»Ein geborener Stratege« - DER SPIEGEL
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FUSSBALL »Ein geborener Stratege«

Mittelfeldregisseur Johan Micoud sorgt bei Werder Bremen für lange vermisstes Erfolgsdenken: Weil das Team seit der Verpflichtung des Franzosen ungeahntes Niveau erreicht, sehen die Vereinsoberen ihren Club auf Augenhöhe mit Bayern Münchens Verfolger Borussia Dortmund.
• aus DER SPIEGEL 50/2002
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Das Vormittagstraining war gerade eine Viertelstunde vorüber, da trat der Spieler mit dem bulligen Nacken, den alle »Toni« rufen, frisch geduscht vor das Bremer Weserstadion. Schulkinder umzingelten ihn und wollten Autogramme, Journalisten puderten den dunkelhäutigen Stürmer mit ihren Fragen.

»Wie viele Tore willst du in dieser Saison noch machen, Toni?«

»Hast du Angebote von anderen Clubs?«

»Toni, wann sehen wir dich in der brasilianischen Nationalmannschaft?«

Ailton Conçalves da Silva, 29, mit zwölf Toren nach dem 15. Spieltag treffsicherster Profi der Fußball-Bundesliga, ließ sich Zeit

vor der Kamera. Er fühlte sich geschmeichelt. Ein Boulevardreporter drückte ihm ein Plakat des neuesten James-Bond-Films in die Hände. Die Story des nächsten Tages sollte die Schlagzeile tragen: »007 Ailton - ich habe die Lizenz zum Treffen.« »Gut«, sagte Toni und posierte für den Fotografen. Dann stieg er in seinen dunkelgrauen Porsche 911 und röhrte Richtung Innenstadt.

Der Brasilianer saß längst in einem Café, als sein Teamgefährte Johan Micoud, 29, aus der Kabine kam. Wie meist war er der Letzte. Denn anders als Ailton betrachtet der französische Nationalspieler ein leichtes Training wie dieses am Tag nach der Partie gegen den VfB Stuttgart erst dann als erledigt, wenn der Masseur ihn vom Hals bis zu den Füßen durchgewalkt hat. »Micouds Berufsauffassung«, sagt Werder Bremens Sportdirektor Klaus Allofs, »ist extrem professionell.«

Es ist ein Lob unter vielen. Denn von seinem Neuzugang Micoud redet Allofs wie ein Meerestaucher von seiner kostbarsten Perle. Der Spieler mit der Nummer zehn sei ein »geborener Stratege«, für den »bei aller Kunst der Mannschaftsgedanke im Vordergrund steht«. Der Manager formuliert seine Elogen in leicht gedämpftem Ton - ganz so, als ob er Angst hätte, dass Einkäufer der Konkurrenz auf sein Kleinod aufmerksam würden.

Fest steht indes, dass die Verpflichtung des Mittelfeldspielers dem Club binnen dreieinhalb Monaten enormen Schub verliehen hat. Denn seit Micoud, der »exzellente Passgeber« ("Le Figaro"), beim SV Werder Regie führt, schöpfen Mitspieler wie der alternde Abwehrorganisator Frank Verlaat, der zuweilen lethargische Mittelfeldrenner Krisztian Lisztes oder der kapriziöse Stürmer Ailton ihr Potenzial aus - und die Mannschaft empfiehlt sich als ernsthafter Konkurrent des Bayern-Verfolgers Borussia Dortmund.

Micoud hat seine Ansprüche von Beginn an kundgetan. Es sei »nicht in Stein gemeißelt«, befand er, »dass Bayern und Dortmund immer vor Werder landen«. Seither bekräftigen, ganz untypisch für Bremer Verhältnisse, auch die Clubbosse ihre gestiegenen Ambitionen. Manager Allofs, der es zu Beginn der Spielzeit schon »mutig fand, überhaupt vom internationalen Wettbewerb zu sprechen«, bekennt sich zu höheren Zielen. Wie Mittelfeldmann Fabian Ernst spricht er jetzt »von der Qualifikation für die Champions League«. Werder-Trainer Thomas Schaaf ließ sich unlängst im Fernsehstudio gar zu dem Bekenntnis hinreißen: »Natürlich wollen wir Deutscher Meister werden.« Dafür bekam der reservierte Coach mit dem staubtrockenen Humor donnernden Applaus.

In der Ära des Trainers Otto Rehhagel hatte sich der SV Werder bis Mitte der neunziger Jahre schon einmal auf Augenhöhe mit dem FC Bayern gemessen. Die Rivalität der Clubs - rotes Bremen kontra schwarzes München - trug freilich auch folkloristische Züge. So karikierte der damalige Bremer Manager Willi Lemke seinen Widersacher Uli Hoeneß gern als Blut saugenden Manchester-Kapitalisten, der mit dem Scheckbuch in der Hand gezielt die besten Spieler der Konkurrenz abwerben würde. Seinen Verein hingegen pries Sozi Willi als Hort für alle, die sich von den bösen Bayern geknechtet fühlten. Die Masche zog - niemals war Werder bundesweit populärer.

