seine Konstanz ist schon beeindruckend.
SPIEGEL: Das klingt, als sei Ihr Rivale eigentlich Ihr größtes Vorbild.
Kjus: Ich halte ihn für eine tolle Persönlichkeit. Natürlich kenne ich die Geschichten über wilde Partys und über den Neid seiner Kollegen im österreichischen Team. Aber ich kann nichts Schlechtes über ihn sagen. Vielleicht akzeptiert er mich auch mehr als andere, weil er weiß, dass ich ihm das Wasser reichen kann.
SPIEGEL: Im vorletzten Winter haben Sie ihn in der Abfahrt sogar beherrscht.
Kjus: Ich habe das selbst nicht erwartet. Ich hatte vor der Saison ständig Probleme mit meiner Krankheit. Doch dann gewann ich trotz der hohen Startnummer 24 die erste Abfahrt in Val d''Isère, von da an war mein Selbstvertrauen riesig. Das hat wohl auch Maier gespürt; er hat gemerkt, wie stabil
ich bin, wie schwer es ist, mich zu schlagen. Für extrem selbstbewusste Sportler-Typen wie Maier ist es ein Problem, wenn ein anderer mit den eigenen Stärken Erfolg hat. Es hat ihn damals wohl zermürbt.
SPIEGEL: Stört es Sie nicht, dass der Weltcup der Männer mehr und mehr einer Hermann-Maier-Show gleicht?
Kjus: Wenn Maier aufhört, Rennen zu gewinnen, dann wird es auch um ihn sehr schnell sehr ruhig werden. Aber er ist momentan nun mal der Maßstab. Er ist physisch sehr stark. Er hat eine überragende Technik. Vor allem aber ist er psychisch ideal beschaffen.
SPIEGEL: Was heißt das?
Kjus: Man muss ein bisschen böse sein, um als Skiprofi immer ans Limit gehen zu können. Wir arbeiten mit hohen Geschwindigkeiten, unser Sport ist nicht ungefährlich. Maier bringt die nötige Aggressivität mit. Sie hilft ihm, Angst und Unsicherheit zu überwinden.
SPIEGEL: Vom Charakter her sind Sie der Gegenentwurf zu Maier: zurückgezogen, besonnen, wortkarg. Wie bringt so einer die nötige Aggressivität auf?
Kjus: Ich bin in der Lage, Aggression gegen mich selber aufzubauen.
SPIEGEL: Wie funktioniert das?
Kjus: Vor einem Start stellen sich mir immer die gleichen quälenden Fragen: Ist die Fahrlinie, die ich mir vorgenommen habe, wirklich die schnellste? Oder noch schlimmer: Bin ich gut genug, um die Strecke zu beherrschen? Plötzlich steigt die Nervosität, die innere Chemie stimmt nicht mehr, der Körper fühlt sich an wie ein Gelee.
SPIEGEL: Keine idealen Voraussetzungen, um beim Abfahrtslauf einen Eishang mit 130 Stundenkilometern hinunterzurasen.
Kjus: Ich habe jetzt die Reife, nicht mehr komplett zusammenzubrechen. Das funktioniert so: Ich beginne mich über mich selbst zu ärgern, über meine eigene Unsicherheit. Irgendwann kommt der Punkt, an dem ich mir selbst beweisen will, dass ich in der Lage bin, diesen Slalom oder diese Abfahrt perfekt zu meistern. Dann habe ich die richtige Spannung erreicht.
SPIEGEL: Das klingt nach Selbsthypnose.
Kjus: So würde ich es nicht nennen. Aber wer im Skirennsport Erfolg haben will, muss die Kunst beherrschen, seine Selbstzweifel in den Griff zu bekommen.
SPIEGEL: Ihr langjähriger Trainer Martin Oßwald, jetzt Coach der deutschen Männer, bezeichnet Sie als »Genie auf Ski«. Sie waren Olympiasieger und sind amtierender Weltmeister im Riesenslalom und im Super-G. Warum aber waren Sie nie der Superstar des Skizirkus?
Kjus: Ich bin sicherlich kein Langweiler. Ich mag es auch, wenn ich Anerkennung für das bekomme, was ich geleistet habe. Aber ich will kein Medienstar sein. Ich liebe die Ruhe. Deshalb ziehe ich mich immer wieder zurück. Es ist alles viel einfacher, wenn man kein Star ist, nicht belagert wird von Presse und Fans und nicht diesem enormen Erwartungsdruck unterliegt.
