»Einmal etwas ganz anderes« - DER SPIEGEL
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FUSSBALL »Einmal etwas ganz anderes«

Nationaltorwart Oliver Kahn über zunehmenden Stress, die Auswüchse des Showgeschäfts und seine Ausstiegspläne
Von Jörg Kramer
• aus DER SPIEGEL 42/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kahn, 30, seit 1994 bei Bayern München, wurde nach der Weltmeisterschaft 1998 Stammtorwart der Nationalmannschaft. Teamchef Erich Ribbeck erklärte ihn zum Gewinner des Duells mit seinem Dortmunder Rivalen Jens Lehmann. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Herr Kahn, was ist mit Ihnen passiert? Sie waren ja zuletzt die Ruhe selbst auf dem Platz.

Kahn: Sie hätten mich, etwa zuletzt bei der Europameisterschafts-Qualifikation gegen die Türkei, eher tobend erwartet?

SPIEGEL: Zumindest im handfesten Dialog mit der deutschen Abwehr, als die so mächtig ins Schwimmen geriet.

Kahn: Die Kunst des Torhüters besteht darin, ein Spiel zu lesen. Dieses in München war durch die Stimmung von den Rängen schon emotional aufgepeitscht. Wenn man da noch mehr Emotionen hineingießt, bringt man sie noch mehr durcheinander. Mit meiner Erfahrung kann ich inzwischen spüren, ob ich die Jungs von hinten aufwecken oder beruhigen muss.

SPIEGEL: Vergangene Saison wünschte Sie ein Bundesliga-Funktionär noch »in den Käfig«. Täuscht der Eindruck, oder sind Sie besonnener geworden?

Kahn: Seit der vergangenen Saison gibt es ja nichts mehr, was mich noch erschüttern könnte. Mein Platzverweis gegen Mönchengladbach, diese Geschichte in Dortmund ...

SPIEGEL: ... wo Sie einem Gegenspieler fast in den Hals gebissen hätten ...

Kahn: ... dann die beiden verlorenen Endspiele mit Bayern München in der Champions League und im DFB-Pokal. Die folgenden drei Monate Pause wegen Verletzung und Krankheit. Da hat man Zeit nachzudenken. Ich habe festgestellt, dass ich mit sturer Verbissenheit nur den Fußball gesehen habe, nichts mehr rechts und links. Auch die konstruierte Torwart-Diskussion in der Nationalmannschaft hat mich weitergebracht.

SPIEGEL: Weil Sie plötzlich der Gejagte waren?

Kahn: Das ist eine völlig andere psychologische Situation. Ich habe ja seit 1994 Welt- und Europameisterschaften immer von der Reservebank erlebt. Wenn man Jäger ist, kommen viele, die einem auf die Schulter klopfen und sagen: Mensch, du bist doch so gut, du müsstest eigentlich spielen. Wenn man jedoch die Position der Nummer eins hat, ist das plötzlich alles nicht mehr da. Man muss sein Revier verteidigen, wird ständig angegriffen. Aber auch damit habe ich mich abgefunden.

SPIEGEL: Das überrascht, wo Sie doch kürzlich geheimnisvoll drohten, einen »Schlussstrich« zu ziehen. Wollten Sie auswandern?

Kahn: Eine Flucht ins Ausland wäre ja keine Lösung. Aber wenn ich merke, dass mein Privatleben und meine Familie unter den Dingen, die das Geschäft mit sich bringt, zu leiden beginnen, dann kann ich sehr, sehr konsequent werden. Und in der letzten Saison gab es Phasen, da war dieser Punkt erreicht.

SPIEGEL: Welche Dinge meinen Sie?

Kahn: An manchen Vorfällen, die dazu geführt haben, dass etwa diese Affenlaute von den Rängen kommen, dieses »Uh-Uh-Uh«, war ich ja selbst beteiligt. Nur nimmt es irgendwann Ausmaße an, dass es keinen Spaß mehr macht. Und als ich neulich in Monaco als bester Torwart Europas ausgezeichnet wurde, haben mich viele Leute darauf angesprochen, wie es möglich ist, dass ich im eigenen Land permanent in Frage gestellt werde. Es beschlich einen das Gefühl, dass man im Ausland höhere Anerkennung genießt als im eigenen Land.