Dass die Bremer, deren neue Führung den Anti-Bayern-Affekt abgelegt hat, nach etlichen mittelmäßigen Jahren wieder oben mitmischen, war nicht unbedingt zu erwarten. Im Sommer hatten drei Spitzenkräfte den Club verlassen: Torwart Frank Rost wechselte zum FC Schalke 04, Mittelfeldmotor Torsten Frings wurde von Borussia Dortmund abgeworben, Stürmer Marco Bode beendete seine Karriere.

Zeitweilig geriet Allofs auf der Suche nach Ersatz gar in Not. Obwohl Werders Kasse nach den Verkäufen von Frings und Rost mit 16 Millionen Euro gut gefüllt war, platzten angebahnte Verpflichtungen: erst die des Argentiniers Leandro Romagnoli, dann die des Brasilianers Gilberto Silva.

Abwehrchef Verlaat murrte, das Team brauche »unbedingt noch einen Führungsspieler«, und einige Zeitungen warfen Allofs vor, dass er unfähig sei, aus Werder ein Spitzenteam zu formen.

Da kamen dem Manager alte Kontakte zu Hilfe. Allofs, der seit seiner Zeit als Profi bei Girondins Bordeaux und Olympique Marseille prächtige Verbindungen nach Frankreich unterhält, wurde im August von einem Spielerberater angerufen: Micoud sei ablösefrei zu haben, weil dessen Verein, der AC Parma, die Personalkosten dringend herunterfahren müsse. Der Coup glückte. Micoud unterschrieb einen Dreijahresvertrag - und bekommt dafür geschätzte zwei Millionen Euro pro Saison.

Dass sich ein Weltklassespieler für den SV Werder entschied, ausgestattet mit einem Jahresbudget von rund 40 Millionen Euro und hanseatischer Kaufmannstradition verpflichtet, ist das Resultat einer Zeitenwende im globalen Transfergeschäft. Zahlreiche Clubs in den südeuropäischen Hochpreis-Ligen haben sich finanziell übernommen. Um den vollständigen Kollaps zu vermeiden, stoßen sie ihre teuren Stars nun zu Dumpingpreisen ab.

Andererseits scheinen viele Fremdenlegionäre des Fußballs latent beseelt von einer Sehnsucht nach der Idylle. In Italien oder Spanien nämlich hatten sie oft nichts als Ärger: Sie mussten monatelang auf ihre Gagen warten, lebten in sterilen Hotels und lagen mit ihren Clubbossen im Clinch.

Micoud sagte dem SV Werder nicht nur deshalb zu, weil Trainer Schaaf ihm signalisierte: »Genau so einen wie dich habe ich gesucht.« Den Kicker überzeugte auch, dass Bremen einen deutsch-französischen Kindergarten und eine internationale Schule hat, die Stadt überschaubar ist und man ihm eine Wohnung im Grünen versprach.

Dass der aus Cannes stammende Profi so großen Wert aufs Soziale legt, hat selbst die Werder-Verantwortlichen überrascht. Micoud ist bereits der vierte aus der Generation von Frankreichs Welt- und Europameistern, der in die Bundesliga wechselt. Die Nationalspieler, die in Fußballinternaten eine hervorragende Ausbildung genossen haben, gelten als erfolgsorientiert, aber nicht gerade integrationswillig.

So weigert sich Bixente Lizarazu, 33, auch nach vier Jahren beim FC Bayern, in Interviews deutsch zu sprechen. Seine freien Tage nutzt der Verteidiger in der Regel nicht für Ausflüge an die bayerischen Seen, sondern für Kurztrips heim ins Baskenland. Auch Youri Djorkaeff, 34, der bis Februar beim 1. FC Kaiserslautern sein Geld verdiente, erwies sich als ein zu Allüren neigender Einzelgänger. Nach dem Training setzte er sich sofort ins Auto - es zog ihn jenseits der Grenze nach Lothringen.

Micoud zeigte von Anfang an Interesse an seiner neuen Umgebung. Er kündigte an, »so schnell wie möglich« Deutsch zu lernen und feierte mit seinen Mitspielern einen zünftigen Abend zum Kennenlernen. Auch bei der Arbeit betrieb er geschickt die Annäherung. Anstatt seinen Sonderstatus zu betonen, sagte er: »Stars sind etwas fürs Kino.«

Auf dem Rasen repräsentiert der Mann mit dem schnittig gegelten schwarzen Haar einen Spielmacher moderner Prägung, der nicht selbst glänzen will, sondern seine Kollegen in Szene setzt - und damit weit weniger Neidgefühle produziert als Selbstdarsteller vom Schlage Stefan Effenbergs. »So einen intelligenten Mittelfeldspieler hatten wir noch nie«, schwärmt Ailton.