SPIEGEL: Das richtige Image kann aber auch sehr hilfreich sein. Zum Beispiel bei der Eigenvermarktung.
Kjus: Ich brauche kein Image, ich gewinne Weltcup-Rennen. Nur wer siegt, ist interessant. Es mag Sportler geben, für die das nicht gilt, so wie die Tennisspielerin Anna Kurnikowa, die in aller Welt berühmt ist, weil sie Einblicke in ihr Privatleben gewährt. Aber das ist nicht mein Stil.
SPIEGEL: Der Ski-Weltverband (Fis) wünscht sich von den Weltcup-Profis mehr Star-Appeal. Der alpine Skisport, so heißt es, verkomme ohne Show zur Randerscheinung. Der Auftakt-Riesenslalom in Sölden wurde selbst in Ihrer Heimat nicht live übertragen.
Kjus: Das Problem des Weltcup liegt nicht im mangelnden Star-Appeal seiner Darsteller, sondern im unübersichtlichen Rennkalender. 20 Veranstaltungsorte in 11 Ländern, das ist einfach zu viel. Die Zuschauer wissen ja oft gar nicht mehr, auf welchem Berg wir uns gerade befinden. Die Medien haben keine Zeit, um die einzelnen Rennen richtig hochzuschreiben. Oft ist es doch so: Wir kommen an, fahren am nächsten Tag ein Rennen und sind, schwupps, wieder weg.
SPIEGEL: Verkauft die Fis ihr Produkt schlecht?
Kjus: Ich finde ja. Wir müssen unsere Wettbewerbe wie die Formel 1 austragen: richtige Rennwochen an einem Ort. Warum sind die Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel alljährlich der Höhepunkt des Winters? Weil wir von Dienstag bis Sonntag
vor Ort sind. Da haben Veranstalter und Presse genug Zeit, Wirbel zu machen. Aber ich fürchte, es ist unmöglich, so einen Gedanken umzusetzen, weil es zu viele Orte gibt, die unbedingt ihr Rennen wollen.
SPIEGEL: In dieser Saison wartet eine zusätzliche Belastung auf Sie: Ende Januar die Weltmeisterschaften in St. Anton.
Kjus: Eine Weltmeisterschaft hat natürlich immer ihren speziellen Reiz. Es wäre aber falsch, sich nur darauf zu konzentrieren. Denn die besten Startplätze bei der WM werden an jene verteilt, die auch im Weltcup-Ranking vorne stehen. Vielfahrer wie ich machen sich deshalb ihren eigenen Kalender. Wenn der Kopf von zu vielen Starts und Reisen leer ist, setze ich vor der WM einfach im Weltcup für eine Woche aus.
SPIEGEL: Wieso tun Sie sich bei so viel Terminen überhaupt den Tort an, alle vier Disziplinen zu fahren?
Kjus: Es ist die ultimative Herausforderung. Im Übrigen stecke ich in einem Dilemma: Ich fahre lieber Slalom und Riesenslalom, aber die besseren Resultate mache ich im Super G und in der Abfahrt.
SPIEGEL: Wie schalten Sie also ab?
Kjus: Ich bin ein Typ, der von Natur aus eher entspannt ist. Wenn ich will, kann ich alles um mich herum ausblenden. Beim Golfen zum Beispiel. Außerdem tanke ich vor der Saison viel Kraft für den Winter.
SPIEGEL: Es heißt, Sie bevorzugen Urlaube auf einer einsamen Insel.
Kjus: Ich verbringe jedes Jahr mindestens sechs Wochen auf einem kleinen Eiland im Skagerrak. Früher gehörte die Insel zu Norwegen, dann ging sie an Schweden über, jetzt habe ich sie mit ein paar Freunden sozusagen zurückgekauft. Es gibt keinen besseren Platz für mich: Ich bin dort allein, alles ist sehr überschaubar - und wenn ich mich anstrenge, schaffe ich es, in einer Stunde einmal herumzujoggen.
INTERVIEW: GERHARD PFEIL, ALFRED WEINZIERL
* Mit seiner Mutter Gertraud (l.) und Freundin Petra in Vail(USA) am 6. Februar 1999.* Mit einer Tänzerin und dem Teamkollegen Kjetil Andre Aamodtbei einer Siegesfeier während der Ski-Weltmeisterschaften in Vail(USA) am 9. Februar 1999.