SPIEGEL: Die Berichterstattung drängt Sie zum Ausstieg?

Kahn: Die Berichterstattung bestimmt nicht. Aber man wird sich doch noch kritisch damit auseinander setzen dürfen, wenn es nur noch um das Verkaufen geht und nicht mehr um Informationen. Über den FC Bayern wird wochenlang berichtet, dass einer den anderen im Training ohrfeigt. Sportliches kommt nur noch am Rande vor, Privates wird viel zu wichtig genommen.

SPIEGEL: Sie leben allerdings gut von der Wandlung des Fußballs zum Showgeschäft.

Kahn: Es ist gar kein fußballspezifisches Phänomen, sondern ein gesellschaftliches. In unserer Gesellschaft ist manches degeneriert. Schalten Sie mal mittags den Fernseher ein. Diese so genannten Talkshows - was einem da für ein Niveau geboten wird. Ich würde meinen Kindern verbieten, so etwas anzuschauen.

SPIEGEL: An welche Konsequenzen denken Sie, wenn Sie ein Opfer der Spaßgesellschaft sind?

Kahn: Ich sehe mich nicht als Opfer. Aber man macht sich Gedanken, ob man nicht einmal etwas ganz anderes machen möchte. Eine andere Aufgabe - aber momentan gibt mir der Fußball einfach noch zu viel. Torwart zu sein ist eine Leidenschaft. Nur, wenn mir die irgendwann abhanden kommen sollte, beginne ich nachzudenken.

SPIEGEL: Sie sind am Wirtschaftsleben interessiert, kennen sich an der Börse und auf dem Immobilienmarkt aus. Was schwebt Ihnen als Alternativ-Job vor?

Kahn: Schwierig, das jetzt schon zu konkretisieren. Momentan habe ich es jedenfalls so im Kopf, dass der Fußball für mich irgendwann ein Lebensabschnitt gewesen sein wird und darauf ein ganz anderer Abschnitt folgen sollte.

SPIEGEL: Haben Sie noch Zeit, sich mit anderem zu beschäftigen? Viele Spieler klagen über zunehmende Belastung.

Kahn: Meine neunmonatige Tochter sehe ich nur sporadisch. Man merkt jetzt, was die Ausweitung der Champions League bewirkt. Immer mehr Spiele von immer schlechterer Qualität. Man kann doch den Gregorianischen Kalender nicht überlisten: Der Monat hat nicht mehr als maximal 31 Tage. Bei Bayern München ist das noch extremer. Immer am Limit zu spielen, jedes Spiel gewinnen zu müssen. Was glauben Sie, wie das an die Substanz geht. Dieses ständige Unterwegssein, das ist eine richtige Ochsentour.

SPIEGEL: Brauchen Sie mehr Pausen?

Kahn: Es gibt eine Lösung, wie man das Programm gut bewältigen kann. Nämlich die, dass man uns mindestens sechs Wochen Urlaub am Stück gewährt. Da könnte man sich ausreichend erholen und regenerieren. Doch das ist im Fußballgeschäft, wenn man an der Spitze ist, kaum möglich.

SPIEGEL: Sie sind nun mal Nationaltorwart. Ihr Rivale Jens Lehmann vermutet, er sei jetzt nur deshalb zum Reservisten erklärt worden, weil man sicher sein könne, dass er deshalb nicht ausraste. Wie hätten Sie reagiert, wenn Teamchef Ribbecks Entscheidung anders herum ausgefallen wäre?

Kahn: Ich bin auch kein Mensch, der ausrastet. Nur muss man die Vorgeschichte sehen. Es war ein sehr langer und harter Weg für mich, an die Spitze zu kommen. Wenn nun die Reservebank wieder Thema geworden wäre - ich kann es nicht sagen, man müsste mit dieser Entscheidung konfrontiert werden, man müsste diese Enttäuschung spüren. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass ich auch dann noch mal gekämpft hätte. INTERVIEW: JÖRG KRAMER

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