Den divenhaften Stürmer, Werders schillerndste Erscheinung, brachte Micoud frühzeitig auf seine Seite. Bei seinem ersten Testspiel dribbelte sich der Franzose elegant durch den Strafraum - und legte, obgleich in bester Position, dem mitgeeilten Brasilianer den Ball zum Torschuss auf. Ailton, nicht gerade berühmt für seinen Trainingsfleiß, war derart begeistert von so viel Selbstlosigkeit, dass er sich mit Micoud zur Sonderschicht verabredete.

Auch Micouds Einstand in der Bundesliga geriet zu einer Demonstration. Gegen den 1. FC Nürnberg spielte der Franzose Pässe, wie man sie von einem Werder-Profi in dieser Vielfalt wohl noch nicht gesehen hatte. »Das war die Initialzündung«, sagt Sportdirektor Allofs.

Beim 8:0-Sieg im Uefa-Pokal-Heimspiel gegen Metallurg Donezk Anfang Oktober wurde der Neue dann öffentlich befördert. Mannschaftsführer Verlaat reichte bei seiner Auswechslung die Kapitänsbinde an Micoud weiter und nicht, wie vorgesehen, an Victor Skripnik. »Er hat das schönste Tor geschossen«, sagte Verlaat später, »also hat er die Binde verdient.«

Dabei ist Micoud nicht nur der Mann fürs Schöne. Als Bremen am vorvergangenen Sonntag gegen Stuttgart in der zweiten Halbzeit arg unter Druck geriet, stoppte Micoud den Kombinationseifer des Stuttgarter Spiellenkers Krassimir Balakow an der Mittellinie mit einem rüden Foul. Er sah die gelbe Karte, doch fortan war das Spiel ein anderes. Werder erzielte noch zwei Tore, und Micouds Einsatzbereitschaft dokumentierte die Statistik - der Franzose hatte die meisten Ballkontakte und die beste Zweikampfbilanz.

Klar ist: Für Werder eröffnen sich mit Micoud ungeahnte Perspektiven. So verlängerte Abwehrspieler Frank Baumann kürzlich seinen Vertrag bis 2006, obwohl ihm lukrativere Offerten vorlagen. Auch eine vorzeitige Verlängerung des Kontrakts von Ailton, der 2004 ausläuft, gilt als wahrscheinlich. Zwar kokettiert der Brasilianer ungefragt immer wieder mit Angeboten. Doch der sprintstarke Angreifer weiß, dass präzise Pässe wie jene von Micoud für sein Konterspiel unverzichtbar sind.

Für den Strategen von der Côte d''Azur indes gilt das Engagement bei Werder auch als letzter Versuch, den Sprung ins Nationalteam zu schaffen. Gemessen an seinen Fähigkeiten, trat er dort bislang kaum in Erscheinung. Das liegt vor allem daran, dass auf seiner Position im zentralen Mittelfeld Zinedine Zidane spielt. »Was soll ich machen«, sagt er, »Zidane ist eben der beste Fußballer auf diesem Planeten.«

Einmal, im November 2000, wirkte er gemeinsam mit Zidane von Anfang an. Frankreich fegte die Türkei 4:0 vom Feld, und Fabrice Jouhaud, Fußballchef der Fachzeitung »L''Equipe«, spricht noch heute von »traumhaftem Fußball und perfekter Organisation«. Im nächsten Spiel jedoch saß Micoud wieder auf der Bank. Er rätselt bis heute, warum: »ein Mysterium«.

Bei der Weltmeisterschaft im Juni in Südkorea durfte Micoud nur ran, als Zidane wegen Verletzung aussetzen musste. Doch der Stellvertreter passte sich beim 0:0 gegen Uruguay dem desaströsen Niveau der favorisierten Equipe Tricolore an.

Dass der SV Werder kürzlich im Uefa-Pokal an der niederländischen Durchschnittself Vitesse Arnheim scheiterte, brachte den sonst so in sich ruhenden Micoud zum ersten Mal aus der Fassung, seit er in Bremen spielt. Nach der Partie schleuderte er seine Schuhe in die Ecke und wollte partout die Kabine nicht betreten.

Sein Frust war verständlich: Der »Weser-Zidane« ("Bild") benötigt die internationale Bühne, damit sich der neue französische Teamchef Jacques Santini für ihn interessiert. Micouds Ziel ist die Teilnahme an der Europameisterschaft 2004 in Portugal. Aber für die habe er nur eine Chance, sagt er, »wenn ich in einem Verein spiele, der ganz oben steht«. MICHAEL WULZINGER

* Beim 3:1 gegen den VfB Stuttgart vorvergangenen Sonntag inBremen, links: Krassimir Balakow.* Beim 3:2 gegen Slowenien am 26. April 2000 in Paris.

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